Ruhe, Kraft und Dauerhaftigkeit

Bez+Kock Architekten
3. April 2019
Blick aus nördlicher Richtung auf den siebengeschossigen Neubau, dessen schlanke Proportion durch seine volumetrische Abschrägung entsteht (Bild: Brigida González)

Für die Bürgerdienste der Stadt Ulm haben Bez+Kock Architekten einen Neubau geplant. Martin Bez beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Das Grundstück für den Neubau der Bürgerdienste liegt an einer sehr zentralen Stelle der Stadt Ulm, nur wenige Schritte vom Hauptbahnhof entfernt, direkt gegenüber dem Theater. Das Quartier zwischen dem Bahnhof und der Altstadt erfährt derzeit einen vollständigen Umbruch. In direkter Nachbarschaft zu unserer Baumaßnahme entsteht eine große Shoppingmall, dem Bahnhofsplatz wird eine mehrgeschossige Tiefgarage untergeschoben und die vielbefahrene Verkehrsachse Olgastraße soll sich zu einem neu gestalteten Stadtboulevard wandeln. Es ist also vieles in Bewegung und so ging es uns vornehmlich darum, hier einen möglichst selbstverständlichen Stadtbaustein an dieser zentralen Stelle zu bauen, der dem umgebenden Viertel Halt gibt. Es galt, einen Orientierungspunkt für die Bewohner der Stadt zu schaffen. Wohl kaum eine Funktion wäre dafür besser geeignet als der zentrale Bürgerservice der Stadtverwaltung, der als offenes Haus die Schnittstelle von Bürgerschaft und kommunaler Verwaltung besetzt.

Blick auf die Beratungstresen im Erdgeschoss mit den weiß lackierten, handwerklich gefertigten Einbauten und den mit rotem Filz gestalteten Akustikflächen (Bild: Brigida González)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Die städtebauliche Rahmenplanung sieht entlang der Olgastraße einen Rhythmus von fünfgeschossigen Türmen vor, die aus einem zweigeschossigen Gebäudesockel emporwachsen. Der Neubau der Bürgerdienste ist zunächst einmal Teil dieser Stadtsilhouette. Da uns die vorgegebene Höhe des Turmes jedoch zu niedrig erschien, haben wir ihn zur Olgastraße hin abgeschrägt, was dem Haus zu einer schlankeren Proportion verhilft. Diese Schlankheit wird durch die vertikalen Fensterformate noch verstärkt. Das sich aus der Schräge ergebende Spiel zweier Richtungen wird auch für die innere Gebäudestruktur zum zentralen Thema. Lufträume und Kernzonen verknüpfen die Geschosse nicht nur in der Kundenhalle des Sockels, sondern auch in den Turmgeschossen miteinander und lassen so einen innenräumlichen Reichtum entstehen, der im Verwaltungsbau selten zu finden ist. Durch die tiefen, zum Inneren hin konisch zulaufenden Fensterlaibungen verfügt der Neubau trotz der starken Verglasung über eine kraftvolle Plastizität und Präsenz im Stadtraum. Im Übrigen haben wir versucht uns modischer Attitüden zu enthalten und der Stadt ein im besten Sinne klassisches und zeitloses Haus zu vermachen.

Blick aus der vielbefahrenen Olgastraße: Über einem zweigeschossigen Sockel erhebt sich ein fünfgeschossiger Turm auf einer trapezförmigen Grundfläche (Bild: Brigida González)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Gemeinsam mit der benachbarten Handwerkskammer begrenzt der Neubau einen kleinen Platz, von dem aus der Zugang zur doppelgeschossigen Kundenhalle erfolgt. Dieser Platz ist Teil einer wichtigen fußläufigen Achse zur Innenstadt Ulms und ist somit adressbildend für die Bürgerdienste. Im Zuge der Aushubarbeiten wurde in 7 m Tiefe nicht nur die historische Stadtmauer, sondern auch ein mittelalterlicher Pulverturm freigelegt. Mit großem baulichem Aufwand konnten Teile dieser mächtigen Mauern geborgen werden und wurden nun in Situ im Erdgeschoss des Neubaus für die Bürgerschaft sichtbar gemacht. Dezent farbig abgesetzt, zeichnet der Terrazzobelag in der Kundenhalle den Verlauf der Stadtmauer nach. Dem verarbeiteten Ortbeton wurde das für die Gegend typische beigefarbene Juragestein beigemischt. Dieser Zuschlagsstoff wurde anschließend in handwerklicher Arbeit von einem Steinmetz durch Stocken und Scharrieren der Oberflächen freigelegt, was der Fassade eine reizvolle Haptik und eine warme Farbigkeit verleiht. Von der Stadtloggia im obersten Geschoss des Hauses ergibt sich ein imposanter Ausblick über die gesamte Altstadt bis hin zum Ulmer Münster. All diese Elemente tragen zum Verwachsen des Hauses mit der Stadt bei.

Blick in die Eingangshalle, deren zwei Ebenen über einen offenen Treppenlauf und umlaufende Galerien räumlich miteinander verknüpft sind – in der Bildmitte ein originales Mauerstück der historischen Stadtmauer, das während der Bauarbeiten geborgen wurde (Bild: Brigida González)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Wir hatten mit dem Gebäudemanagement der Stadt Ulm eine Bauherrschaft mit sehr ausgeprägtem Qualitätssinn und einer starken Affinität für zeitgenössische Architektur. Dies ist heute bei öffentlichen Bauherrschaften eher selten der Fall. Die Stadt Ulm hingegen pflegt seit vielen Jahrzehnten eine große Tradition bei der Realisierung anspruchsvoller, oft kontrovers diskutierter Architekturen. Von der Hochschule für Gestaltung von Max Bill, über das Stadthaus von Richard Meier, bis hin zur Bebauung an der Neuen Straße von Stephan Braunfels, wurden hier regelmäßig Gebäude von überregionaler Bedeutung realisiert. Es ist sicher kein Zufall, dass die Architekten aus der Landeshauptstadt Stuttgart diesbezüglich etwas neidisch nach Ulm schauen. Oder um es mit einem Vertreter der Bauverwaltung zu sagen: Ulm ist anders.

Blick vom 1. Obergeschoss in das zweigeschossige Atrium, das die Besucher der Bürgerdienste empfängt (Bild: Brigida González)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Es wird natürlich kein Gebäude exakt so gebaut, wie es im Wettbewerb gezeichnet wurde. Das ist auch gut so. Der Wettbewerbsgewinn ist vielmehr der Beginn eines mehrjährigen Verfeinerungs- und Optimierungsprozesses, wobei die prämierte Grundidee aus dem Wettbewerb sicherlich das tragende Leitbild dieses Prozesses darstellen sollte. Der Neubau für die Bürgerdienste steht dafür durchaus exemplarisch. Auf den ersten Blick erscheint das Haus den in wenigen Wochen erstellten Wettbewerbszeichnungen wirklich verblüffend ähnlich. Beim näheren Betrachten wird jedoch eine zusätzliche Bearbeitungstiefe in Materialität und Detail spürbar, die das Ergebnis langer und intensiver Arbeit ist. Nur durch diese umfassende Durcharbeitung und Anreicherung kann dauerhafte architektonische Qualität entstehen. Dieser mühsame Weg besitzt leider keine Abkürzung. 

Offene Verbindungstreppe in das erste Obergeschoss dessen Raumstimmung von den gestockten Oberflächen der Betonkerne geprägt wird (Bild: Brigida González)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Konstruktiv war es die größte Herausforderung des Projektes, ein Sichtbetongebäude in Ortbetonbauweise zu errichten. Dies bedeutet nach heutigem bauphysikalischem Standard, dass man eigentlich zwei Häuser betonieren muss. Ein inneres Haus, welches die Decken trägt und ein äußeres Haus, das wie eine Husse über das innere Gebäude gestülpt ist. Da das äußere Gebäude im Gegensatz zum inneren Gebäude infolge der Temperaturschwankungen einer deutlichen thermischen Längenänderung unterliegt, ist es mit dem inneren Gebäude nicht starr verbunden, vielmehr sind beide Gebäudeteile gegeneinander verschieblich gelagert. Diese Verschiebungsbewegungen betragen an manchen Stellen mehrere Zentimeter und erfordern beispielsweise beim Anschluss der Fenster äußerste Sorgfalt. Auf die Ausbildung von Fugen im Beton konnte verzichtet werden, da das Gitterwerk der Ortbetonfassade durch die großformatigen Öffnungen bereits über die notwendige Elastizität verfügt. Hierfür war eine sehr umfangreiche Abstimmung mit den Tragwerksplanern von Weischede, Hermann und Partner erforderlich. Auch für den Rohbauer war das Projekt eine große handwerkliche Herausforderung, die er jedoch mit Bravour gemeistert hat. Entsprechend der Vorgaben der Stadt Ulm wurde der Neubau annähernd im Passivhaus-Standard geplant.

Blick aus dem Besprechungsraum im 6. Obergeschoss in Richtung der daran angrenzenden Loggia und des Stadtzentrums mit dem Ulmer Münster (Bild: Brigida González)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Die Anmutung des Hauses wird von einer sehr geringen Anzahl unterschiedlicher Materialien geprägt. Der gestockte Beton mit Jurasteinzusatz kommt nicht nur im Bereich der Fassade, sondern auch im Gebäudeinneren zum Einsatz. Als Bodenbelag haben wir einen geschliffenen Terrazzo verlegen lassen, dessen Farbigkeit und Körnung präzise auf den Charakter des Sichtbetons abgestimmt wurde. Fensterprofile und Abhangdecken wurden aus Aluminium in einem matten champagnerfarbenen Eloxalton ausgeführt, der ebenfalls einer warmen Tonalität folgt. Die Sitzflächen und Akustikelemente des weiß lackierten Mobiliars wurden zur Erzeugung einer wertigen und würdevollen Erscheinung mit tiefrotem Filz bekleidet. Diese strikte Materialdisziplin verleiht dem Gebäude Ruhe, Kraft und Dauerhaftigkeit.

Lageplan (Quelle: Bez+Kock Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Quelle: Bez+Kock Architekten)
Schnitt (Quelle: Bez+Kock Architekten)
Bürgerdienste der Stadt Ulm 
2019 
Olgastraße 66
89073 Ulm

Auftragsart
Auftrag nach 1. Preis im Wettbewerb 
 
Bauherrschaft
Stadt Ulm, Zentrales Gebäudemanagement
 
Architektur
Bez+Kock Architekten Generalplaner GmbH, Stuttgart
Martin Bez, Thorsten Kock
Planungsteam: Volker Eisele, Jonas Lenz, Jan Elsenhans, Meredith Atkinson, Maria Dallinger, Christopher Horn, Erik Bossog, Annika Heise

Fachplaner
Tragwerksplanung: wh-p Ingenieure AG, Stuttgart
Projektsteuerung: Drees & Sommer GmbH, Ulm / Drees & Sommer Stuttgart GmbH
Bauphysik: EGS-plan, Stuttgart
HLSK, Gebäudeautomation: Rentschler und Riedesser, Filderstadt
Brandschutz: um+t Umweltingenieure, Ulm
Baugrundgutachten: GeoBüro, Ulm
Förderanlagen, Stark- und Schwachstrom: Conplaning GmbH, Ulm
Landschaftsplanung: silands Gresz + Kaiser, Ulm
SiGeKo: Ast Gmbh, Blaustein
Beratung Sichtbeton: Ingenieurbüro Schießl Gehlen Sodeikat GmbH, München
 
Bauleitung
Ernst2 Architekten, Stuttgart

Ausführende Firmen
Abbrucharbeiten: Max Wild GmbH, Berkheim
Aushub und Verbau: D&K Spezialtiefbau, Bad Grönenbach
Rohbau: Ed. Züblin AG, Stuttgart
Dachabdichtung: Schmidle Dachbau GmbH, Ulm
Metallbau- und Verglasungsarbeiten: Dodel Metallbau GmbH, Ulm
Schlosserarbeiten: MERO-TSK International GmbH & Co. KG, Würzburg
Hohlraumboden: Metallbau Weber GmbH, Schweinfurt
Estricharbeiten: ANDIC Bau, Berlin
Terrazzo: R. Bayer Betonsteinwerk GmbH, Blaubeuren
Putzarbeiten mit WDVS: BB Stuck GmbH, Aldingen
Fliesenarbeiten: Fliesen Galerie Comerc GmbH, Ulm
Malerarbeiten: Mäck GmbH, Ulm | Malerwerkstätten Heinrich Schmid GmbH & Co. KG, Ulm
Sanitär / Heizung / Kälte: Wolfmaier Haustechnik GmbH, Laupheim-Baustetten
Lüftung / Kältezentrale: WSH Wurzinger Klimatechnik GmbH, Schnelldorf-Hilpertsweiler
Elektrotechnik: Dörner Elektrotechnik GmbH, Ulm
Trockenbau: TM Ausbau GmbH, Puchheim
Streckmetall: Schmid GmbH, Simmerberg
Holztüren: Sedlmeyr Spezialtüren GmbH, Friedberg-Rinnethal
Metalltüren: Bran & Co. Metallbau GmbH, Bad Freienwalde
Förderanlagen: C. Haushahn GmbH & Co. KG, Ulm
Förderanlagen PKW-Aufzug: Berchtenbreiter GmbH, Wertingen
Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik: Tesaro Gebäudeleittechnik GmbH, Würzburg
Technische Dämmung: Semrau Isoliertechnik GmbH, Wolfsburg
Rauchschutzvorhang: KGG Brandschutzsysteme GmbH, Wallerstein
Bergung archäologische Ausgrabung: Dipl. Restaurator Matthias Steyer, Eppstein-Niederjosbach
Kampfmittelsondierung: EMC Kampfmittelbeseitigungs GmbH
Umverlegung Versorgungsleitungen: SWU TeleNet GmbH, Ulm
 
Hersteller
Pendelleuchte Büros: Zumtobel, Claris, LED
Folienlichtdecke: Rentex
Waschbecken: Keramag, Renova Nr. 1 Plan
WC-Ausstattung (Papierrollenhalter, Ersatzrollenhalter, WC-Bürste, Hygienebeutelspender, Hygienebehälter): Keuco Plan, Alu
WC-Trennwände: Kemmlit, Primo Kn
Fenstergriffe: Dorma, Ogro „Ulmer Klinke“
Türgriffe: FSB, „Ulmer Klinke“
Schließanlage: EVVA, ICS
Fliesen: Villeroy & Boch
 
Energiestandard
Anlehnung an den Passivhausstandard 
 
Bruttogeschossfläche
5.559 m²
 
Gebäudevolumen
20.750 m³
 
Kubikmeterpreis
ca. 580 € / m³ KG 300+400
 
Gebäudekosten KG 300+400 
ca. 12.000.000 €
 
Gesamtkosten
ca. 18.000.000 €
 
Fotos
Brigida González, Stuttgart

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