Recycelter schwarzer Titan

OSA Ochs Schmidhuber Architekten
28. Oktober 2020
Übersicht Gesamtgebäude von der Nordseite. (Foto: hiepler, brunier, berlin)

Das Atlas-Hochhaus ist ein Beispiel für nachhaltiges ressourcenschonendes Bauen in unserer Zeit. Fabian Ochs von OSA Ochs Schmidhuber Architekten lässt das Projekt Revue passieren, zeigt uns seine Lieblingsperspektiven der Architektur und erzählt uns, wie die Idee, zu recyceln statt abzureißen, geboren wurde. 

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

2016 begann unsere Arbeit am Umbau des Bestandsgebäudes, das 1982 erbaut worden war. Es hatte eine mit hellen Metallplatten ausgekleidete Fassade und eine angegliederte Hochgarage. Der Bestand wurde von uns gemeinsam mit dem Bauherrn begutachtet und schließlich kamen wir gemeinsam wegen des guten Erhaltungszustandes zu der Übereinkunft, keinen kompletten Neubau zu errichten, sondern behutsam, aber kreativ mit dem Existierenden umzugehen. Dazu sollten umweltschonende Materialien eingesetzt werden. Abriss und Neubau hätten weitaus mehr Energie gefordert als die partielle Bestandserhaltung. Der neue Ausbau sollte die Architektur außerdem in ökonomischer und ökologischer Hinsicht optimieren, das Ergebnis wurde schließlich mit der Gold-LEED-Zertifizierung ausgezeichnet. Der Turm des Bestandsbaus wurde komplett skelettiert, die angegliederte Garage, deren Erhaltungszustand schlecht war, abgerissen. In ein Plaza-Gebäude mit Innenhöfen, das zur Rosenheimer Straße hin fünfgeschossig, zum Werksviertel hin viergeschossig ist, betteten wird den Turm ein. Die Dächer des Plaza-Gebäudes werden heute als Terrassen genutzt. Die Innenräume des Turms wurden modernisiert, großzügig und loftartig gelayoutet und im Sinne des New Work strukturiert. Neben dem Skelett wurde noch eine im Durchmesser 7,5 Meter große orangefarbene Plexiglaskugel auf dem Dach des Turms so erhalten wie sie zuvor war. Nachts wird sie illuminiert. Sie galt stets als Landmark des Areals, das heute den Namen Werksviertel trägt. Das Außenbild von Atlas bekam durch die dunkle, doppelschalige Fassade aus Aluminium und Glas ein gänzlich neues Erscheinungsbild. 

Zusammengefasst lässt sich sagen: Das Besondere an der Bauaufgabe war, die Architektur im Kern zu erhalten und ihr trotzdem ein neues Erscheinungsbild zu geben, ferner das Gebäude auf einen optimalen energetischen Stand zu bringen. 

Das Projekt wurde im August 2020 mit dem Label ‘best of best’ des Iconic Awards für die Kategorie Innovative Architecture ausgezeichnet. Die Begründung der Jury fasst das ganz Besondere der Architektur in zwei Sätzen zusammen: „Die polygonal gestalteten Eckkanten verleihen dem Hochhaus einen markanten skulpturalen Charakter mit hoher Wiedererkennbarkeit. Ein interessantes Designdetail, das nicht nur von außen wirkt, sondern durch das auch der Innenraum eine besondere, elegante Atmosphäre erhält. Auch gelang die ästhetische Integration des neu gestalteten Turms in den angrenzenden Bestand ausgesprochen harmonisch und in sich stimmig.“

Gesamtansicht Fassade Südseite, Rosenheimerstraße. (Foto: hiepler, brunier, berlin)
Dach des Atlas-Hochhauses mit oranger Kunststoffkugel. (Foto: hiepler, brunier, berlin)
Atlas Fassade Westseite. (Foto: hiepler, brunier, berlin)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde? Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Es sind verschiedene Inspirationen. Bei Vertikalarchitektur denkt man automatisch an die Hochhausklassiker von Manhattan. Schwarz ist eine besonders elegante Außenhaut für ein Gebäude und wir haben uns für eine schwarze Fassade entschieden. Black Buildings haben etwas sehr auratisches und elegantes. Dieses Selbstverständnis passt gut zu den Planungen, die die Zukunft des Werksviertels betreffen. Hier entsteht Raum für kulturelle Hightlights wie etwa das Konzerthaus mit internationaler Strahlkraft. Unsere Atlas-Architektur nobilitiert die Arbeit, die in den Offices des Towers verrichtet wird. Wenn man bedenkt, dass das Viertel hinter dem Ostbahnhof, das heute eben Werksviertel heißt, vor seiner Neustrukurierung ein Parkour für Off- und Subkultur war, so mausert sich das Quartier gerade zu einem Standort für die Highend-Kultur. 

Wir ließen uns bei der Gestaltung von Details aber von dem Bestandsbau selbst inspirieren und setzten uns intensiv mit ihm auseinander. Die Ecken des alten Turm-Quaders aus dem Jahr 1982 waren vormals nur äußerlich als solche zu erkennen. Innen waren sie schräg und zubetoniert. Genau diese Ausgangssituation lieferte uns die thematische Vorlage für unseren Entwurf. Über jeweils drei Etagen wurde nun diese oktagonale Grundform in die des Quaders transformiert, über die anschließenden drei Stockwerke führten wir sie wieder zurück zum Oktagon. Damit entwickelten wir ein Thema, das den Charakter des Objekts prägt und als Stilelement immer wiederkehrt: die Diagonale. Auch die prismenförmigen Ecken führen dieses Thema in der Fassade fort und rhythmisieren das Gebäude. Immer wieder begegnet einem in dem Atlas-Hochhaus dieses Element, sei es in Wandverkleidungen, Treppenhäusern oder Büroetagen. So konnten wir ein ganzheitliches, originäres architektonisches Werk entwickeln. Partiell gehen durch unser Konzept auch Gestaltung und Gewinn für den Nutzer Hand in Hand. So konnten wir durch eine sogenannte Klimapufferzone und durch Lüftungselemente, die gleichzeitig als gestalterisches Element dienen, ein besonders gesundes Raumklima schaffen: Als schwarze Einheiten rhythmisieren sie die Fassade, von innen werden sie mit Eiche verkleidet, lassen sich öffnen und unterstützen damit die Luftzirkulation, dies individuell steuerbar.

Innenansicht mit Blick aus der Ecksituation an der Westfassade bei Design Offices. (Foto: hiepler, brunier, berlin)
Foyer mit tombakverkleideter Wand und Atlas-Motiv. (Foto: hiepler, brunier, berlin)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Das Atlas-Hochhaus und seine Gestaltung sind das Ergebnis vieler langer und intensiver Diskussionen zwischen uns als Planern und dem Bauherrn dieser Architektur. Darüber hinaus haben wir als Planer und zusätzlich auch der Bauherr weitere zum Teil externe Fassaden-Teams hinzugezogen. 

Die heutigen Nutzer haben jeweils ihren eigenen Stil in die Innenraumgestaltung eingebracht. Dabei passt gerade die Stilsprache des Hauptmieters „Design Offices“ ausgesprochen gut zu der Gestaltung von Atlas: Die Flächen von „Design Offices“ sind zu weiten Teilen offen gehalten, die Möblierung eine gelungene Mischung aus ikonischen Design-Klassikern, zeitgenössischem Design und vielen individuellen Lösungen. 

Eingang in den Foyerbereich von der Nordfassade aus. (Foto: hiepler, brunier, berlin)
Bestandstragwerk: Das Hochhaus skelettiert. (Foto: OSA Ochs Schmidhuber Architekten)
Lageplan (Zeichnung: OSA Ochs Schmidhuber Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: OSA Ochs Schmidhuber Architekten)
Schnitt (Zeichnung: OSA Ochs Schmidhuber Architekten)
Atlas-Hochhaus
2019
Rosenheimerstraße 143
81671 München

Nutzung
Bürobau/Verwaltung

Auftragsart
Umbau und Revitalisierung
 
Bauherrschaft
Art Invest Real Estate Management GmbH & Co KG
 
Architektur
OSA Ochs Schmidhuber Architekten GmbH, München
Team: Fabian Ochs, Steven Welland, Stella Klocke, Rocio Villar de Pablo, Katarzyna Sznajder
 
Kunst am Bau
Tape Art Kollektiv ‘Klebebande’ Berlin
im Treppenhaus: Illustriert die Mythologie des Atlas

Ausführende Firmen
Alu Sommer, München
 
Hersteller
Alu Sommer, München
 
Energiestandard
LEED Gold zertifiziert
 
Bruttogeschossfläche
25.000 m²
 
Gebäudekosten
k.A.

Auszeichnung
‘best of best – Iconic Awards 2020
Innovative Architecture’ (Auslober: Rat für Formgebung)
 
Fotos
hiepler, brunier, berlin - alle Fotos, sofern nicht anders gekennzeichnet

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