Das einfache Landleben ist kompliziert geworden

Ulf Meyer
9. März 2020
Blick ins Begleitbuch zur Ausstellung Countryside, The Future (Bild: Taschen)

Das Buch Countryside, A Report versammelt Essays über „Reisen in Regionen, die globalen Kräften ausgesetzt sind“. Damit publiziert Rem Koolhaas eine eher unverbindliche Collage, findet Ulf Meyer.

Rem Koolhaas‘ Karriere begann mit einem Buch über die Stadt New York – das war vor 42 Jahren. Gegen Ende seiner Karriere schließt sich der Kreis für ihn mit einer Ausstellung über das Landleben, die im Guggenheim Museum in New York zu sehen ist. In der Schau untersucht Koolhaas die „Veränderungen, die sich in den nicht-urbanen Regionen der Erde ereignen“ – das sind immerhin 98% der Erdoberfläche. Das Begleitbuch zur Ausstellung („Katalog“ wäre angesichts der text-lastigen Schau nicht das richtige Wort) widmet sich in der typisch Koolhaas‘schen Manier – mit großer Freude an Entdeckungen, Trivia, Sensationen, plakativen Graphiken und Thesen – den „Kräften der Zeit“. Dazu zählen für ihn „Klimawandel, ökologische Zerstörung, Migration, Technologie und demografische Verwerfungen“.

Blick ins Begleitbuch zur Ausstellung Countryside, The Future (Bild: Taschen)

Ganz präzise ist der Untersuchungsgegenstand nicht definiert, denn in erster Linie interessieren den Autoren und sein Team die moderne Landwirtschaft, die zunehmend „gerastert, automatisiert und auf maximale Produktion hin berechnet“ viele Regionen bis zur Unkenntlichkeit verändert. 
Die tour d’horizon, die dem „Report“ zugrunde liegt, führt von einem Testgelände bei Fukushima in Japan für Landwirtschafts-Roboter über eine nur aus Gewächshäusern bestehende Stadt in den Niederlanden zu den industriellen Landwirtschafts-Konzernen im Mittleren Westen der USA, die eine „regenerative“ Agrikultur entwickeln. So eklektisch wie die Themenauswahl ist auch das Buch selbst – eine zusammenhängende These gibt es ebenso wenig wie eine Konklusion: Das macht das Buch einerseits reich an Stoff, andererseits aber arm an Verbindlichkeit. Es gleicht einer Collage, einem ausgeschütteten Zettelkasten. 

Blick ins Begleitbuch zur Ausstellung Countryside, The Future (Bild: Taschen)

„Die Tatsache, dass mehr als 50 % der Weltbevölkerung in Städten lebt, ist zum Vorwand dafür geworden, ländliche Gebiete zu ignorieren“, behauptet Koolhaas, der überrascht war, „wie massiv sich dort alles verändert hat“. Die Geschichte dieses Wandels sei „noch weitgehend un-erzählt.“ Das will das Buch Countryside ändern. Ruckzuck kommt man von Fragen der modernen Landwirtschaft zu Fragen der Gesellschaft, wie die Kapitel über den tauenden Permafrost in Zentralsibirien und Flüchtlinge, die sterbende Dörfer in der deutschen Provinz bevölkern, beweisen. Viel Raum widmet das Buch den Berggorillas in Uganda, die erstmals Menschen begegnen und chinesischen Dörfern, die sich in ein Amalgam aus Produktionsstätte, E-Commerce-Laden und Fulfillment-Center verwandelt haben. Polemik scheint den Autoren wichtiger als Kontext, ihr Buch ist dafür eine Fundgrube. Die Publikation im Pocket-Format wurde von Irma Boom gestaltet, beigetragen haben Koolhaas‘ Recherche-Büro AMO und mehrere Studenten-Gruppen.

Countryside – A Report

Countryside – A Report
AMO, Rem Koolhaas

10 x 16 cm
352 Seiten
Softcover mit Klappen
ISBN 9783836584395
Guggenheim TASCHEN
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