Nordkopf Tower

Serielle Handarbeit

Schulz und Schulz
22. August 2018
Der Wolfsburger Nordkopf Tower ist prägnanter Orientierungspunkt und leitet aus der nördlichen Innenstadt in die Autostadt über (Bild: Gustav Willeit)
Schulz und Schulz Architekten haben kürzlich die Erweiterung des Firmensitzes der Wolfsburger Stadtwerke abgeschlossen. Ansgar und Benedikt Schulz beantworten unsere Fragen zum Projekt.
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Bis vor 20 Jahren prägte die zugige Weite der autogerechten Stadt den Erlebniswert der nördlichen Wolfsburger Innenstadt. Vom Bahnhofsvorplatz blickte man auf einen überdimensionalen Kreisel, der den Zustrom der Autobauer zum Volkswagenwerk regelte. Der Unternehmenssitz der Stadtwerke Wolfsburg auf der gegenüberliegenden Seite wirkte nahezu unerreichbar. Die Krise der Automobilindustrie in den 1990er-Jahren führte schließlich zum Umdenken in der Stadtplanung und wandelte das Quartier um den Nordkopf in eines der dynamischsten Gebiete der Stadt, in dem das neue Kunden- und Verwaltungszentrum der Stadtwerke Wolfsburg AG neben Zaha Hadid’s phaeno der krönende Schlussstein ist.
Das große Foyer ist zentraler Verteiler zwischen Kunden- und Verwaltungszentrum (Bild: Stefan Müller)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Der Neubau erweitert den sanierungswürdigen Unternehmenssitz aus dem Jahr 1961 und prägt das bauliche Image des zentralen städtischen Dienstleisters in den Bereichen Gebäudeinfrastruktur, Telekommunikation, Energie und öffentlicher Nahverkehr. Eine Institution mit diesen «hoheitlichen» Aufgaben sollte sich nicht verstecken, und so haben wir das Gebäudeensemble als markanten Stadtbaustein herausgestellt. Die Erweiterung verstehen wir als Weiterbauen, bei dem Neubau und Bestand gleichberechtigt um einen gemeinsam genutzten Hof organisiert sind und unter einem einheitlichen Fassadenkleid zusammengeführt werden.
Die große Stadtloggia öffnet den Blick über die Innenstadt und das angrenzende Volkswagenwerk (Bild: Gustav Willeit)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Mit dem neuen Kunden- und Verwaltungszentrum rücken wir das Gebäude der Stadtwerke aus leicht zurückversetzter Position in die Straßenraumfluchten von Heßlinger Straße und Porschestraße (Koller-Achse). Die viergeschossige Basis nimmt dabei die Höhen des Blockrands auf und überführt diese in einen 36 Meter hohen, über die Ecke des Blocks auskragenden Turm. Als weithin sichtbarer Hochpunkt markiert dieser den nördlichen Abschluss der Innenstadt entlang des Mittellandkanals und leitet in die Autostadt und das Volkswagenwerk über.
Der zehngeschossige Turm betont die Ecke des Blockrands und kragt 8 Meter in den öffentlichen Straßenraum hinein (Bild: Gustav Willeit)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Um unsere Idee von einem selbstbewussten, prägnanten Stadtbaustein zu schärfen, wurde die Fassade aus über 55'000 eloxierten Aluminiumblechschindeln gefügt, die Bestand und Neubau umhüllen. Das „Schnittmuster“ generiert ein übergeordnetes Fassadenraster von 34 auf 34 Zentimetern, das präzise Bezugnahmen zwischen Neubau und Bestand zulässt. Die Produktion der Schindeln wurde durch eine thüringische Behindertenwerkstatt ausschließlich in Handarbeit umgesetzt.
Bis in die 1990er Jahre wurde das Quartier um den Nordkopf durch die zugige Weite der autogerechten Stadt geprägt (Bild: Renate Reichelt)
Lageplan: Die Erweiterung rückt das Gebäudeensemble aus leicht zurückversetzter Position in die Stadtraumfluchten von Heßlinger Straße und Koller-Achse
Regelgeschoss: Neubau und Bestand ordnen sich um einen gemeinsam genutzten, begrünten Innenhof
Nordkopf Tower
2017

Heßlinger Straße 1-5
38440 Wolfsburg

Nutzung
Kunden- und Verwaltungszentrum

Auftragsart
Architektenwettbewerb, 2014, 1. Preis

Bauherrschaft
Stadtwerke Wolfsburg AG

Architektur
Schulz und Schulz, Leipzig
Prof. Ansgar Schulz, Prof. Benedikt Schulz, Dominik Schürmann, Lothar Wolter, Maria Mitschke, Lukas Schrader, Martin Grasse, Katrin Kortleben

Fachplaner
Tragwerksplanung: Pichler Ingenieure GmbH, Beratende Ingenieure VBI Tragwerksplanung, Berlin
Technische Gebäudeausrüstung: ZBP Zimmermann und Becker GmbH, Leipzig
Bauphysik: Low-E Ingenieurgesellschaft für energieeffiziente Gebäude mbH, Wolfenbüttel
Brandschutz: PL2 Pluralis Planungsgesellschaft mbH, Hannover
Projektsteuerung: Rost+Sehle, Dipl.-Ing. Architekten, Braunschweig

Ausführende Firmen
Metallvorhang-Fassade: Sperber Klempner GmbH & Co. KG, Unterwellenborn
Fenster-Fassade: Geerds Metallbau GmbH, Groß Welzin
Rohbau: Köster GmbH, Osnabrück

Hersteller
Fassade, Metall: Kalzip GmbH, Koblenz
Fassade, Fenster: Schüco International KG, Bielefeld
Beschläge Fenster und Türen: Franz Schneider Brakel GmbH + Co KG, Brakel

Bruttogeschossfläche
18.400 m²

Gebäudevolumen
62.000 m³​

Gesamtkosten
28.800.000 €

Auszeichnung
Niedersächsischer Staatspreis für Architektur 2018, Engere Wahl

Fotos
Gustav Willeit
Stefan Müller

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