Wie eine kleine Stadt

mvm+starke
17. Mai 2023
Oscar-Paret-Schule mit Schulpark (Foto: Brigida González)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Die Besonderheit bei diesem Projekt liegt hier neben der Tatsache, dass es sich um eine sehr große Schule handelt, in der Bedeutung für die relative kleine Stadt Freiberg am Neckar. Das eher junge Zentrum der Stadt Freiberg spiegelt hierbei in besonderer Weise das Spannungsfeld zwischen Stadt und Landschaft sowie zwischen historisch gewachsener dörflicher Kleinstruktur und geplanter Stadtstruktur wieder. Der Neubau der Oskar-Paret-Schule sowie der später zu erfolgende Abriss der alten Schule bedeuten aufgrund der aktuell exponierten Lage im Zentrum und der Größe des Komplexes eine umfassende Umstrukturierung und Aufwertung der bestehenden Stadträume.

Stadtkante zur umgebenden Landschaft
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?

Die Mensa ist der zentrale Platz. Hier, wo alle zusammentreffen, werden auf zahlreichen Bildschirmen Aktivitäten der Jahrgänge, und allgemeine Informationen an die Schüler übermittelt, hier werden Veranstaltungen stattfinden und zu guter Letzt können die Schüler*innen hier Essen gehen. 

Von diesem Marktplatz aus, Richtung Süden, erstreckt sich die Haupterschließung der Schule. Repräsentative, großzügige Treppenaufgänge, Sitzstufenanlagen und der Ausblick zum Seerosenbecken lassen, entgegen der oft sterilen Schulflure, einen Erschließungsraum voller Leben erwarten. Unmittelbar am Boulevard unweit des Markplatzes liegt die Verwaltung , quasi das Rathaus der Schule. Über die Nebenstraßen Richtung Westen wird der große Fachklassentrakt erschlossen. Hier gruppieren sich die jeweiligen Fachbereiche um die zahlreiche Lichthöfe, die diesen zugleich als Freiklassen und Werkhöfe dienen.

Über die offenen, lichtdurchfluteten Treppenhäuser gelangt man in die Obergeschosse zu allen weiteren Stadtteilen, den Jahrgangsclustern oder Lernhäusern. Farbzuweisungen zu den einzelnen Jahrgängen dienen der Orientierung und schaffen Identität, die insbesondere in der Clustermitte, dem gemeinsamen Quartiersplatz des Jahrgangs, sichtbar wird.

Schulpark auf 2 Ebenen – die Brücke auf das begehbare Dach
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Der Neubau der Oscar-Paret-Schule und der Neubau einer Dreifeldsporthalle im zweiten Bauabschnitt sind der erste Baustein für die Umstrukturierung und Neugestaltung des Freiberger Zentrums auf Grundlage einer städtebaulichen Konzeptvorlage des Büros Aldinger aus Stuttgart mit dem Titel »Plätze«. Aus dieser Konzeptvorlage ergibt sich ein erster Ansatz, aus einer Platzabfolge mit Bezug zur umgebenden Bebauung und deren Nutzung Stadträume mit spezifischen Qualitäten und Nutzungen zu entwickeln.

Der Schulneubau, an der Südwestgrenze des neuen Stadtzentrums positioniert, bildet von Süden kommend den Auftakt und die Adresse der kleinen Stadtkrone von Freiberg. Der Schulkomplex greift das städtebauliche Thema der Plätze auf und bildet mit drei großen und einem kleinen Gebäudeflügel die Stadtkante Richtung Autobahn. Das Gebäude erhält so zwei Seiten, die dem Zentrum zugewandte städtische Seite mit den beiden Vorplätzen an den Haupteingängen und die landschaftliche Seite. Hier schmiegt sich der eingeschossige Sockelbau des Erdgeschosses an den Lärmschutzwall der Autobahn und bildet mit einem begehbaren Dach und eingeschnittenen Höfen einen vielgestaltigen Schulpark auf zwei Ebenen.

Einer der zahlreichen Werkhöfe des Fachklassentraktes
Haben Sie den Auftrag über einen Wettbewerbsbeitrag oder direkt erteilt bekommen?

Grundlage für die Auftragserteilung war ein beschränkter Realisierungswettbewerb mit städtebaulichem Ideenteil im Jahr 2017 mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren. Wir waren als gesetzte Teilnehmer zum Verfahren vorab ausgewählt. Teilnehmer waren Planungsteams bestehend aus Architekt, Landschaftsarchitekt, Fachplaner für HLS und Elektro sowie Tragwerksplanung. Unser Wettbewerbsbeitrag wurde mit dem 1. Preis ausgezeichnet. 

Welche besonderen Anforderungen wurden gestellt? Wie haben Sie diesen im Projekt Rechnung getragen?

Vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeitskriterien im staatlich geförderten kommunalen Hochbau wurde das Projekt unter die Maßgaben des Programms für Nachhaltiges Bauen in Baden-Württemberg gestellt. Hierfür waren zur Steigerung der Gebäudequalitäten die entsprechenden Kriterien in Planung, Ausschreibung und Umsetzung anzuwenden. 

Der Nachweis und die Einhaltung der Kriterien für Gesundheits- und Umweltverträglichkeit, Ressourceneinsparung sowie Nutzerfreundlichkeit wurde durch die Anwendung des Programmsystems NBBW planungs- und baubegleitend geführt.

Die Mensa mit einem der beiden Hauptzugänge
Die Magistrale, der Schulboulevard mit Sitzstufenanlagen und Aufgängen zu den Jahrgangsclustern
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Die Oscar-Paret-Schule vereint die drei Schultypen Gymnasium, Realschule und Gemeinschaftsschule unter einem Dach. Dabei gilt die Maxime »getrennt wo es nötig ist«, im Unterricht, entsprechend der jeweiligen Begabungen und Interessen und »vereint wo es möglich ist«, bei Arbeitsgemeinschaften, der Schülermitverantwortung, Sport- und Kulturveranstaltungen und allen anderen Formen des Schullebens. 

Dieses Selbstverständnis der Schule spiegelt sich nicht nur in den Vorgaben des Raumprogramms sondern auch in vielen Gestaltungs- und Ausstattungsdetails wieder. Ein intensiver Austausch und umfangreiche Abstimmungsgespräche mit der Schulleitung und Fachlehrerschaft haben einen Maßanzug im Bezug auf die Besonderheiten der Oscar-Paret-Schule entstehen lassen.

Einer der drei repräsentativen Treppenaufgänge des Boulevards
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Die Grundgedanken unseres städtebaulichen und hochbaulichen Entwurfes wurden erfreulicherweise beibehalten. In der inneren Organisation gab es insbesondere im Bereich der Schulverwaltung Umstrukturierungen im Vergleich zum Wettbewerbsentwurf, die aber die Grundidee und auch die Grundstruktur nicht infrage gestellt sondern vielmehr zu deren Weiterentwicklung beigetragen haben.

Welche Überlegungen stecken hinter den Entscheidungen für die eingesetzten Materialien?

Bei der Auswahl der Materialien wurde insbesondere bei Fassade und in den hoch beanspruchten Innenräumen robuste, langlebige und nachhaltige Materialien gewünscht. Aus diesem Grund wurde unter anderem im Bereich der Fassade ein Vormauerschale aus Ziegelsteinen und in den Fluren und Treppenhäusern Sichtbeton gewählt.

In der Clustermitte der »Quartiersplatz«, Treffpunkt des Jahrgangs 
Beschäftigten Sie sich im Büro mit den Tendenzen des zirkulären Bauens und der sozialen Nachhaltigkeit?

Grundsätzlich sind das Themen, die auch bei unserer Arbeit immer mehr Berücksichtigung in der Entwurfs- und Planungsarbeit finden. Unser Fokus liegt hier in den letzten Jahren insbesondere darauf, die Architektur nachhaltig beständig zu entwicklen und die Dauerhaftigkeit in der Nutzung und für einen langfristigen Werterhalt zu optimieren. Dies schließt das Thema der zirkulären Betrachtung selbstverständlich nicht aus.

Lageplan (Zeichnung: mvm+starke)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: mvm+starke)
Grundriss Obergeschoss (Zeichnung: mvm+starke)
Schnitt 1 (Zeichnung: mvm+starke)
Schnitt 2 (Zeichnung: mvm+starke)
Oscar-Paret-Schule
2022
Württemberger Str. 3
71691 Freiberg a.Neckar
 
Auftragsart
Wettbewerb
 
Bauherrschaft
Stadt Freiberg a.N.
 
Architektur
mvm+starke architekten, Köln
Michael Viktor Müller (Entwurf), Sonja Starke (Entwurf), Axel Heggemann (PL), Vanessa Zeng, Empar Molto-Siffre, Aleksandre Jankelevic, Laura Elbling, Lea Schanz, Carlota Martinez, Benjamin Schubert 
 
Fachplaner
Landschaftsarchitektur: clubL94 Lanschaftsarchitektren GmbH, Köln 
Tragwerksplanung: B+G Ingenieure, Bollinger und Grohmann GmbH,Frankfurt am Main
TGA: Pfeil & Koch Ingenieurgesellschaft GmbH & Co. KG (HLS), Stuttgart
Raible + Partner GmbH & Co. KG (Elektro), 71254 Ditzingen
Küchenplanung: Henne Ingenieurbüro für Großküchenplanung, Schwieberdingen 
Bauphysik: knp. bauphysik ingenieurgesellschaft mbH,Köln
Brandschutz: Rassek & Partner Brandschutzingenieure, Wuppertal
Projektsteuerung: HWP Planungsgesellschaft mbH, Stuttgart
 
Bauleitung
Jo Carle Architekten, Stuttgart
 
Ausführende Firmen
Rohbau: Wolfer & Goebel Bau GmbH, Stuttgart
Baustelleneinrichtung: Boels Rental Germany GmbH, Mainz
Fassadengerüst: Ligeba Gerüstbau GmbH, Uhingen
Dacharbeiten: W. Müller GmbH & Co. KG Bedachungen, Weinstadt
Klinker-Fassade: Lagierski Klinkerbau GmbH & Co. KG, Neckarsulm
Betonfassade: MAXX raumelemente Betonwerkstein AT GmbH, Abenberg-Wassermungenau
Alu-Fassade: Grebenauer Metallbau Schreiner GmbH, Grebenau
Estrich: Bodenbau Dursun GmbH, Mühlheim
Boden-/Linoleum: Karakus Boden, Hemsbach
Parkett: Gavrilov Fußbodentechnik GmbH & Co. KG, Twist
Fliesen: Fliesen Röhlich GmbH, Wendelstein
Innenputz: Star Fassaden Bau, Eggenstein-Leopoldshafen
Trockenbau 1: Liersch Retail Solutions GmbH, Mainz
Trockenbau 2: Ullrich & Schön, Fellbach-Schmiden
Schreiner Innentüren: Rienth GmbH & Co. KG, Winnenden
WC-Trennwände: Isalith Trennwand GmbH, Schwäbisch Gmünd
Mobile Trennwände: Becker GmbH & Co. KG, Neumünster
Schlosserarbeiten – Geländer: integral GmbH, Deckenpfronn
Ausstattung Fachklassen (Naturwissenschaften): Weber&Kunz GmbH, Stollberg/Erzgeb.
Schreiner II - Allgemeine Ausstattung, Möblierung: VS Vereinigte Spezialmöbelfabriken GmbH & Co. KG, Tauberbischofsheim
Schreiner II - Ausstattung Werkraumklassen: WEBA Schulausstattung GmbH, Oberzent / Beerfelden
Schreiner III - Fußleisten, Verdunkelung, Fensterleibungen: Karl Westermann GmbH & Co. KG, Denkendorf
Schreiner IV - Spinde: Glock GmbH, Murr
Schreiner V - Teeküchen: Dreier GmbH, Iffezheim
Maler: Kraft GmbH, Ludwigsburg
 
Hersteller
Fassadenbekleidung: Ziegel (Wasserstrich) – Vertrieb: Backsteinkontor Köln 
Außentüren: Schüco 
Fenster: Schüco
Raffstore: Warema 
Türbeschläge: FSB / mit Zutrittskontrolle: Salto
Fensterbeschläge: FSB 
Holzinnentüren: Hörmann / Schörghuber
Metallinnentüren: Hörmann
Innentürbeschläge: FSB / mit Zutrittskontrolle: Salto
Türschliesser, Drehtürantriebe, Feststellanlagen: Geze/ Dorma
Dachabdichtung: Soprema
Dachdämmung: Rygol, Xella Multipor / Rockwool
Oberlichter Haupttreppen: Velux
Akustikdecken: Heradesign / Knauf
Fliesen: Mosa
Betonwerkstein: Dasag
Linoleum: forbo
Mobile Trennwände: Nüsing
Innenleuchten: Altena
Fassadenleuchten: Bega 
 
Bruttogeschossfläche
20.052 m2 (ohne Parkdeck) 
 
Gebäudevolumen
83.949 m3 (ohne Parkdeck)
 
Gesamtkosten
75.000.000 € (ohne 2.BA, Sporthalle)
 
Fotos
Brigida González für mvm+starke architekten und Jo Carle Architekten

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