Rot in Rot

SEHW Architektur
13. Januar 2021
Foto: Philipp Obkircher

SEHW Architekten haben kürzlich die Grundschule Am Jungfernsee in Potsdam fertiggestellt. Xaver Egger beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Wir setzen ganz im Sinne einer modernen, auf individuelle Förderung ausgerichtete Pädagogik auf flexibel nutzbare Raumkonzepte und informelle Lernbereiche. Ein symbiotisches Zusammenwirken von Architektur, Organisation und Pädagogik ist das Ergebnis.

Schulen haben sich zu ganztägig und inklusiv genutzten Lern- und Lebensräumen entwickelt. Die neuen Schulen benötigen flexibel nutzbare Raumkonzepte. Die „große Schule“ wird dafür in mehrere kleine Organisationseinheiten, die „kleinen Schulen“ oder „Cluster“, unterteilt. So ermöglicht die Organisation in Clustern, in großen Schulen teilautonome sozial-räumliche Einheiten zu schaffen, die für Schüler*innen und Lehrkräfte überschaubar sind und eine Art „Beheimatung“ erlauben. Aus diesen pädagogischen Zielvorgaben ergeben sich neue architektonische Anforderungen. Die Architektur wird zum Pädagogen.

Natürlich gibt es auch „normale“ Klassenräume, aber eben nicht nur. Der Unterricht darf auch in den anderen, informellen Bereichen stattfinden: Auf der großen Foyertreppe mit integrierten Sitzstufen zum Beispiel, in den als grüne Klassenzimmer gestalteten Innenhöfen sowie in den Freiräumen am Abschluss eines jeden Clusterbereiches. 

Foto: Philipp Obkircher
Foto: Philipp Obkircher
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Die Inspiration für die Anordnung der Nutzungen im Gebäude kommt tatsächlich aus dem Begriff der „Beheimatung“. Wie müssen solche Räume aussehen, um für Kinder zur Heimat abseits des Zuhauses zu werden? Und für die Gebäudehülle kommt die Inspiration aus der baulichen Umgebung.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Die Schule befindet sich im denkmalgeschützten Umfeld der Roten Kaserne. Um die Sichtachsen des historischen Areals zu wahren, wurde die Höhenentwicklung des Neubaus auf zwei Geschosse beschränkt und auch in der Wahl der Klinkerfassade orientiert sich der Neubau am Denkmalensemble. Die Rote Kaserne ist hier nicht bloß unmittelbare bauliche Nachbarschaft, sondern quasi Pate und deutliche Referenz für das Kleid der neuen Schule. 

Das Rot der Klinkerfassade aus einem Wasserstrichklinker mit unregelmäßiger Oberflächenstruktur wird durch roten Fugenmörtel noch verstärkt. Die Fassade wirkt damit insgesamt homogener, ohne aber das klinkertypisch Flirrende, Bewegte zu verlieren. Es entsteht je nach Fassadenfläche und Tageslichteinfall ein feines Spiel aus unterschiedlichen Rottönen von orange bis tiefrot und dem Fugenbild der im wilden Verband gemauerten Klinker.

Foto: Philipp Obkircher
Foto: Philipp Obkircher
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Da das Votum des Preisgerichts im vorangegangenen Wettbewerb eindeutig war, gab es wenig Beeinflussungen. Die Nutzer freuten sich auf die räumliche Umsetzung des offenen Lernkonzepts, auch wenn dies anfangs neu und ungewohnt war. Wir stellen gerade bei vielen Schulprojekten fest, dass wir heute für eine Lehrerschaft von morgen planen, die in den nächsten Jahren durch einen Generationswechsel in der Lehrerschaft heranwachsen wird.

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Spannende Frage nach Fiktion und Wirklichkeit. Ich habe dazu die Visualisierungen aus dem Wettbewerb mit den aktuellen Fotos verglichen und würde sagen, man erkennt das Gebäude wieder. Die grundsätzliche Gebäudekomposition ist unverändert, die Raumanordnung im Inneren ebenfalls und auch die rote Fassade. Einige Kleinigkeiten haben sich verändert, nicht zuletzt aufgrund eines hohen Kosten- und Termindrucks. Sie verschlechtern aber das Ergebnis nicht, da die Grundkonzeption stimmt und robust genug ist, um solche Veränderungen auszuhalten.

Foto: Philipp Obkircher
Foto: Philipp Obkircher
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Nein, tatsächlich ist das Gebäude frei von Trends, würde ich behaupten. Eher zeitlos, nicht modisch, auch wenn man dem Haus später ansehen wird, dass es wie viele andere Schulbauten in den 2020ern entstanden ist. Es entspricht Niedrigenergiestandard, die Konstruktion ist wirtschaftlich und simpel, die Gestaltung reduziert und lässt Raum für die Kinder.

Foto: Philipp Obkircher
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Vermutlich bedingt durch meine Anfangsjahre in Hamburg und eine daraus resultierende Übersättigung stand Klinker lange Zeit nicht weit oben auf der Liste der Materialien, mit denen wir gerne arbeiten. In diesem Fall zählt jedoch das Material eindeutig zu den Schwerpunkten, die das Haus ausmachen. 

Lageplan (Zeichnung: SEHW Architektur)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: SEHW Architektur)
Grundriss Obergeschoss (Zeichnung: SEHW Architektur)
Schnutte (Zeichnungen: SEHW Architektur)
Grundschule Am Jungfernsee, Potsdam
2020
Fritz-von-der-Lancken-Str. 2
14469 Potsdam

Auftragsart
öffentlicher Auftrag nach 1. Preis im Nichtoffener Realisierungswettbewerb (RPW 2013)

Bauherrschaft
Kommunaler Immobilien Service, Potsdam (KIS) 
 
Architektur
SEHW Architektur GmbH, Berlin

Fachplaner
Landschaftsplaner: freianlage.de Landschaftsarchitektur, Potsdam
Haustechnikplanung: Günther-Ingenieure, Dresden
Tragwerksplanung: Wetzel & von Seht, Hamburg
Brandschutz: IBU, Brandenburg/Havel
 
Bauleitung
Christoph Haag, Berlin für SEHW Architektur
 
Ausführende Firmen
Erdarbeiten / Baugrube: REA Gmbh, Spreenhagen
Rohbau: HTI, Greußen
Metallbauarbeiten – Fassade: J. Dulitz Glas- und Leichtmetallbau GmbH, Guben
Außenfenster: Radbruch GmbH, Gresenhorst
Klinkerfassade, Gerüste: EngFle Baugesellschaft mbH, Wismar
Trockenbau: Jaeger Ausbau GmbH + Co KG, Berlin
Schlosser: Stahlkonstrukt Metallschmiede RT GmbH, Wittstock
Metallbau Innentüren: MB Philipp, Bernau bei Berlin
Sanitär: ELUH-Anlagen GmbH, Kyritz
Heizung RLT: ESA Energy Services GmbH & Co. KG, Berlin
 
Hersteller
Klinker: Ziegelei Hebrok
Oberlichter: Velux
Linoleum: DLW
Vorhänge: Kvadrat 
Blendschutz Sporthalle: Brichta
Metallfassade: Alucobond 
Mobile Trennwände: Parthos
Betonwerkstein Innenhöfe: Godelmann
 
Energiestandard
KfW 55
 
Bruttogeschossfläche
8.461 m²
 
Gebäudevolumen
24.397 m³

Gesamtkosten
23.000 000 €
 
Auszeichnung
The Plan award Shortlist
 
Fotos
Philipp Obkircher

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