Umbau der historischen Kelter, Dürrenzimmern

Positiv betrachtet

Katinka Corts
11. Oktober 2017
Innenraum der Gemeindehalle mit saniertem Dachstuhl
Beim Umbau der historischen Kelter in Dürrenzimmern mussten die Architekten immer wieder auf überraschende Funde in der Substanz reagieren, gleichzeitig diskutierten sie bereitwillig kleinste Details mit den zukünftigen Nutzern. Zum Schluss kam jedoch alles gut, berichtet Architekt Tom Philipp Zoll.
Projekt: Um- und Anbau Gemeindehalle Dürrenzimmern | Architektur: Zoll Architekten Stadtplaner, Stuttgart | Bauherr: Stadt Brackenheim | vollständige Bautafel siehe unten
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Das Besondere an dieser Bauaufgabe lag zum einen im Umgang mit der denkmalgeschützten Substanz des historischen Keltergebäudes und zum anderen in den beengten Platzverhältnissen für den Anbau. Die historische Kelter wurde in ihrer mehr als 200-jährigen Geschichte mehreren Umbaumaßnahmen unterzogen. Unsere Aufgabe bestand darin, in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege die verschiedenen An- und Umbauten zurückzubauen und den Innenraum für die geplanten Nutzungen für sportliche sowie kulturelle Veranstaltungen umzugestalten.
Ein wesentliches Augenmerk fiel hierbei auf das beeindruckende Gebälk des zweifach liegenden Dachstuhls der Kelter, der nun nach seiner Instandsetzung zusammen mit einem neuen Parkettboden und weiß lackierten Wandbekleidungen den Innenraum prägt.
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Die Inspiration bei diesem Projekt kam im Wesentlichen aus dem Keltergebäude selbst. Aufgrund seiner Größe und Materialität ist der Bestand das dominierende Element. Folglich sollte sich der Anbau in Größe und Form diesem unterordnen, sich jedoch gleichzeitig selbstbewusst darstellen.
Bei der Entwicklung des Grundrisses bedurfte es keiner großen Inspiration. Aufgrund des großen Raumbedarfs mussten wir das uns zur Verfügung stehende Baufeld so weit als möglich ausnutzen und gleichzeitig darauf achten, dass die Andienung des angrenzenden landwirtschaftlichen Betriebes mit Lastwägen sowie Traktoren weiterhin möglich ist. Über Schleppkurven und Fahrversuchen vor Ort wurde der Radius für die Gebäudeecken und die erforderliche Straßenbreite ermittelt und der Grundriss entsprechend optimiert.
Bei der Holzverkleidung des Anbaus haben wir uns von Holzfassaden alter Scheunen und deren Zufahrtstoren inspirieren lassen, diese jedoch aufgrund der gerundeten Ecken des Anbaus als Leisten- und nicht als Bretterschalung ausgeführt.
Zugangssituation zum Anbau
Foyer im Anbau
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Wie bei vielen unserer Projekte waren wir auch bei diesem nicht nur für die Planung des Gebäudes verantwortlich, sondern durften auch die Außenanlagen gestalten. Durch den Erwerb eines Grundstücks östlich der Kelter stand eine großzügige Fläche zur Verfügung. Unser Ziel war es, einen ansprechenden Dorfplatz als neue Mitte für Dürrenzimmern zu gestalten. Die großzügige zusammenhängende Fläche sollte sowohl der Kelter als auch der Kirche als Vorplatz bei Veranstaltungen und gleichzeitig den Dürrenzimmernern als Treffpunkt dienen. Dem entsprechend öffnet sich der Anbau nach Osten zum Platz hin und kann bei kirchlichen Veranstaltungen mitbenutzt werden. Sitzmöglichkeiten in Form einer Pflanzbeet-Einfassung unter der mächtigen Linde und Sitzkuben aus Stampfbeton auf dem Platz laden zum Verweilen ein, während die neue Überdachung der Bushaltestelle den Platz nach Osten abgrenzt und einen Witterungsschutz bietet. 
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Sowohl die Bauherrschaft als auch die Nutzer waren von Anfang an in die Planung eingebunden. Im Hinblick auf die Funktionalität des Gebäudes war dies sehr wichtig, wenngleich auch öfter mal die Meinungen auseinander gingen. Auch bei gestalterischen Dingen fand eine intensive und fruchtbare Abstimmung mit der Bauherrschaft statt. Zwei Entscheidungen waren hierbei äußerst relevant. Ursprünglich hatten wir für die Fassade naturbelassene sägeraue Leisten aus Lärchenholz vorgeschlagen, die natürlich vergrauen sollten – die Bauherrschaft wollte das nicht. Um trotzdem das uns vorschwebende Erscheinungsbild einer silbrig vergrauten Holzfassade umsetzen zu können, wurde daher eine graue Lasur mit Aluminiumpigmenten ausgeführt, was sich im Nachhinein betrachtet als richtige Wahl herausgestellt hat.
​In den Duschbereichen des Anbaus hatten wir kleinformatige Wand- und Bodenfliesen vorgeschlagen. Bei einer Bemusterung vor Ort wurde hierzu von den Nutzern die Kritik eingebracht, dass die Fugen über die Zeit doch stark verschmutzen würden. Das aufgrund der geringen Raumgrößen nicht einfach irgendwelche größeren Fliesen mit einem geringerem Fugenanteil ausgeführt werden können, leuchtete den Nutzern jedoch auch ein. Die Lösung stellte eine fugenlose Beschichtung der Wand und Bodenflächen mit einer farbigen Kunstharzspachtelung dar. Auch diese Änderung der ursprünglichen Planung sehen wir im Nachhinein betrachtet als Verbesserung an, da sie die konsequente Umsetzung des Farb- und Materialkonzeptes im Anbau ermöglichte.
Ansicht vom neugestaltetem Kirchplatz auf die sanierte Gemeindehalle mit Anbau
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Über die beiden zuvor benannten gestalterischen Änderungen hinaus haben sich zwei weitere wesentliche Änderungen während des Bauablaufs ergeben. Im Zuge der Abbrucharbeiten kam ein in keinen Plänen verzeichneter Torbogen an der Westseite der Kelter zum Vorschein. Da dieser aus denkmalpflegerischer Sicht erhalten werden sollte, mussten wir die Glasfuge zwischen dem Anbau und der Kelter umplanen. Ursprünglich als Überkopfverglasung mit Quergefälle geplant, hätte das Glasdach den Torbogen durchschnitten. Um dies zu vermeiden, musste das Glasdach anstatt mit einem Quergefälle mit 2 % Längsgefälle ausgeführt werden.
Auch in der Kelter selber mussten wir, nachdem der alte Sportboden ausgebaut war, feststellen, dass die ursprüngliche Planung nicht umsetzbar war. Die alte Bodenplatte aus Beton wies in großen Bereichen Risse und Unebenheiten von bis zu 10 cm auf. Als einzig sinnvolle Lösung dieses Problems stellte sich der Abbruch der alten Bodenplatte und der Einbau einer neuen Bodenplatte heraus. Diese Notwendigkeit eröffnete aber auch gleichzeitig die Möglichkeit, durch einen tieferen Einbau der neuen Bodenplatte Konstruktionshöhe für den Sportboden zu gewinnen, so dass dieser nun nach heutigen Standards gedämmt und mit einer Fußbodenheizung eingebaut werden konnte. 
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Wenn eine gestalterische Tendenz dieses Projekt beeinflusst hat, dann wahrscheinlich die der Reduzierung. Klare Formen, funktionale und ökologische Materialwahl sowie der gezielte Einsatz
von Farben. Bezüglich energetischer Tendenzen ist hier lediglich der Einsatz von Holzpellets als regenerativer Energieträger zu erwähnen. 
Lageeplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Projekt
Um- und Anbau Gemeindehalle Dürrenzimmern
Mönchsbergstraße 74
74336 Brackenheim / Dürrenzimmern

Nutzung
Gemeindehalle für Schul- und Vereinssport und kulturelle Veranstaltungen

Auftragsart
Direktbeauftragung

Bauherrschaft
Stadt Brackenheim

Architektur
Gebäudeplanung: Zoll Architekten Stadtplaner GmbH, Stuttgart
Projektleiter Daniel Overhoff, Mitarbeiter Marion Kling, Michael Kronz
Freianlagen: Zoll Architekten Stadtplaner GmbH, Stuttgart
Projektleiter Ralf Duffner, Mitarbeiter Yulia Gasperlin

Fachplaner
Tragwerksplaner: Fischer+Friedrich Ingenieurgesellschaft für Tragwerksplanung mbH, Waiblingen
HLS: Schatz
Projektplan GmbH, Schorndorf
Elektro: SIB GmbH & Co.KG Ingenieurbüro für Elektrotechnik, Heilbronn
Bauphysik: GN Bauphysik
Finkenberger + Kollegen Ingenieurgesellschaft mbH, Stuttgart
Brandschutz: Ingenieurbüro Riesener GmbH & Co. KG, Balingen
Küchentechnik: Geisel GmbH
Ingenieurbüro für Grossküchentechnik, Reutlingen

Bauleitung
Bauleitung Gebäude: K+K Ingenieurgesellschaft mbH, Neckarsulm
Bauleitung Freianlagen: Ingenieurbüro Ippich, Brackenheim

Bruttogeschossfläche
884,20 m²

Gebäudevolumen
4.872,77 m³

Gebäudekosten
ca. 2.730.000 € brutto

Gesamtkosten
ca. 3.500.000 € brutto

Fertigstellung
2016

Fotos
Oliver Rieger

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