Baue lieber himbeerrot

Katinka Corts
3. Februar 2021
Das Raspberry Haus ist zum Bau des Jahres 2020 gewählt worden (Foto: Roman Mensing)

Mit dem Raspberry Haus hat dieses Jahr wohl das farbigste Gebäude, das wir je vorgestellt haben, bei der Leserwahl zum Bau des Jahres 2020 den ersten Platz errungen. Der „Showcase“, wie Kilian Kresing den Bau in Münster vergangenen August im Interview nannte, hat es also auf die Bühne geschafft. Wir blicken zurück auf die diesjährigen Abstimmung.

Inszenierung siegt, könnte man dieses Jahr über den Ausgang der Wahl sagen: Die Projekte eins, zwei und drei, auf die insgesamt gut ein Drittel aller Stimmen entfiel, sind eher laut als leise, deutlich extrovertiert und stehen für einen ungewöhnlichen Ansatz. Beim 2019 in Münster fertiggestellten Raspberry Haus muss sicherlich niemand nach der baulichen Auffälligkeit suchen – inmitten einer durchschnittlich bebauten und wenig überraschenden Münsteraner Straße steht der himbeerfarbene Bau, den die Architekten – selbst zugleich als Bauherrschaft auftretend – umbauten. Das Reihenhaus aus den 1950er-Jahren stand 2017 zum Verkauf und die Brüder Kilian (Architekt im Büro mit Vater Rainer Kresing) und Konstantin Kresing (Kaufmann) konnten es erwerben. Wichtig war den Planern, ein „gesundes“ Haus zu bauen, also auf nachwachsende Materialien und mineralische Dämmstoffe zu setzen. Damit konnten auch deutliche Einsparungen gegenüber der geltenden EnEv erreicht werden, wie uns die Kresings im Interview berichteten. Die vier Etagen sowie das ausgebaute Dachgeschoss werden als Wohn- und Coworking-Räume genutzt. Und die Farbe? Das Viertel könne etwas Farbe gut vertragen, bekannten sich die Bauherren und Architekten letzten August: „Neben den roten Backsteinen sowie gedeckten Farben der Putzbauten sticht das Himbeerrot leicht hervor. Das ehemaligen Arbeiterviertel bekommt damit einen neuen Baustein, der sich klar zur eigenen Familie und Herkunft bekennt.“ Ob mit dem „leicht“ dabei eher das Wort „einfach“ oder das Wort „etwas“ gemeint ist, mag jeder für sich selbst interpretieren. Jedenfalls wird das „leichte“ Hervorstechen dann wohl auch ein Grund gewesen sein, dass das Raspberry Haus die Gunst von so vielen von Ihnen erhielt und schlussendlich Bau des Jahres geworden ist.

Das Düsseldorfer Büro- und Geschäftshaus Fürst & Friedrich belegt den zweiten Platz (Foto: B+E Fotografie)

Den zweiten Platz belegt ein weniger farbenfrohes, jedoch ähnlich aufmerksamkeitserregendes Projekt. Beim Düsseldorfer Büro- und Geschäftshaus Fürst & Friedrich ist der Hingucker – nebst der schieren Größe – die Kombination aus historischer Bausubstanz und zeitgenössischer Architektur. Die klassizistische, nicht unter Denkmalschutz stehende Natursteinfassade habe die Architekt*innen in ihren Bann gezogen, beschrieb es Wolfgang Marcour von sop architekten vergangenen November im Interview. Damit ging es ihnen ähnlich wie Heinz Thoma, dem Architekt des erst 1952 fertiggestellten Vorgängerbaus, bekannt als West-LB-Haus. Jenen viergeschossigen Neubau hielt die zuständige Denkmalpflege 2016 nicht für erhaltenswert, sah aber in der historischen Fassade der ehemaligen Landesbank des Architekten Hermann vom Endt aus dem Jahr 1895 etwas Besonderes. Schlussendlich erhielten die Architekten beim jetzigen Neubau die Front des historischen Baus sowie zwei schmale Stützwände, der Neubau umschließt und überragt diesen Bestandsrest jedoch deutlich und macht ihn zu einer Art Brosche am Revers. Im Inneren des Neubaus überzeugen die nun viel größeren und flexibler nutzbaren Büroflächen, die sich über sieben Geschosse und 115 m Gebäudelänge verteilen.

Den dritten Platz in der Abstimmung erreicht ein Büroneubau für die Ziegler Group von Brückner & Brückner Architekten (Foto: mju-fotografie, Marie Luisa Jünger)

Auf den dritten Rang haben Sie ein Projekt von Brückner & Brückner Architekten gewählt. Es ist weit weniger öffentlich sichtbar als die Vorgänger, hier überrascht ein ungewöhnlicher Ansatz bei der Fassadengestaltung. Im oberpfälzischen Plößberg hat die holzverarbeitende Ziegler Group – eines der größten Sägewerke Europas – ein neues Büro- und Verwaltungsgebäude bauen lassen. Aus der Ferne gesehen ist es unscheinbar, geht es doch mit seiner Baumstamm-Fassade förmlich in den Wald über. Die bis zu 19 m hohen Fichtenstämme ziehen sich vertikal rund um das Gebäude und auch im Inneren des Hauses ist das Thema Holz allgegenwärtig. Dabei diente das neue Verwaltungsgebäude zugleich ein Stück weit als Experimentierfeld, wollten die ArchitektInnen den Baustoff Holz und dessen Einsatz doch weiterentwickeln.

Ausblick 2021

Wir gratulieren allen an den gewählten Projekten baulich und inhaltlich Beteiligten und danken Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, für die rege Teilnahme an der Abstimmung. Auch dieses Jahr zeigen wir bei German-Architects wöchentlich ein Projekt als Bau der Woche und laden Sie ein, uns Ihnen bekannte Projekte vorzuschlagen. Nächsten Januar treten die vorgestellten Projekte dann in der Wahl zum „Bau des Jahres 2021“ an.


Zu den Abstimmungs-Ergebnissen bei...

Swiss-Architects: Liechti Graf Zumsteg siegt mit dem Generationenhaus in Bad Zurzach
Austria-Architects: Snøhetta erklimmt das Podium doppelt
American-Architects: Ein Gesundheitszentrum von JGMA belegt den ersten Platz

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