Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, Bonn

Repräsentativ für die Spitzenforschung

wulf architekten 
1. November 2017
Südansicht mit dem Eingangsgebäude im Hintergrund, rechts das Laborgebäude
Wulf Architekten haben in Bonn das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen fertiggestellt. Tobias Wulf und Steffen Vogt erzählen aus der Projektgeschichte.
Projekt: DZNE - Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, Bonn | Architektur: wulf architekten, Stuttgart | Bauherr: DZNE in der Helmholtz-Gemeinschaft Bonn | vollständige Bautafel siehe unten
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Tobias Wulf: Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) ist eine noch junge Institution, die mit Fördergeldern aus Land und Bund auf höchstem internationalem Niveau Demenzforschung betreibt. Die gestalterischen und technischen Anforderungen an das Bauwerk sind entsprechend hoch. Das öffentliche Interesse am DZNE und besonders an diesem Bauwerk auf dem Bonner Venusberg ist sehr gross. Uns hat nicht nur die Bewältigung der komplexen Aufgabe gereizt, sondern auch die Herausforderung, dem hochrangigen Inhalt der Gebäude eine ebenbürtige Architekturqualität zu geben, die Zeichen für das zunehmende Gestaltbewusstsein im Laborbau setzen kann.
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Tobias Wulf: Nutzungstypologisch handelt es sich, vereinfacht gesagt, um ein Forschungsgebäude, das sich in Grundlagenforschung, experimentelle Forschung und klinische Forschung gliedert. Diese Trias wird durch die drei Baukörper abgebildet. Sie sind, und das war dem Nutzer ganz wichtig, über «Kommunikationsgelenke» miteinander verbunden. Die Art und Weise der Zuordnung ergibt sich aus den inneren Anforderungen und wirkt unkonventionell. Dadurch erhält die Gesamtfigur eine besondere Strahlkraft mit hohem Identifikationscharakter und Erinnerungswert. Dieser Effekt wird durch die leichte Krümmung der Außenwände noch gesteigert. Wenn das Ganze – von oben gesehen – an eine medizinische Zellstruktur erinnert, ist das eher Zufall.
Detail der geschosshohen, automatisch regulierten Glaslamellen, die der Lichtlenkung dienen
Ostansicht des Gebäudeensembles, das sich in einen kleinen Wald aus Kiefern- und Eichenbäumen integriert
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Tobias Wulf: Der südliche Rand des Medizincampus' ist von Wald umgeben, der ein wichtiger Impulsgeber für die Gliederung und Gestaltung des Bauvolumens ist. Auch im Inneren der Gebäude ist er permanent wahrnehmbar. Innenraum und Außenraum sind stark miteinander verwoben, was für ein Laborgebäude eher untypisch ist.
Da die Kontur der Bauten unterhalb der Höhe der Baumkronen bleibt und sich auf den Dächern keine Technikaufbauten befinden, bleibt die Fernwirkung der Silhouette des Venusbergs ungestört. Die Farbigkeit der Glaslamellen an den Fassaden folgt einem Konzept, das sich aus der natürlichen Färbung der Blätter im Jahreszyklus herleitet. Die Verfärbungen gehen fließend ineinander über und überspringen mit Vorwegnahmen die Grenzen der Baukörper. Die Grenzen zwischen Haus und Wald werden zusätzlich durch Verspiegelung einzelner Lamellen aufgelöst.
Inwieweit haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst? 
Steffen Vogt: Die Qualität des fertigen Gebäudes wurde in hohem Maße von der Bauherrschaft befördert: Unser architektonischer Anspruch an den Entwurf wurde zu jeder Zeit mitgetragen und in jeder Projektphase wurde das Projekt gemeinsam auf Kurs gehalten. Da das Gebäude ein Repräsentant für deutsche Spitzenforschung sein soll und man hochrangige internationale Forscher mit einer hochwertigen Arbeitsumgebung gewinnen möchte, war die Gestaltung bei allen Entscheidungen ein wesentliches Kriterium. Nicht nur wir, auch der Bauherr legte ein besonderes Augenmerk auf die Gestaltung der Fassaden, der Atrien, des Tageslichts, der Kommunikationszonen und der Großraumlabore.
Nordwestansicht des Eingangsgebäudes mit dem zentral positionierten Zugang
Obergeschoss des Laborgebäudes, dessen zentrale Halle von einem großen Oberlichtband erhellt wird
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert? 
Steffen Vogt: Das Wettbewerbskonzept hat sich im Verlauf der Planung als sehr tragfähig erwiesen, sodass die wesentlichen Elemente unserer Grundidee genauso umgesetzt wurden, wie sie bereits im Wettbewerb angedacht waren. Ein Beispiel hierfür ist die Gestaltung der Fassaden, die mit ihren drehbaren, farbigen Glaslamellen die Farben des Waldes im Verlauf der Jahreszeiten widerspiegeln. Auch die Konzeption der Laborlandschaften und der Atrien wurde lediglich weiter ausgearbeitet und verfeinert. Eine wesentliche Änderung gegenüber dem Wettbewerbsentwurf ist jedoch im Lageplan zu sehen: Um die Baugrenze einzuhalten, mussten die drei Gebäudeteile zusammengeschoben werden – ihre ursprünglich rechtwinklige Anordnung konnte nicht mehr beibehalten werden. Die daraus resultierende freie Anordnung gefällt uns allerdings deutlich besser. Die Räume und Blickbeziehungen sind spannender geworden und das dritte Gebäude im östlichen Teil des Grundstücks konnte besser angebunden werden.
Besprechungsraum im Laborgebäude, der zur Halle raumhohe Glaselemente besitzt
Blick in das Foyer und das offene Treppenhaus des Eingangsgebäudes
Offener Flurbereich vor einem kreisförmig gestalteten „Meeting Point“ zwischen den Baukörpern
Blick in die zentrale Halle des Laborgebäudes mit den markanten, 400fach vergrößerten Pinselstrichen von Harald F. Müller
Blick in den Hörsaal mit 300 Plätzen im Erdgeschoss des Eingangsgebäudes
Blick in einen Laborbereich, in dem die Ursachen von Erkrankungen des Nervensystems erforscht werden
Schwarzplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnittansicht
Projekt
DZNE - Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen
Sigmund-Freud-Straße 27
53127 Bonn

Nutzung
Forschungs- und Laborgebäude

Auftragsart
Beauftragung nach Wettbewerbsgewinn 2011

Bauherrschaft
DZNE in der Helmholtz-Gemeinschaft Bonn

Architektur
wulf architekten, Stuttgart
Wettbewerbsteam: Steffen Vogt, Andreas Moll, Boris Weix
Planungsteam: Steffen Vogt (PL), Harald Baumann, Julia Beierbach, Regina Brenner, Indre Herrmann, Andreas Kolb, Anja Lauser, Daniela Momirowski, Cristiana Moura, Jakup Pakula, Sonja Schmuker, Sebastian Stocker, Gaston Stoff, Anna Teresa Tiefert, Stephan Tittl, Boris Weix, Ana Yotova

Fachplaner
Tragwerksplanung: Mayr | Ludescher | Partner, Stuttgart
Laborplanung: Dr. Heinekamp Labor- und Institutsplanung, Karlsfeld
HLS-Planung (Eingangsgebäude): IWP Ingenieurbüro für Systemplanung GmbH, Stuttgart
HLS-Planung (Labor): IGF Ingenieurgesellschaft Feldmeier mbH, Münster
Bauphysik/Fassadenplanung/BNB-Koordination DS-Plan Ingenieurgesellschaft für ganzheitliche Bauberatung, Stuttgart
Landschaftsarchitekt: Adler & Olesch Mainz GmbH, Mainz
Orientierungssystem: büro uebele visuelle kommunikation, Stuttgart
Vorlage Pinselstriche: Harald F. Müller
Handschrift: Andreas Steinbrecher

Bauleitung
Alber & Schulze Baumanagement GmbH, Stuttgart

Kunst am Bau
Rob Mulholland, Sculptor and Environmental Artist, Aberfoyle (UK)
Neurotransmitter als Verbindung von Innen und Außen

Produkte/Hersteller
Aufzüge: Braun
Tür- und Fensterbeschläge: FSB
Vorhänge, Stoffe: Kvadrat
Teppiche: Object Carpet
Baubuche, Bodenbelag, Innenausbau: Pollmeier
Fassade: Schüco
Glasdächer: Velux
Möbel: Vitra
Labormöbel: Waldner

Energiestandard
Energieausweis für Nichtwohngebäude

Bruttogeschossfläche
35.938 m²

Gebäudevolumen
157.652 m³

Gesamtkosten
ca. 127.000.000. €

Fertigstellung
2016

Fotos
Steffen Vogt

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