Zurückhaltend und unprätentiös

pape+pape
19. Januar 2022
Neu trifft Alt: Die aufgekippte Traufe der neuen Bibliothek markiert den Haupteingang und schützt den Eingangsbereich vor Witterung. (Foto: Maja Wirkus)

Das Architekturbüro pape+pape hat die Bibliothek des Predigerseminars im Kloster Loccum fertiggestellt. Tore Pape berichtet über die Erweiterung des bestehenden Ensembles.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Der Bauort befindet sich inmitten des mittelalterlichen Zisterzienserklosters Loccum. Durch den Abbruch des in Teilen für die Bibliothek genutzten Baus aus den 1990er-Jahren, dem sogenannten „Prendelbau“, hatten wir die Möglichkeit, das Kloster auf der Grundlage seines historischen Fußabdrucks zu vervollständigen – eine einzigartige Aufgabe. 

Der Prendelbau war zu seiner Zeit eher bedarfsorientiert als auf die Ganzheitlichkeit der Klosteranlage geplant worden und galt bereits zum Zeitpunkt des Wettbewerbs als entbehrlich.

Bauliche Einheit: Die moderne Klosterbibliothek wird form- und materialgetreu aus dem historischen Bestand entwickelt. Vertikal aufgereihte Holzlamellen, die in ihrer Anmutung an Buchseiten erinnern, schützen die Bibliotheksräume vor intensivem Sonnenlicht und Überhitzung. (Foto: Maja Wirkus)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Unser Ziel war es, mit unserem Neubau den Geist des Bestehenden aufzunehmen und weiterzuführen. Hier waren es im Besonderen die Grundwerte der Zisterzienser wie Einfachheit und Zweckmäßigkeit, die uns zu einer zurückhaltenden und unprätentiösen Architektursprache bewegt haben. 

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Der Entwurf nimmt die Konturen der angrenzenden Bestandsbauten auf und führt diese übergangslos fort, sodass ein harmonisches Ganzes entsteht. Die Gebäudefigur leitet sich direkt aus diesen Abhängigkeiten ab. Dabei war es uns wichtig, den Neubau als zeitgemäße und dennoch zeitlose Zutat zu verstehen, die auf historisierende Elemente komplett verzichtet.

Eine geschichtete raue Sandsteinfassade setzt die vorhandene Materialität des Klosters fort. Durch die sich wiederholenden Quadergrößen sowie einheitliche Fugenbreiten erhält die Bauweise eine moderne, geradlinigere Prägung. (Foto: Maja Wirkus)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Die Ausführung fand in enger Abstimmung mit dem Auftraggeber und dem Predigerseminar als Nutzer statt, die sich bereits zum Zeitpunkt des Wettbewerbs mit ihren Vorstellungen in die Auslobung eingebracht hatten. Somit stand für alle Beteiligten im Vordergrund, sich bei der Umsetzung so nah wie möglich am Wettbewerbsergebnis zu orientieren. 

Wenige ausgesuchte Materialien bestimmen das Bild des Freihand-Lesebereich im Erdgeschoss des Neubaus. Die stützenfreien Innenräume der Bibliothek werden mit freitragenden Kassettendecken aus Sichtbeton überspannt, deren quadratisches Grundraster sich bis in die innere Fassadenebene fortsetzt. (Foto: Maja Wirkus)
In den Magazinen der Obergeschosse bilden kompakte Rollregalanlagen die Aufbewahrungssysteme für die Bücher. In der neuen Bibliothek werden insgesamt 120'000 Bände aus unterschiedlichen Zeitepochen untergebracht. (Foto: Maja Wirkus)
Blick in den neuen Freihand-Lesebereich im denkmalgeschützten Kalefaktorium (Foto: Maja Wirkus)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Im Grunde genommen nicht. Zwar haben wir das Projekt sowohl konstruktiv als auch energetisch nach den allgemein geltenden Regeln entwickelt, die prägenden Werte leitet das Projekt jedoch im wesentlichen aus seinem Kontext ab, so dass insbesondere aktuell bedeutsame Werte wie Nachhaltigkeit und Beständigkeit im Hinblick auf die eingesetzten Materialien im Fokus standen.

Die neue Klosterbibliothek (rechts) vervollständigt den ursprünglichen Grundriss der Klosteranlage und sorgt für ein stimmiges Ensemble. (Foto: Maja Wirkus)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Natürlich ist es insbesondere die geschichtete raue Natursteinfassade, die die vorhandene Materialität der Klosterbauten aufnimmt und den Neubau so sehr gut im bestehenden Ensemble verankert – ihn zeitlos, kraftvoll und beständig wirken lässt. Kontrastrastierend hierzu haben wir das filigrane Thema der glatten, vertikal aufgereihten Holzlisenen gesetzt, das dem Entwurf Leichtigkeit und Kontemplation verleiht. Wir denken, dass gerade dieser Kontrast – im Zusammenspiel mit den wenigen strengen Öffnungen – sehr spannungsvoll zu Geltung kommt. 

Im Grunde genommen ist es aber vor allem die Reduziertheit in der Materialität, die dem Gebäude seinen asketischen, ehrlichen Charme verleihen: Naturstein, Holz, Beton und Glas. 

Situation (Zeichnung: pape+pape)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: pape+pape)
Ansicht Schnitt Kalefaktorium Westen (Zeichnung: pape+pape)
Bibliothek des Predigerseminars im Kloster Loccum
2021
Im Kloster 2
31547 Rehburg-Loccum

Auftragsart
Wettbewerb 2016, 1. Preis
 
Bauherrschaft
Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannovers
 
Architektur
pape+pape architekten, Hannover | Kassel
 
Fachplaner
Tragwerksplanung, Drewes+Speth, Hannover
Freiraumplanung, Wette & Küneke, Göttingen
Energydesign, Braunschweig
 
Bauleitung
Wruck + Bähre Architekten, Hannover
 
Kunst am Bau
Kalligrafie, Joachim Propfe, Braunschweig
Kalligrafische Umsetzung eines Zitats als Wandrelief

Ausführende Firmen
Matursteinfassasde: Nüthen Bau und Denkmal GmbH + Co. KG, Bad Lippspringe
Holz-Alu-Fassade: Krebbers GmbH & Co. KG, Krefeld
Sichtestrich: Esco-Estrichbau GmbH & Co. KG, Porta Westfalica
Zimmerer, Dachdecker, Spengler: Brüggemann Dächer GmbH, Liebenau
Holzlamellen: Büter + Jeurink GmbH, Itterbeck
 
Hersteller
Dachziegel: Meyer-Holsen
Naturstein: Bamberger Naturstein
Beleuchtung: Bega, Lightnet
Beleuchtung Kalefaktorium: Sattler, Lightnet

Energiestandard 
EnEv 2013
 
Bruttogeschossfläche
1.400 m²
 
Gebäudevolumen
5.050 m³

Gesamtkosten
ca. 7.000.000 €

Auszeichnung
Wettbewerb 2016, 1. Preis
 
Fotos
Maja Wirkus

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