Wiederbelebte Industriegeschichte

a+r Architekten
1. September 2021
Die in weiten Teilen zerstörte Fassade des Kulturbahnhofs Aalen wurde stilisiert in eingefärbtem Sichtbeton ersetzt – und, wo es möglich war, wurde der historische Charakter wieder belebt. (Foto: Brigida González)

Im Kulturbahnhof Aalen lassen a+r Architekten die Industriegeschichte des Ortes wieder aufleben. Hellmut Schiefer wählt Bilder und Pläne und beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Im neuen Kulturbahnhof Aalen begegnen sich die Aalener Industriegeschichte und die Architektur des 21. Jahrhunderts. Dabei ist es gelungen, die historischen Gebäudefragmente in die Architektur der Gegenwart zu integrieren. In der Vergangenheit wurde das heute als Aalener „Stadtoval“ bezeichnete Gelände unter anderem als Gleisareal der Bahn genutzt. Im Rahmen der innerstädtischen Stadterweiterung nimmt der „Kulturbahnhof“ eine zentrale Stelle ein: Das Gebäude beherbergt nun ein Kino, ein Theater, die Musikschule, hochwertige Veranstaltungssäle für Kulturanlässe sowie Räumlichkeiten für Gastronomie und soll in der gesamten Region Strahlkraft entfalten.

Nach einem Brand im Jahr 2014 befanden sich auf dem Gelände noch die Fragmente einiger historischer Gebäudegruppen. (Foto: Brigida González)
Der neue Kulturbahnhof Aalen auf dem als Stadtoval bezeichneten Gelände. Der Kulturbahnhof nimmt im Rahmen der innerstädtischen Erweiterung eine zentrale Stellung ein. (Foto: Brigida González)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Die vorhandene Industriearchitektur stellt ein wichtiges bauliches Dokument der Eisenbahngeschichte in Aalen dar – es sind die Überreste ortstypischer Gebäude mit einigen markanten Charakteristika, wie eine Sandsteinfassade und kurze Quergiebel. Der Leitgedanke war, das Erbe behutsam zu erhalten und zu einem zukunftsweisenden Kulturzentrum weiterzubauen. Dementsprechend orientiert sich das gesamte Material- und Gestaltungskonzept an der Entwurfsidee, die Industriearchitekturen des 19. und 21. Jahrhunderts auf vielfältige Weise miteinander in Beziehung zu setzen. Der neue Kulturbahnhof bietet Raum für vielfältige kulturelle Ereignisse und die BesucherInnen haben die Möglichkeit, ein Stück Eisenbahngeschichte zu erleben.

Das Erbe behutsam zu erhalten und zu einem zukunftsweisenden Kulturzentrum des 21. Jahrhunderts weiterzubauen, war der Leitgedanke des Entwurfs. (Foto: Brigida González)
Der Längsgiebel des Kulturbahnhofs Aalen wurde durch einen langen, mit gefaltetem Lochblech verkleideten Quader ersetzt. Im Gegensatz zur historischen Sandstein-Fassade ist der aufgesetzte Quader schlicht und zurückhaltend. (Foto: Brigida González)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Vorgefunden haben wir nach einem Brand im Jahr 2014 einige Gebäudegruppen aus dem 19. Jahrhundert. Nach historischem Vorbild wurden die Dächer der kurzen Quergiebel wiederaufgebaut. Ganz anders behandelten wir den Längsgiebel. Dieser haben wir durch einen langen, mit gefaltetem Lochblech verkleideten Quader ersetzt, welcher den räumlichen Bezug zu den städtebaulichen Kanten der südlich angrenzenden Nachbarschaft herstellt. Das Gebäude hat sich mit seinen rund 3'400 m² Nutzfläche zu einem kulturellen Zentrum für Aalen und seine Region entwickelt.

Die historische Fassade bildet die Hülle eines großzügigen Raumangebotes. In diesen vollständig entkernten Raum wurden neue Boxen eingestellt, die den Raum für unterschiedliche Nutzungen zonieren. (Foto: Brigida González)
Das Gebäude beherbergt nun ein Kino, ein Theater, die Musikschule, Veranstaltungssäle für Kulturevents sowie Räumlichkeiten für Gastronomie. (Foto: Brigida González)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Da der Kulturbahnhof ein Gebäude von öffentlichem Interesse ist, wurde er auch als solches behandelt. Es wurden intensive Gespräche mit allen zukünftigen NutzerInnen und dem Gemeinderat geführt. Der Abstimmungsbedarf war sehr hoch und das Raumprogramm wurde speziell auf die unterschiedlichen Bedürfnisse zugeschnitten. Das gemeinsame Gebäude für die vielfältigen, bisher auf mehrere Standorte verteilten Kulturstätten trägt zur Ressourcenoptimierung bei, bündelt Synergien und sorgt langfristig für eine Kosteneinsparung.

Wo es möglich war, wurde der historische Charakter wiederbelebt. Dabei wurde immer darauf geachtet, dass sich der Bestand und die neu eingefügten Bauteile unterscheiden lassen. (Foto: Brigida González)
Blick in das Theater (Foto: Brigida González)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Der ursprüngliche Entwurfsgedanke im Wettbewerb bildete den Rahmen für die Weiterentwicklung des Projekts. Zwar diente das Wettbewerbskonzept während der gesamten Planung als Leitmotiv, jedoch endete das Entwerfen hier nicht. Die Idee wurde im Zusammenspiel mit den BauherrInnen und NutzerInnen weitergestaltet, optimiert und erst dann zur eigentlichen Herausforderung; denn es galt die unterschiedlichen Bedürfnisse in Einklang zu bringen. 

Blick in den großen Veranstaltungssaal inklusive Orgel. (Foto: Brigida González)
Mit seiner ganz besonderen, lichtdurchfluteten Architektur bietet der Kulturbahnhof vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. (Foto: Brigida González)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Das wichtigste Material beim Kulturbahnhof ist der ursprünglich verwendete Sandstein. Die sensible Behandlung der noch vorhandenen Mauerreste war wesentlicher Bestandteil zur Wiederbelebung der historischen Bausubstanz. Hier war ein undogmatischer Umgang mit dem Bestand notwendig. Teile, die nicht mehr erhalten werden konnten, wurden abgebrochen. Um einen Fassadenabschnitt wiederzubeleben, wurde der Bestand, wo es nötig war, mit neuem Sandstein vervollständigt. In den Innenbereichen wurden Beschädigungen entweder verputzt oder blieben sichtbar. Wenn die Bausubstanz so zerstört war, dass sie nicht mehr erhalten werden konnte, ergänzten wir die ursprünglichen Außenwände durch eingefärbten Sichtbeton. Es wurde immer darauf geachtet, dass sich historische und eingefügte Bauteile unterscheiden lassen.

Das neu aufgesetzte Geschoss wurde mit einem gelochten und gefalteten Blech verkleidet, um dieses als Gesamtkörper wahrzunehmen, der nicht in Konkurrenz zur historischen Sandsteinfassade steht.

Lageplan (Zeichnung: a+r Architekten)
Grundriss (Zeichnung: a+r Architekten)
Querschnitt (Zeichnung: a+r Architekten)
Kulturbahnhof Aalen
2020
Stadtoval Aalen, Georg-Elser-Platz 1
73431 Aalen
 
Nutzung
Kulturbau (Theater, Kino, Musikschule und Veranstaltungssäle)
 
Auftragsart
Nichtoffener Realisierungswettbewerb
 
Bauherrschaft
Stadt Aalen
 
Architektur
a+r Architekten, Stuttgart/Tübingen
 
Fachplaner
Bauphysik: GN Bauphysik, Stuttgart
HLS: Keppler & Kaehn, Ulm
ELT: Kummich & Weißkopf, Bopfingen
 
Bauleitung
Ernst² Architekten AG, Aalen
 
Ausführende Firmen
Rohbauarbeiten: Otto Heil GmbH & Co. KG, Etlingshausen
Fenster und Türen: Bäurle Tore und Elementbau GmbH, Nördlingen; Göbes GmbH, Hardheim
Dachabdichtung: Werner Scholz GmbH & Co. KG, Aalen
Dachdecker- und Zimmererarbeiten: Zimmerei Bach GmbH, Stödtlen-Gaxhardt
Natursteinarbeiten: Pfannenstein GmbH, Winnweiler
Metallfassade: Fatec GmbH & Co. KG, Naumburg
Flaschnerarbeiten: Hartmut Risse
Trockenbau: Lindner AG, Arnstdorf
Schlosser: Schlosserei Metallbau Dürrbeck, Neubrunn
Sichtestrich: Hubert Pupeter GmbH Estrichbau, Aichach
 
Hersteller
Fassade: Trapezblech gelocht, Moradelli HmbH, Ismaning 
Parkett: Eiche geölt Hochkantlamelle 16mm, Bembé Parkett, Bad Mergentheim
Sichtestrich: Chemotechnik Abstatt GmbH, Abstatt
Leuchten: Iguzzini, Bega, Delta Light, Planlicht, Zumtobel
Beschläge: FSB
 
Bruttogeschossfläche
7.204,95 m²
 
Gesamtkosten
26.600.000 €
 
Fotos
Brigida González

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