Alles für den Koch

Katinka Corts
2. September 2020
Foto: Margret Hoppe / Sebastian Stumpf

Ein Niemeyer in Leipzig – und das zudem nicht als Landmarke inmitten des Stadtzentrums, sondern als kleiner Aufbau an einem ehemaligen Kesselhaus im Industriegebiet Plagwitz. Die Geschichte über das richtige Setting für einen Koch soll es gewesen sein, mit der Unternehmer Ludwig Koehne vor neun Jahren den brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer auf ungewöhnliche Weise für sein Bauvorhaben gewinnen konnte.

Es ist die Geschichte über den Beginn eines Projektes, die jeder erzählen würde: Der Inhaber der Leipziger Kirow-Werke Ludwig Koehne schrieb 2011 einen Brief an Oscar Niemeyer, der damals bereits 103 Jahre alt war. Koehne erläuterte, dass er für den experimentierfreudigen Koch und Restaurantchef der beliebten Werkskantine einen besonderen Raum für erstklassige Küche und kleine Feierlichkeiten haben wolle. Ein Speise- und Tanzsaal schwebte ihm vor, die vorhandene Dachfläche könnte als Terrasse genutzt werden, Küchen- und Sanitärräumlichkeiten müssten nicht eingeplant werden, da sie auf der Etage vorhanden seien. „Your architecture simply is well-suited to this construction project“, schrieb Koehne, der sich als Kranbauer sehr verbunden mit dem auch hinsichtlich Statik experimentierfreudigen Niemeyer sah.

Die Glasflächen können zur Verschattung des Raumes unterschiedlich stark verdunkelt werden. (Foto: Margret Hoppe / Sebastian Stumpf)

Niemeyer nahm sich des Projekts an, starb aber bereits ein Jahr später. Er hinterließ jedoch zahlreiche Skizzen und Details, die zeigen, wie die aus hellem Beton und Glas geformte Hülle dereinst auf dem denkmalgeschützten Alten Kesselhaus andocken könnte. In Zusammenarbeit mit Jair Valera, dem Büroleiter des Studios Oscar Niemeyer, und dem ausführenden Leipziger Architekten Harald Kern, entstand über die nächsten Jahre das Projekt. Es dauert seine Zeit, bis Spezialfirmen gefunden waren, die sich die aufgesetzte und teilweise verglaste Betonkugel zutrauten. Mit ihren 12m Durchmesser bekrönt sie heute den zweigeschossigen Backsteinbau und lagert auf einem backsteinfarbenen Vorbau, der erst auf den zweiten Blick gesehen werden will. In seinem Inneren erreicht man rückwärtig die Kugel über eine Treppe oder über einen zentralen Aufzug.

Foto: Margret Hoppe / Sebastian Stumpf

In der Kugel befindet sich oberhalb der Technikebene die Bar, darüber das Restaurant. Aus diesem gelangt man auf die Dachterrasse und blickt von hier – wie auch aus der Kugel selbst – über das Gelände und weit in den Leipziger Westen. Besonders nachts fällt die Lichtinszenierung der Kugel auf, für die das Lichtplanungsbüro Licht Kunst Licht AG (Bonn, Berlin, Barcelona) verantwortlich ist. Dann scheint die Kugel fast zu schweben, so deutlich setzt sie sich vom Bestand ab. Tagsüber dominiert der strahlend weiße Beton, die aus dreieckigen Flüssigkristallfenstern zusammengefügten Glasflächen wirken dann dunkel. Ähnlich den geodätischen Kuppeln von Buckminster Fuller verteilt diese Bauweise die aufkommenden Lasten der Glasflächen gleichmäßig und leitet sie in die Betonkonstruktion ab.

Plan 1. Obergeschoss: Ana Niemeyer Arquitetura e Consultoria LTDA / KERN Architektur UG
Plan 2. Obergeschoss: Ana Niemeyer Arquitetura e Consultoria LTDA / KERN Architektur UG
Plan Dachgeschoss: Ana Niemeyer Arquitetura e Consultoria LTDA / KERN Architektur UG

Ansässig ist das Unternehmen in Plagwitz, einem traditionellen Industriestandort Leipzigs, in dem auch Unternehmen wie die Sächsische Wollgarnfabrik und die Baumwollspinnerei früher produzierten. Die Wollgarnfabrik ist längst zu Lofts umgebaut, die Baumwollspinnerei ist heute eines der größten Kunstareale Europas – auch Neo Rauch hat hier sein Atelier. In nächster Nachbarschaft befindet sich in der Spinnereistraße das Kirow-Werk, das, wie so viele ostdeutsche Unternehmen, der Wandel prägt: Gegründet 1880 und später als Aktiengesellschaft geführt, wurde das Maschinenbauunternehmen nach Ende des Zweiten Weltkrieges enteignet, gelangte erst in sowjetische Hände als Aktiengesellschaft, wurde später ein Volkseigener Betrieb. Nach der politischen Wende in Deutschland kauft Ludwig Koehne – Sohn einer Gleisbauer-Familie aus Oberhausen und zu dieser Zeit Verwalter bei der Treuhand, wo er ehemalige Volkseigene Betriebe „abwickelte“ – 1994 das Unternehmen für jene berühmt-berüchtigte symbolische eine Deutsche Mark. Aufträge gab es damals kaum, die Technik galt teilweise als veraltet und die Zukunft war ungewiss. Und dennoch: Über die darauffolgenden 20 Jahre schafften es Koehne und seine Mitarbeiter*innen, aus dem Unternehmen den Weltmarktführer für Eisenbahnkrane zu machen. Heute konzipieren und bauen sie Lastenfahrzeuge sowie Transporter für bis zu 1400°C heiße Schlacken und exportieren ihre Produkte bis China und Amerika.

Foto: Konstantin Klaas, Licht Kunst Licht AG, Berlin
Bauherr Kirow, Leipzig
Nutzung Kantinenerweiterung der Kirow- und Heiterblick-Werke
Entwurf Oscar Niemeyer
Design Architekt Ana Niemeyer Arquitetura e Consultoria LTDA – Jair Valera
Ausführender Architekt und Projektleitung KERN Architektur UG, Leipzig – Harald Kern
Lichtplanung LICHT KUNST LICHT AG, Bonn
Tragwerksplanung Ingenieurbüro Förster + Sennewald Ingenieurgesellschaft mbH Planungszeit: 2011 (Entwurf); 08/2013 - 08/2016 (Realisierung)
Bauzeit 04/2017 - 06/2020
BGF 218 m²

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