Amöbe im Stützenwald

Katinka Corts
25. August 2021
Foto: Strohhut Pictures

Direkt am Leipziger Innenstadtring hat das Londoner Büro ACME den Neubau für die Sächsische Aufbaubank SAB auf dem ehemaligen Robotron-Gelände geplant. Das Gebäude ist im Juli bezogen worden, die Außenarbeiten laufen noch.

Robotron, der Name stand in der ehemaligen DDR für Computer- und Informationstechnologie. Mit Sitz in Dresden und mehreren Standorten im Süden des Landes war der Volkseigene Betrieb präsent im Stadtraum und besetzte beste innerstädtische Lagen. In Leipzig befanden sich der Bereich Anlagenbau und ein Schulungszentrum, untergebracht in einem siebengeschossigen Großbau mit Innenhof. Nach der Schließung des Betriebes 1992 nutzten verschiedene kleinere Firmen das Gebäude, bis es 2013 schließlich abgerissen wurde.

Foto: Strohhut Pictures
Aufbaubank im Zentrum der Stadt

An seiner Stelle plante ACME in den vergangenen Jahren auf dem etwa 10'000 m2 großen, quadratischen Areal einen sechsgeschossigen Büroneubau für die Sächsische Aufbaubank SAB, der nun bis zu 500 Arbeitsplätze bietet. Das Gebäude zieht sich L-förmig entlang der westlichen und nördlichen Arealgrenze relativ geschlossen gegenüber der umgebenden Bebauung. In Richtung Südosten und Gerberstraße löst es sich in einen Stützenwald auf. Das passt ins gewohnte Stadtbild, schließlich besetzte auch das Robotron-Gebäude den Osten des Geländes, der sich in Richtung Innenstadtring und zum ehemaligen Hotel Astoria orientiert, nicht. Die im Durchmesser maximal 1.10 m messenden pilzförmigen Stützen und die schmale Dachhaut hingegen zeichnen die Arealkante locker nach und sorgen zugleich für baulichen Sicht-, Schall- und Sonnenschutz.

Foto: Strohhut Pictures
Durchlässigkeit auf allen Ebenen

Vom offenen Erdgeschoss aus, in dem die Entwerfer bei der Positionierung der Wände genauso wie bei der Fassade mit Rundungen und Freiformen spielen, erreicht man über mehrere Zugänge die oberen Etagen mit den Büroflächen. Im inneren Bereich der Etagen reihen sich unregelmäßig geformte, geschlossene Bereiche aneinander, die die Erschließung, die Sanitäranlagen aber auch Besprechungs- und Lagerräume aufnehmen. Entlang der Fassade ziehen sich mal offene, mal geschlossene Arbeitsflächen und Büros. Dabei ist die Raumabfolge so gestaltet, dass es nicht zu einer optischen Ermüdung kommt wie in so manchem Bürobau – Aus- und Durchblicke sind fast von überall möglich, auch der Bezug zwischen den zwei Bauteilen und zum Hof ist spürbar.

Foto: Strohhut Pictures
Sonderschalung aus dem 3D-Drucker

Baulich interessant gelöst ist auch ein Detail, das im Gegensatz zu den zahlreichen filigranen Betonstützen nicht sofort auffällt: Für die Schalung der halbgewendelten Foyertreppe mit Zwischenpodest wurden mehrfach gekrümmte Elemente mittels 3D-Drucker hergestellt, die den eleganten Übergang zwischen Wand und geschwungener Treppenunterseite ermöglichen. Die Sichtbeton-Oberseite sollte dabei optisch einwandfrei sein. Für die höchstpräzise Schalung kam das Powder-Binder-Jetting-Verfahren zum Einsatz; Schalungshersteller Doka und der 3D-Drucksystemanbieter Voxeljet fertigten die 21mm starken Elemente aus harzverfestigtem Sand an. Vor Ort konnten die Sonderschalbauteile, CNC-gefräste Elemente und Standardschalteile einfach verbunden und aufgebaut werden.

Grundriss Erdgeschoss: ACME
Grundriss 1. Obergeschoss: ACME
Grundriss 2. Obergeschoss: ACME
Grundriss 3. Obergeschoss: ACME
Erinnerung an den früheren Bürgergarten

Im Gegensatz zu seinem Vorgängerbau zelebriert ACME die Themen Transparenz, Begehbarkeit und Öffnung. Der Robotron-Trakt trennte den Innenstadtbereich von dem dahinter liegenden Zooquartier, der Neubau hingegen schafft im Erdgeschoss mit einem breiten, sich weitenden Durchgang die Verbindung zur Nordstraße. Den großen, freien Hof mit Grüninseln und Wasserbassin entwarfen die Berliner Vogt Landschaftsarchitekten. Diese Gestaltung ist eine Reminiszenz an den Löhrschen Garten, der sich auf dem Gelände bis zu seiner Parzellierung im Jahr 1886 befand und als privater, öffentlich genutzter Grünraum den belebteren Innenstadtring mit der nördlich angrenzenden Parthe verband. In Privatbesitz und dennoch öffentlich zugänglich, so möchte auch die SAB gelesen werden, die in etlichen Bereichen Aufbau- und Förderkredite aller Art vergibt. Als Landesförderinstitut des Freistaates Sachsen wurde die SAB mit Sitz in Dresden 1991 gegründet. 20 Jahre später beschloss das Sächsische Kabinett die Verlegung nach Leipzig und konnte 2012 das Baugrundstück an der Gerberstraße erwerben. Bereits 2013 war der Architekturwettbewerb abgeschlossen, bei dem sich ACME gegen die Entwürfe von Ingenhoven Architects und Sauerbruch Hutton Architekten durchsetzen konnte.

Foto: Strohhut Pictures
Überdauernde Kunst

Zwischen den unzähligen historischen Gebäuden Leipzigs ist die neue SAB nach dem Museum der Bildenden Künste (Hufnagel Pütz Rafaelian, 2004) und der Propstei St. Trinitatis (Schulz und Schulz Architekten, 2015) ein weiteres neues Element, das sich im Stadtraum seine Berechtigung und in der Bevölkerung seine Akzeptanz verdienen muss. In der sonst eher mondänen, gründerzeitlich geprägten Stadt fällt der Neubau auf. Eine kleine geschichtliche Verbindung bewahrt er aber auch im Inneren: Die Gipsreliefs, die früher im Robotron-Gebäude verteilt waren und die im Auftrag der SAB – und entsprechend denkmalschutzrechtlichen Vorgaben – geborgen und saniert wurden. Die 1968 angefertigten Arbeiten der Künstler Arno Rink, Klaus Schwabe und Frank Ruddigkeit sind heute im Neubau ausgestellt und zeigen alte Bilder von Fortschrittsglauben und Zukunftsmenschen, die eigentlich auch gar nicht so schlecht in eine Förderbank für Aufbau passen.

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