„Bei der jungen Generation zeichnen sich positive Veränderungen ab“

Elias Baumgarten
27. Mai 2020
Illustration: World-Architects.com

Peter Haimerl, Sven Matt und Roman Hutter haben sich über das Architekturgeschehen im D-A-CH-Raum ausgetauscht. Sie sprachen über das Bauen in ländlichen Gebieten. Architekt*innen, fordern sie, sollen sich für Bautraditionen und historische Substanz einsetzen und vor allem mit einer klaren sozialen und politischen Vision vor Augen eine weitsichtige, zukunftsorientierte Stadt- und Raumplanung vorantreiben.

Elias Baumgarten: Seit Wochen sind nun schon die Grenzen zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz blockiert. Davon dürfen wir uns nicht auseinandertreiben lassen. Darum laden wir seither Architekt*innen aus unseren drei Ländern zum ungezwungenen Austausch via Skype ein. Kürzlich sprachen Lilitt Bollinger, Stefan Marte und Max Otto Zitzelsberger miteinander.
Auch von euch möchten wir nun wissen, wie ihr über das Architekturgeschehen und die Verfassung der Baukultur im D-A-CH-Raum denkt. Alle kennt ihr euch besonders gut mit dem Bauen in ländlichen Regionen aus. Um dieses Thema soll es heute besonders gehen. Peter, du bist mit deinen Projekten im Bayerischen Wald, deiner Heimat, bekannt geworden – wie ist es, dort zu bauen?

Peter Haimerl: Ich glaube, die Situation hier in Deutschland ist eine völlig andere als bei euch in Vorarlberg und der Schweiz. Eine Durchdringung mit architektonischem Denken ist – zumindest auf dem Land – fast nicht vorhanden. Und im Bayerischen Wald gilt das noch in erhöhtem Maße. Das mag jetzt ziemlich böse klingen, aber architektonischen Anspruch gibt es seitens Behörden und der Bevölkerung fast gar nicht. Auch haben wir in der Region kaum gute Architekt*innen – unsere Talente wandern in die nächstgrößeren Städte wie Regensburg oder Passau ab, gehen nach München oder gar ins Ausland. 

Roman Hutter: Ich denke nicht, dass das allgemeine architektonische Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung höher ist. In meiner Wahrnehmung steht und fällt ein gutes Bauwerk – neben dem Architekten – mit der Bauherrschaft. Wenn letztere nicht affin für die wichtigen Themen der Architektur ist, macht es wenig Sinn, Zeit und Energie zu verschwenden, um das Gegenüber von einer architektonischen Haltung zu überzeugen. Man muss sich schon überlegen, mit wem man arbeiten möchte. Wir versuchen stets, gleich zu Beginn zu verstehen, was die Leute tatsächlich berührt. Uns ist wichtig, dass der eigentliche „Luxus“ in der Struktur eines Hauses zu finden ist, in den Materialien und der handwerklichen Umsetzung. Rein spekulative Aufgaben interessieren uns nicht.

PH: Also komm, bei euch gibt es doch flächendeckend ein architektonisches Bewusstsein, an das man anknüpfen kann. Organisationen wie der Schweizer Heimatschutz oder die Denkmalpflege sorgen dafür, dass es auch am Land eine hochstehende Architekturkultur gibt. Das haben wir in Bayern alles nicht. Wirkt denn das nicht? 

RH: Doch, natürlich! Diese Organisationen sind eine große Unterstützung. Trotzdem gibt es in weiten Teilen der Bevölkerung nur wenig Verständnis für die Baukultur, die in unserem Land, auch dank den grenznahen Einflüssen, sehr reichhaltig ist und für die Identität zwingend erhalten bleiben muss. Die Leute sehen und schätzen oftmals nicht, was sie haben. Ich stamme selbst aus den Bergen, lebe und arbeite aber heute in der Stadt – ich empfinde es als großes Privileg, von beiden Welten lernen zu dürfen. Wir erleben immer wieder das Paradox, dass Städter eher bereit sind, die rurale Baukultur in Ehren zu halten als die einheimische Bevölkerung – ähnlich verhält es sich vermutlich auch umgekehrt.

Sven Matt: Wir haben es gut in Vorarlberg. Die ältere Architektengeneration hat uns ein gemachtes Nest hinterlassen. Das aktuell wichtigste Thema bei uns ist die Raumplanung. Wie können wir unsere Dorfkerne erhalten und an unseren traditionellen Siedlungsstrukturen weiterbauen? Dafür gibt es heute keine überzeugenden Konzepte. Überhaupt überlassen wir Architekt*innen bei diesem Thema die Initiative anderen. Das ist fatal, überall entstehen nach wie vor Einfamilienhaussiedlungen. Das ist nicht nur gestalterisch eine Katastrophe, weil es sich um keine traditionelle Typologie handelt und die Bauten die gewachsenen Strukturen stören, sondern vor allem auch ökologisch. Ich kann mir vorstellen, dass ist auch in Deutschland ein Thema.

Peter Haimerl, „Archiv der Zukunft“ am Stadtplatz von Lichtenfels, seit 2018 (Visualisierung: Peter Haimerl Architektur)
Die Form des Bauwerks wurde parametrisch entworfen. Gebaut werden soll es von Robotern. (Nordansicht: Peter Haimerl Architektur)

PH: Nach meiner Überzeugung haben wir in Deutschland gar keinen Städtebau mehr. Und ich glaube, dass die Architekt*innen daran massiv mit schuld sind. Mit der Moderne wurden Qualitäten und Fähigkeiten, die europäische Architekt*innen vormals hatten, aufgegeben. Alles wurde in Klötze und Kisten gepackt, Räume spielen doch seit 1920 keine Rolle mehr. Das ist ein schlimmes Erbe! Niemand, weder die Architekt*innen noch die Bevölkerung, hat mehr ein Gespür für Stadtraum, überhaupt für Raum. Denn moderne Architektur kennt keine Räume und Zwischenräume, sondern bestenfalls Formen. Und selbst die werden negiert, denn alles wird zu Tode reduziert – es ist eine einzige Katastrophe. Es gibt keine Strukturen mehr, an die man anknüpfen könnte. Alles muss neu erfunden werden. Als Architekt ist man Makler, Harlekin, Scherzkeks und Motivator, man muss die Leute nicht nur von Projekten überzeugen, sondern auch vermitteln, dass es (wieder) einen dramaturgisch durchgestalteten Stadtraum braucht. 

SM: Ich stimme dir voll zu, Peter! Durch die Konzeptlosigkeit in Bezug auf Städtebau und Raumplanung gehen auf dem Land sehr viel an Qualitäten verloren. Wir Architekt*innen haben es, salopp gesagt, verbockt! Die Geisteshaltung, die wir über Jahrzehnte selbst propagiert haben, feuert nun gnadenlos zurück. Niemand braucht sich wundern, dass überall Einfamilienhaussiedlungen ausgewiesen werden. Wir werden heute sogar schon von Laien belächelt, wenn wir Satteldächer zeichnen. „Was, ihr baut so traditionell?“, heißt es dann. Das irritiert mich sehr.

RH: Bauen ist etwas Öffentliches! Ich denke, vielen ist das nicht bewusst. Ein Haus ist kein Bild, das man sich mal eben nach Belieben an die Wand hängt. Bauen bedeutet Verantwortung. In der Schweiz haben wir das Problem, dass die Haltung verbreitet ist, man könne mit seinem Eigentum und auf seinem Grund und Boden anfangen, was immer man wolle. Nach meiner Auffassung entsteht gute Architektur aus dem Ort heraus, was das Material und die daraus resultierende Struktur einschließt. Eine gesunde Bescheidenheit tut den Orten gut.

PH: Das sehe ich anders, Roman. Architektur ist wie Musik! Sie muss Emotionen wecken und voller Energie sein. Wir Architekt*innen müssen Verantwortung übernehmen und starke Räume schaffen! Und vielleicht müssen wir den Leuten auch erlauben, anzugeben. Früher wurde mit Häusern Prestige gezeigt, gerade am Land. Die Menschen mögen das. Darum fahren sie protzige Autos und brauchen stets das neuste iPhone. Schau dir alte Schweizer Bauernhäuser an – da wurde versucht, über Schmuck und reiche Verzierungen Wohlstand zu zeigen. Selbst im Bayerischen Wald, einer traditionell armen Region, war das so.

RH: Du missverstehst mich. Mit Bescheidenheit meine ich nicht fade, blasse und uninspirierte Bauten. Nehmen wir Peter Zumthor zum Beispiel: Viele seiner Bauten wirken in ihrer Anmut durchaus bescheiden und doch sind sie sehr kraftvoll. Nebenbei passen sie sich hervorragend in den jeweiligen Kontext ein.

PH: Auch das ist ein Missverständnis. Ich bin ja schon etwas älter als ihr, ich sag euch, wieso Zumthor so großartig ist: Seine Räume besitzen eine ausgefeilte Dramaturgie, es gibt enge, intime und offene, weitläufige Bereiche – wie in einer mittelalterlichen Stadt. Das ist wunderbar, das weckt Emotionen. Und mit solchen Gestaltungen trat er zu einer Zeit auf den Plan, als die Schweizer Architektur trocken und langweilig war, dass es nur so staubte.

Architekten Innauer Matt, Bergkapelle „Wirmboden“, Schnepfau, 2017 (Foto: Adolf Bereuter)
Foto: Adolf Bereuter
Foto: Adolf Bereuter

SM: Nochmals zurück zur Musik, Peter. In Vorarlberg singen eigentlich alle ein ähnliches Lied – und das finde ich gar nicht schlecht. Vielleicht, Roman, meinst du das mit Bescheidenheit: Es müssen nicht alle lauthals durcheinander quäken.
Als junge Architekt*innen werden wir oft gefragt, wogegen wir aufbegehren. Aber es gibt hier in Vorarlberg keinen großen Unterschied zur Generation vor uns. Sie hat qualitätsvolle Architektur geschaffen, bei der wir gut anknüpfen können. Vielleicht, Peter, liegt hier der Unterschied zur Realität in Bayern.

PH: Im Bayerischen Wald wurden in den letzten 30 Jahren die meisten historischen Häuser zerstört. Das ist tragisch, denn heute fehlen die Bauten, das Gefühl, die Geschichten und, wie vorhin erklärt, die Architekt*innen. Der Bayerische Wald ist eine andere Nummer als Südtirol, Vorarlberg oder die Schweiz! Und leider steht die Region stellvertretend für viele in Deutschland.
Darum wünsche ich mir, dass wir Architekt*innen uns exponieren. Wir müssen ins Risiko gehen, Verantwortung übernehmen. Die Leute wünschen sich einzigartige Gestaltungen von Charakteren. Wer sich hinter seinem Ethos versteckt beziehungsweise im Elfenbeinturm, wird nicht ernst genommen. Gerade erst habe ich eine Dokumentation über Queen gesehen. Das waren nicht nur geniale Musiker, sondern vor allem auch supergute Performer. Die Leute wollen nicht nur Häuser, sondern Geschichten und Personen.

EB: Wie man performt, Laien eine Gestaltung vermittelt oder einen Gemeinderat überzeugt, wird einem leider an keiner Hochschule beigebracht. Wir haben im Studium ausschließlich gelernt, unsere Entwürfe einem kleinen, immer gleichen Personenkreis schmackhaft zu machen. Alles war bald berechenbar, man wusste, welche Argumente man zu bringen hatte und welcher (Fach-)Sprache man sich bedienen musste. Wie die Realität nachher aussehen würde, erfuhr man allenfalls in seinen Praktika. Ich finde, hier müsste angesetzt werden. Ansonsten wird es wohl immer bei einzelnen (jungen) Architekt*innen bleiben, die sich, wie du es dir wünscht, Peter, einmischen und engagieren. In der Schweiz haben wir glücklicherweise wenigsten ein paar davon.

Roman Hutter Architektur, Umbau Bauernhaus, Kirchbühl, 2019 (Foto: Markus Käch)
Foto: Markus Käch
Foto: Markus Käch

PH: Lasst mich nochmals auf die Stadt- und Raumplanung zurückkommen. Ich stelle immer wieder fest, dass Gemeinden und Städte konzeptlos sind, kurzsichtig und träge, geht es um die Zukunft. Es gibt keine Visionen und Ziele, kaum jemand denkt über Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen wie den Klimawandel, die voranschreitende Digitalisierung, die tiefgreifende Veränderung der Arbeitswelt, die wachsenden Unterschiede zwischen Arm und Reich oder die demographischen Verwerfungen unserer Gesellschaft nach. Meine Erkenntnis der letzten Tage, die uns gezeigt haben, wie schnell alles nichts ist und man alleine und hoffnungslos dasteht, ist, dass sich Architekt*innen einmischen müssen. Planung heißt nicht nur, sich mit Leerständen, Verfall und Architekturqualität zu befassen, sondern zu fragen, in welcher Gesellschaft und welchen Städten wir leben möchten. Wir sind trainiert, einen ganzheitlichen Blick auf komplexe Zusammenhänge zu haben, das sollten wir einbringen. Ich bin überzeugt, viele Expert*innen aus anderen Bereichen würden dann gerne in die Debatte einsteigen.

RH: Richtig! Und ich denke auch wie du, Elias, dass die Ausbildung und eigentlich schon die Erziehung auf diesem Weg eine ganz wesentliche Rolle spielen. Bei der jungen Generation zeichnen sich positive Veränderungen ab. Mir scheint, die Bereitschaft im Sinne von Gemeinwohl und Nachhaltigkeit zu verzichten steigt, die Fixierung auf Leistung und finanziellen Wohlstand nimmt ab. Man sieht das an der wachsenden Akzeptanz für neue Wohnformen, Sharing-Konzepte und dergleichen mehr.

PH: Ich sehe diese positive Tendenzen auch. Doch die Frage ist, schaffen wir das räumlich umzusetzen. Wer formt die Welt von morgen? Bei uns sollten längst alle Alarmglocken läuten: Aktuell gibt es Wirtschaftsmagnaten aus dem Internetbereich, die enorme Macht erlangen. Alphabet, Googles Mutterfirma, wollte in Toronto mit ihrer Tochter Sidewalk Labs schon ein ganzes Stadtquartier als sogenannte „Smart City“ verwirklichen; vor wenigen Tagen erst wurde der Plan noch durchkreuzt und aufgegeben. Es wird Zeit, dass wir als Architekt*innen uns gemeinsam engagieren, den Mund aufmachen und dabei vor allem von Anfang an mit anderen Akteuren, insbesondere der Politik zusammenarbeiten – denn alleine werden wir immer abhängig von anderen bleiben und wenig zu melden haben.

Peter Haimerl hat an der Fachhochschule München Architektur studiert. Danach arbeitete er zunächst für Günther Domenig und Raimund Abraham. 1988 bis 1990 beteiligte er sich am Forschungsprojekt „Die offene Stadt“ mit Paul Schlossbauer und Armin Lixl. 1991 gründete er ein eigenes Büro in München. Sein Projekt „Birg mich, Cilli!“ (2009), der Umbau eines Bauernhauses im Bayerischen Wald, brachte ihm den internationalen Durchbruch. 2010 initiierte er gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege das Projekt „Haus.Paten BayerWald“ zum Schutz regionaler Baukultur und zum Erhalt historischer Bausubstanz.
 
Roman Hutter hat an der Fachhochschule Luzern und an der TU Wien Architektur studiert. Er arbeitete in Büros unterschiedlicher Größe, bevor er 2010 ein eigenes gründete. Das mittlerweile zehnköpfige Team bearbeitet Projekte in verschiedensten Maßstäben – vorwiegend im sensiblen Kontext und im denkmalpflegerischen Bereich.
 
Sven Matt hat bis 2007 in Innsbruck und an der TU Wien studiert. Während dem Studium und danach arbeitete er bei Bernardo Bader Architekten in Dornbirn. Nach erfolgreicher Ziviltechnikerprüfung gründet er 2012 mit Markus Innauer das Büro Innauer Matt Architekten mit Sitz in Bezau im Bregenzerwald. Zwischen 2016 und 2019 war er Mitglied im Vorstand des Vorarlberg Architektur Instituts. Seit 2018 ist er Gestaltungsbeirat der Gemeinde Alberschwende. 

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