Neuanfang in Stammheim

Thomas Müller Ivan Reimann Architekten
30. Oktober 2019
Gesamtansicht (Foto: Oliver Rieger)

Prozessgebäude Oberlandesgericht Stuttgart / Thomas Müller Ivan Reimann Architekten  / Prof. Ivan Reimann

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Wir mussten ein Gebäude entwerfen, das funktional und architektonisch den allerhöchsten Sicherheitsanforderungen zu entsprechen hatte, da in dem Oberlandesgericht Staatsschutzprozesse, oft mit terroristischem Hintergrund, durchgeführt werden. Unser Anspruch war, dass diese Anforderungen nicht die Architektur bestimmen. Im Gegenteil: Die Architektur des Gerichtsgebäudes sollte Würde besitzen und den hohen Stellenwert ausdrücken, den Rechtsstaatlichkeit in unserer Gesellschaft besitzt. Für diese Art von Gebäude gibt es typologisch kaum Vorbilder. Wir mussten daher viele Lösungen von Grund auf neu entwickeln.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Wie gesagt, es gibt kaum Vorbilder. Es ist eben kein «normales» Gerichtsgebäude. Wir suchten nach einem würdigen Auftritt und Selbstverständnis. Es ging darum, in heterogener Umgebung eine klare und präzise Formensprache zu finden, die sich von der Architektur der unmittelbar benachbarten Justizvollzugsanstalt absetzt. Trotz hoher Sicherheitsanforderungen wollten wir eine angenehme, menschliche Atmosphäre durch angemessene Maßstäblichkeit, warme Materialität und dem Einsatz von Farbe im Innenraum schaffen.

Haupteingang (Foto: Stefan Müller)
Südfassade (Foto: Stefan Müller)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Das Gerichtsgebäude liegt an der Schnittstelle zwischen öffentlichem Stadtraum und dem gesicherten Justizareal. Seine Lage spiegelt der sich in der grundsätzlichen Konzeption des Gebäudes. Es setzt sich von seiner Umgebung ab, markiert einen Versprung des Geländes und wendet sich mit dem Besucherzugang zur Stadt hin. Es zeigt sich selbstbewusst im Stadtraum, anstatt sich abzugrenzen.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Ein solches Gebäude kann man nicht ohne eine sehr enge Abstimmung mit dem Auftraggeber und dem Nutzer planen. Funktionsabläufe und Raumanforderungen waren von Projektbeginn an entscheidende Kriterien bei der Entwicklung der inneren Gebäudekonzeption und wurden laufend im Planungsprozess hinterfragt und optimiert. Sicherheitsanforderungen seitens der Sicherheitsbehörden mussten in die Fassadengestaltung und den Ausbau integriert werden. Daher gab es über alle Leistungsphasen hinweg eine intensive Zusammenarbeit mit unserem Auftraggeber und dem Gericht.

Foyer (Foto: Stefan Müller)
Flur (Foto: Stefan Müller)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Nachdem die Grundkonzeption erarbeitet und bestätigt worden war, wurde das Gebäude an vielen Stellen aus verschiedenen Gründen optimiert (Kosten, Verkehrswege, Funktionsabläufe, Energieeinsparung, Artenschutz, Nachhaltigkeit, Vandalismusschutz etc.). Die Grundkonzeption musste jedoch nicht geändert werden. Es ist für uns sehr wichtig, immer gleich am Anfang eines Projektes eine gut funktionierende Grundkonzeption zu finden, die so robust und auch architektonisch stark ist, dass sie in üblicherweise langjährigem Projektablauf die diversen Optimierungsrunden übersteht.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Vieles wurde schon gesagt. Nachhaltig zu bauen, sollte heute eine Selbstverständlichkeit sein. Das betrifft allerdings nicht nur technische, sondern auch gestalterische Parameter. Ein Gebäude, das nach kürzester Zeit veraltet wirkt, kann nicht nachhaltig sein. Vielmehr muss es in Würde altern können. Was die Energie und Konstruktion betrifft, gab es dazu konkrete Vorgaben: so z.B. eine Unterschreitung der EnEV um 20%, Einhaltung der Richtlinien zum wirtschaftlichen Bauen im Zeit- und Kostenrahmen, einfache und wartungsfreundliche Konstruktionen, hohe Beständigkeit durch massive Putzfassade sowie eine hohe gestalterische Innenraumqualität durch das von uns in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Frederike Tebbe erarbeitete Farb- und Materialkonzept.

Großer Gerichtssaal (Foto: Stefan Müller)
Gerichtssaal (Foto: Stefan Müller)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Im Projekt wurden Baustoffe und Materialien aller Provenienz eingesetzt, immer unter Berücksichtigung des jeweils sinnvollen Einsatzbereiches. Bestimmend auf Grund der spezifischen Anforderungen an das Gebäude waren Konstruktionen, die den verschiedenen Sicherheitsaspekten gerecht wurden. Dabei kamen insbesondere einbruchhemmende Bauteile verschiedener Widerstandsklassen im Außen- und Innenbereich, teilweise in Verbindung mit Brandschutz-anforderungen zum Einsatz. An neuralgischen Punkten im Gebäude wurden zudem beschusssichere Einbauteile, wiederum in Verbindung mit Brandschutzmaßnahmen, erforderlich. 

Neben den Forderungen nach Vandalismus beständigen Einbauteilen und Oberflächen wurde auf Langlebigkeit der Materialien bei gleichzeitiger hochwertiger Gestaltung Wert gelegt. So kamen in den stark frequentierten Verkehrswegen ein Natursteinbelag, in den Büroräumen äußerst strapazierfähiger Teppichboden und in den übrigen Räumen pflegeleichter Linoleumbelag zum Einsatz. In besonders reinigungsintensiven Räumen wurden ausschließlich Fliesenbeläge verlegt. 

Dem Prinzip der Reduktion auf wenige hochwertige Materialien und Elemente folgt auch die Gestaltung und Ausführung der Fassaden, die obergeschossig aus pulverbeschichteten Aluminiumkonstruktionen und erdgeschossig aus einer profilierten Putzfassade auf massiver Mauerwerkskonstruktion bestehen.
 

Die innenräumliche Qualität der beiden Sitzungssäle wird durch das Tageslicht, welches über sonnenstrahlen-und blendungsgeschützte Glasoberlichter eingelassen wird, bestimmt. Räumlich und atmosphärisch bestimmend stehen die akustisch wirksamen, eichenfurnierten Wandverkleidungen und die Akustikpaneele der doppelgeschossigen Sitzungssäle der natürlichen Belichtung zur Seite.

Als funktional und gestalterisch herausgehobener Innenraum erhalten die Sitzungssäle einen Eichenparkettbelag und sind mit farblich gestalteten Einbaumöbeln sowie einer farblich abgestimmten Reihenbestuhlung für Öffentlichkeit und Presse ausgestattet.

Lageplan (Zeichnung: Thomas Müller Ivan Reimann Architekten)
Prozessgebäude Oberlandesgericht Stuttgart
2019
Asperger Straße 47
70439 Stuttgart

Nutzung
Justiz/Gerichtsgebäude

Auftragsart
Verhandlungsverfahren

Bauherrschaft
Land Baden-Württemberg
Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Ludwigsburg

Architektur
Thomas Müller Ivan Reimann Architekten, Berlin
Projektleitung: Ralph Habbel (Entwurf), Peter Baumgärtner (Ausführung)
Bauleitung: Christoph Bröke, Astrid Kneib, Kerstin Wegener, Marco Kühn
Mitarbeiter: Jens Graul, Johannes Lott, Martin Prenn, Alexander Buchhofer, Andrea Huse, Cornelia Hensmann-Fritzsche, Gerrit Vetter, Günter Schwanz, Tobias Schmidt, Uwe Krüger 

Örtliche Bauleitung
Thorsten Zwirlein (Wiesler Zwirlein Architekten, Stuttgart)

Fachplaner
Statik: Mayer-Vorfelder und Dinkelacker Ingenieurgesellschaft für Bauwesen GmbH und Co KG., Sindelfingen
TGA: Paul+Gampe+Partner GmbH, Esslingen am Neckar
Farbkonzept: Friederike Tebbe Studio Farbarchiv
Elektroplanung: Arbeitsgemeinschaft Günthner Ingenieure GmbH, Leinfelden-Echterdingen + Kienle Beratende Ingenieure GmbH, Ostrach
Bauphysik: Brüssau Bauphysik GmbH, Fellbach
Brandschutz: Sachverständigengesellschaft Dr. Portz mbH, Fellbach Oeffingen
Landschaftsplanung: Vogt Landschaft GmbH, Berlin
Infrastrukturplanung: Rauschmaier Ingenieure GmbH, Bietigheim-Bissingen
 
Kunst am Bau
Künstler: Markus Strieder, Frankreich
Material: Stahl geschmiedet
Gewicht: 2 x 10 t
Maße: je etwa: Höhe 1200, Länge 1100, Breite 1020
Lage: auf dem Treppenpodest
Fundament: aus Beton von der Masse der darauf gelagerten Teilskulptur. Damit die Blöcke in der Mitte des Fundaments platziert werden können, ist es auf der Treppenseite stufenförmig ausgeführt. Für den Betrachter ist das Fundament nicht sichtbar.
 
Hersteller
Parkett: Weitzer Parkett GmbH & Co KG
Bodenbeläge Naturstein: Lauster Steinbau GmbH
Trockenbaukonstruktionen: Saint-Gobain Rigips GmbH; Fural - Systeme in Metall GmbH
Akustische Wandverkleidung der Sitzungssäle: Akustik & Raum AG
Furniere der Wandverkleidung der Sitzungssäle: Schorn & Groh GmbH
Furniererzeugung: Import / Export
Beleuchtungsanlagen: Zumtobel Group Deutschland GmbH, Lemgo
Beschichtung der Möblierungen (Schrankfronten, Tischplatten, Tischfronten): Resopal GmbH
Möblierung der Cafeteria (Tische und Stühle): Vitra International AG
Fest montierte Möblierungen: Binsch GmbH – Der creativ Schreiner
Bestuhlung Publikumsbereiche: Brunner GmbH
Möbelbezugs- und Vorhangstoffe: Fa. Kvadrat und Fa. Rohi
Errichter Schwachstromanlage: Heinz Schele
Aveo Konferenzsysteme GmbH, Wolfegg
Dolmetscher- und Konferenzanlage: Brähler Systems GmbH
Elektrobedienelemente: Albrecht Jung GmbH & Co. KG
Fördertechnik: Jürgen Pfeifer ATH GmbH & Co. KG
Schiebemulden / Kofferschleusen: Walter Wurster GmbH
Hohlraumboden: Lindner AG
Fassadensystem Fenster und Türen: LOM Metallbau Deutschland; Schüco International KG
Fassadenbeschichtung Fenster und Türen: Tiger Coatings Germany GmbH
Oberlichter: JET Steinbrecher GmbH
Dachdämmung: Kaiser GmbH & Co. KG
Dachdeckung: Mapei GmbH - Großostheim
Linoleum/Tischlinoleum: Forbo Flooring GmbH
Nadelvlies: Gerflor DLW GmbH
Innentüren: neuform-Türenwerk Hans Glock GmbH & Co. KG
Bronzeguss (Landeswappen und Beschriftung): Ernst Strassacker GmbH & Co. KG
Kunstgiesserei: Kunst und Architektur Süssen
Beschilderungssystem: PROfilius
Orientierungs- und Leitsysteme: Grünhain Beierfeld

Bruttogeschossfläche
6.200 m²
 
Gebäudevolumen
29.000 m³

Gebäudekosten KG 300+400
netto: 21.000.000 €

Gesamtkosten
28.000.000 € (brutto)

Fotos
Stefan Müller
Oliver Rieger

Vorgestelltes Projekt

Reiulf Ramstad Arkitekter

community church knarvik

Andere Artikel in dieser Kategorie

Stadt in der Stadt
vor 5 Tagen
Vexierspiel
vor einer Woche
Im schimmernden Gewand
vor 2 Wochen
Zusammengefügt in Klinker
vor einem Monat
Ungewohnte Wohnvielfalt
vor einem Monat