Anders arbeiten

Katinka Corts
15. April 2020
Einzelarbeit Zuhause ist für die meisten Standard zur Zeit (Foto: Bongkarn Thanyakij via Pexels)

Seit Februar beschäftigt uns alle das neue Coronavirus, seit März steht die Arbeit in vielen Büros Kopf und muss neu organisiert werden. Wie geht es Ihnen mit der aktuellen Situation, wie bewältigen Sie Ihre aktuellen Wettbewerbe, Projekte, Teamsitzungen und Baustellen? Herwig Spiegl von AllesWirdGut, Thomas Auer von Transsolar und Christoph Mäckler nahmen sich Zeit und beantworteten unsere Fragen.

Wie beeinflusst die Corona-Pandemie Ihre Arbeit und wie hat sich Ihre Arbeitsweise verändert?

Herwig Spiegl: Architektur ist ein Teamsport. Und er lebt von der Kommunikation. Die Videokonferenz ist für alle das Gebot der Stunde. Dementsprechend schlecht sind unsere Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Anbietern, es kommt zeitweise zu Überlastungen. Wir haben den Teams offengelassen, wie sie miteinander kommunizieren wollen. Die Jungen sind da sehr wertvoll, da sie generell ein anderes Kommunikationsverhalten mit sich bringen. Zum Beispiel nutzen sie Plattformen, die sonst für das Gaming verwendet werden; sie sind sehr erfinderisch. Nun versuchen wir Erfahrungen auszutauschen.

Thomas Auer: Bei Transsolar sind fast alle im Home Office. Da wir es auch gewohnt sind von unterwegs zu arbeiten lief die Umstellung relativ reibungslos. Die Kommunikation hat sich auf unterschiedliche Kanäle verlagert. Schwierig ist die Situation aber vor allem für die Mitarbeiter die schulpflichtige bzw. kleine Kinder zuhause haben.

Christoph Mäckler: Um den Schutz unserer 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewährleisten, haben wir sehr frühzeitig reagiert und eine räumliche Trennung in vier Arbeitsgruppen eingerichtet. Eine Gruppe arbeitet im Stadtbüro am Main, eine Gruppe im Belvedere darüber und eine Gruppe in unserem Büro am Frankfurter Flughafen. 50 % aller Mitarbeiter arbeiten im Home-Office. Wegen Infektionsgefahr wurden alle Teeküchen geschlossen. Unsere Geschäftsführer arbeiten ebenfalls getrennt voneinander. Telefonkonferenzen ersetzen das persönliche Gespräch und machen die Arbeit dabei nicht einfacher. Die neuen Technologien bieten andere Möglichkeiten der Kommunikation im digitalen Raum, sind aber bei weitem kein Ersatz für das Arbeiten an Plänen und Modellen.

Christoph Mäckler: „Die neuen Technologien bieten andere Möglichkeiten der Kommunikation im digitalen Raum, sind aber bei weitem kein Ersatz für das Arbeiten an Plänen und Modellen.“ (Foto: privat / Christoph Mäckler)

Inwieweit sind aktuelle Projekte oder Baustellen von Ihnen betroffen und wie managen Sie den Kontakt zu Bauherrschaft oder Bauausführung?

Christoph Mäckler: Die 50 Kräne unseres Terminal 3 am Frankfurter Flughafen drehen sich weiter, die eine oder andere Baustelle wurde aber wegen Personalmangel eingestellt.

Herwig Spiegl: Da werden aktuell hochoffizielle Schreiben gewechselt. Zwei grosse Baufirmen in Österreich haben beschlossen, ihre Baustellen zu unterbrechen, auch ohne Regierungsbeschluss. Es gelten da Sonderverordnungen. Wir selber machen relativ wenig Baustellenbetreuung. Unsere klassischen Tätigkeiten sind nicht betroffen.

Thomas Auer: Da wir vor allem in den ersten Leistungsphasen tätig sind stellt sich die Frage nach den Baustellen bei uns eher weniger. Ansonsten kommunizieren wir auch mit den Bauherrn und den anderen Planungsbeteiligten vor allem per Videokonferenzen. Auch dies ist nichts gänzlich Neues für uns – ist jetzt aber natürlich sehr viel mehr und intensiver geworden. An manchen Tagen bin ich in Summe 5-6 Stunden in Videokonferenzen.

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat die aktuelle Situation auf Ihre Arbeit und wie gehen Sie damit um?

Thomas Auer: Bisher wurde noch keines unserer Projekte gestoppt. Wirtschaftlich unsichere Zeiten führen aber normalerweise dazu, dass Investitionen erstmal zurückgestellt werden. Daher wäre es naiv zu glauben, dass uns das nicht auch noch treffen wird. Trotzdem sind wir in einer absolut privilegierten Situation. Nicht nur, dass wir (Transsolar aber eigentlich die ganze Branche) ein paar gute Jahre hatten; aber selbst jetzt läuft alles noch nahezu unverändert weiter. Wir sprechen lediglich davon, dass die Auftragslage sehr wahrscheinlich schlechter werden wird. Das ist nicht ansatzweise vergleichbar mit anderen Branchen, bei denen das ganze Geschäft zum Erliegen gekommen ist; die nicht wissen, wie sie nächsten Monat ihre Mieten oder ihre Mitarbeiter bezahlen sollen. Angesichts der (wirtschaftlichen) Tragödien die sich derzeit abspielen, sollten wir uns nicht beklagen!

Christoph Mäckler: Einzelne Aufträge sind weggebrochen, andere bleiben erhalten, so dass wir zunächst normal weiterarbeiten. Auf Kurzarbeit, wenn sie denn nötig wird, haben wir uns vorbereitet. Da wir auf die Corona-Krise sehr schnell und frühzeitig reagiert haben, konnten wir unsere Bauherrenschaften beruhigen. Die Bearbeitung der laufenden Projekte bleibt aufrechterhalten.

Thomas Auer: „Ich gehe fest davon aus, dass viele Besprechungen auch in Zukunft per Videokonferenz organisiert werden und dass sich unsere Reisetätigkeit reduzieren wird.“ (Foto: privat)

Wenn Sie aktuell die Maßnahmen der Bundesregierung hinsichtlich „social distancing“ erleben, denken Sie, dass diese Erfahrung auch zukünftige Konzepte für architektonische oder städtebauliche Vorhaben verändern wird? Diskutieren Sie derlei Themen aktuell verstärkt mit Ihren Kolleginnen und Kollegen?

Christoph Mäckler: Smart cities? Meiner Meinung nach wird sich nichts ändern! Die einzige Hoffnung ist, dass nun endlich auch die ewig Gestrigen des Städtebaus verstehen, wie wichtig öffentliche Räume, Straßen und Platzräume und deren Gestaltung für das soziale Leben einer demokratischen Gesellschaft sind! Im letzten Stern wurden Bilder von leeren Straßenräumen und Plätzen in Corona Zeiten in der Innenstadt gezeigt. Das wurde als Sensation verkauft. Diese Bilder kann man aber landauf, landab auch ohne Corona-Krise zu jeder Zeit in unseren neuen Stadtquartieren, die auf die grüne Wiese gestellt werden, sehen. Das sind leer gefegte Geisterstädte, weil es keine soziale und funktionale Mischung, vor allem aber keine städtische Dichte gibt.  
Natürlich zeigt uns die momentane Situation, dass es – in der jetzigen Situation glücklicherweise – für große Teile der Bevölkerung bereits technisch möglich ist, die Wohnung kaum mehr zu verlassen. Der Sozialraum unserer Gesellschaft mit realen Begegnungen und Berührungen mit anderen Menschen wird für uns bei allen Vorteilen der Digitalisierung in Zukunft umso mehr lebensnotwendig sein, auch das hat uns diese Krise vor Augen geführt.  Ich fühle mich in der Arbeit in meinem Büro und am Deutschen Institut für Stadtbaukunst bestätigt, mein Augenmerk weiterhin und verstärkt auf die Qualität, die Lebendigkeit und Schönheit unserer öffentlichen Räume zu richten.

Thomas Auer: Der öffentliche Raum ist ein Raum für soziale Begegnung und nicht der „social distancing“. Diese Rolle wird er hoffentlich nach der Krise auch wieder einnehmen. Daher diskutieren wir nicht über Stadtstrukturen die für social distancing geplant werden - zumindest bisher nicht. Was wir hingegen bereits diskutieren ist die Frage, ob home office dazu führen wird, dass der Druck auf den städtischen Wohnungsmarkt nachlassen wird. Wenn ich nicht mehr regelmäßig im Büro in Stuttgart oder München sein muss, wieso ziehe ich dann nicht dahin, wo die Miete viel geringer ist - sofern man dort ein schnelles Internet hat? Interessant ist auch die Frage wie resilient große Stadtstrukturen sind. Dies betrifft aber mehr die Megacities und weniger das eher beschauliche Stuttgart.

Herwig Spiegl: Wir bauen unsere Architektur eigentlich immer um den Raum dazwischen. Diesem Raum haben wir in allen erdenklichen Massstäben immer sehr grossen Wert beigemessen. Wir starten einen Entwurf immer mit dem, was vermeintlich beiläufig dazwischen entsteht. Das planen wir aktiv und bauen den Rest darum herum. Diese Bereiche sind für das Miteinander einer Gesellschaft essentiell. Wir erleben gerade, wie dieser Raum wegbricht, es gibt ihn eigentlich nicht mehr. Wenn das langfristig so bleiben würde, habe ich noch keine Antwort darauf. Ich glaube, dass das für eine Gesellschaft nur schädlich sein kann. Ich kann mir auch keinen digitalen Ersatz vorstellen, der leisten kann, was ein Ort oder ein Raum leistet, in dem Menschen aufeinander treffen. Das hat auch mit Reibung und Auseinandersetzung zu tun, doch dafür braucht es den Raum. Ich fürchte, ansonsten werden wir auf lange Sicht verkümmern. Das will ich mir gar nicht vorstellen müssen.

Wird die Krise dauerhafte Auswirkungen auf die interne Struktur Ihres Büros haben?

Christoph Mäckler: Nein. Unserer Architektur entwickelt sich nach wie vor am Computer, aber auch in Skizzen, Plänen und Modellen, für die wir eigens Modellbauer eingestellt haben. Wir haben unsere digitalen Arbeitsplätze schon vor einiger Zeit aus Sicherheitsgründen in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt und bieten seit langer Zeit auch Home-Office an, zum Beispiel für junge Mütter, die von zu Hause arbeiten wollen. Daran wird sich auch nach Corona auch nichts ändern!

Thomas Auer: Bei uns lässt sich das derzeit noch nicht absehen. Da wir im Büro einen relativ hohen Geräuschpegel haben, war home office auch bei uns schon seit Jahren Standard, wenn jemand konzentriert arbeiten musste. Vielleicht wird sich der Trend weiter verstärken.

Herwig Spiegl: Anstatt zu einem Meeting zu fliegen, kann vieles auch in Zukunft über eine Conferencing-Software gemacht werden. „Aber diese Infrastruktur ist teuer. Der Glaube daran, dass die Technik alles richten kann, muss meiner Meinung hinterfragt werden.“  (Foto: privat / Herwig Spiegl)

Wie, denken Sie, wird die Krise zukünftig Arbeitsprozesse beeinflussen?

Thomas Auer: Ich gehe fest davon aus, dass viele Besprechungen auch in Zukunft per Videokonferenz organisiert werden und dass sich unsere Reisetätigkeit reduzieren wird. Wir merken jetzt wie gut das funktioniert. Nicht nur, dass die Reisezeit eingespart wird - auch die Besprechungen selber sind sehr viel disziplinierter. Die Tage hatte ich eine 90 Minuten Konferenz mit 14 Beteiligten. Wir hätten sicherlich in der doppelten Zeit nicht mehr besprochen, wenn wir uns um einen Tisch versammelt hätten. Dies wird aber nicht alle Besprechungen ersetzen. Ab und an ist auch der small talk am Rande einer Besprechung sehr wichtig.

Christoph Mäckler: Wir erleben eine Flexibilisierung in der Arbeitswelt, die durch diese Krise möglicherweise einen enormen Anschub erhalten hat. Die Einrichtung neuer technischer Möglichkeiten werden Prozesse vielleicht auch vereinfachen und beschleunigen. Unsere Verkehrs-Infrastruktur ist schon lange an ihre Belastungsgrenzen gekommen. Die Krise zeigt uns neue Wege der Entlastung, was vielleicht auch eine Bereicherung ist. Aber der persönliche Kontakt und der Handschlag, der Blick, das Lächeln und ein gemeinsames Glas Rotwein wird durch keine Videokonferenz ersetzt werden können. In Zukunft gilt es, die Vorteile digitaler und analoger Handlungsweisen auszubalancieren.

Herwig Spiegl: Die Corona-Zeit wird auch Chancen mit sich bringen. In schwierigen Situationen kann auch Neues, Überraschendes und Gutes entstehen. Wir lesen ja alle im Moment sehr viel und befassen uns mit Meinungen und Zukunftsvisionen. Da gibt es viele negative, aber Gott sei Dank auch positive Sichtweisen. Ich sehe beispielsweise, dass man, anstatt zu fliegen für ein Meeting, vieles auch in Zukunft über eine Conferencing-Software machen kann. Aber diese Infrastruktur ist teuer. Der Glaube daran, dass die Technik alles richten kann, muss meiner Meinung hinterfragt werden. 

Basierend auf Ihren Erfahrungen aus den letzten Wochen: Haben Sie Tipps für andere Büros, ob hier oder weltweit?

Thomas Auer: Ich habe weniger Tipps als vielmehr eine Hoffnung: wir sehen derzeit, welche Berufsgruppen für die Funktion des Landes entscheidend sind – Pflegepersonal, Ärztinnen und Ärzte, VerkäuferInnen, Menschen in der Logistik, Gastronomiegewerbe; aber auch Menschen die etwas herstellen, Handwerk, etc. Ich hoffe, dass wir auch nach der Krise diesen Menschen die notwendige Wertschätzung entgegen bringen und uns selber nicht so wichtig nehmen. 

Herwig Spiegl: Philosophen wie etwa Yuval Noah Harari stellen wahnsinnig spannende Gedankenexperimente an für die Zukunft. Es gibt auch Positionen, die hoffen, dass alles nicht gut, sondern besser wird. Wir sind grundsätzlich ein optimistisch gestimmtes Team. Darauf müssen wir jetzt alle vertrauen.

Christoph Mäckler: Keep cool! Und nutzen Sie diese Zeiten zum persönlichen Gespräch am Telefon!

Herwig Spiegl gründete das international tätige Büro mit Standorten in Wien und München 1999 gemeinsam mit Andreas Marth, Friedrich Passler und Christian Waldner. Heute zählt es 80 Mitarbeiter*innen.

Christoph Mäckler eröffnete 1981 ein eigenes Büro und war von 1998 bis 2018 Professor für Städtebau an der Technischen Universität Dortmund. Er gründete 2008 das Deutsche Institut für Stadtbaukunst und berät zahlreiche Städte.

Thomas Auer ist Geschäftsführer von Transsolar Energietechnik und seit Januar 2014 Professor für Gebäudetechnologie und Bauklimatik an der Technischen Universität München. 

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