Wagenhallen in Stuttgart

Lokomotiv-Remise neu belebt

Atelier Brückner
16. Januar 2019
Vorplatz Kulturbetrieb Wagenhallen Stuttgart (Bild: Daniel Stauch)

Atelier Brückner hat kürzlich den ersten Teil der Wagenhallen in Stuttgart fertiggestellt. Projektleiter Michel Casertano beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Die Wagenhallen ­– 1895 als Lokomotiv-Remise erbaut – liegen unweit des Stadtzentrums auf einer Brachfläche. 2003 haben Künstler das leerstehende Gebäude in Beschlag genommen und vor dem Abbruch gerettet. Im Laufe der Zeit hat sich neben den Künstlern ein erfolgreicher Veranstaltungsbetrieb und eine Tangoschule etabliert. Die Stadt hat sich 2015 dazu entschieden, die Wagenhallen zu sanieren. Anders als gewohnt mussten die Protagonisten nicht weichen, sondern bespielen nun wieder ’ihr’ Gebäude, das nach dem Umbau ungleich mehr Möglichkeiten bietet. Dies ist allen Beteiligten – der Stadt und den Nutzern – hoch anzurechnen und kann jetzt schon als exemplarisch angesehen werden. In diesem nicht immer reibungslosen Prozess haben wir von Anfang an eine Vermittlerrolle eingenommen und konnten neben der Planung der Architektur auch auf diesem Wege unseren Beitrag zum Gelingen dieses Gesamtprojektes leisten.

Eingang Kulturbetrieb Wagenhallen Stuttgart (Bild: Daniel Stauch)

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Grundlage unserer Arbeiten sind die Inhalte, aus denen wir die Gestaltung generieren. Bei diesem Projekt sind dies die Nutzer und das Gebäude mit seiner über 120-jährigen Geschichte. Wir beginnen bei solchen Projekten mit der Suche nach Planmaterial und Fotos aus allen möglichen Quellen und mit Untersuchungen am Gebäude – fast wie Archäologen – bis wir das Gebäude und seine ursprünglichen Funktionsweise verstanden haben. Die Wagenhallen sind von verschiedenen Bauzeiten, pragmatischen Umbauten und Kriegszerstörungen geprägt und an manchen Stellen bis zur Unkenntlichkeit verbaut. Sie erzählen dadurch Geschichten und Geschichte. Wir haben die prägnante Form der ehemaligen Lokomotiv-Remise aus dem Bestand herausgeschält und deren zugrunde liegende Struktur mit den sehr spezifischen und sehr unterschiedlichen Anforderungen der Nutzer in Einklang gebracht.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Die Wagenhallen befinden sich auf einem ehemaligen Bahngelände. Im Zuge der Umstrukturierungen von "Stuttgart 21" wird das Gebiet in absehbarer Zeit bebaut werden. Die Wagenhallen bilden den Nukleus dieses neuen Stadtquartiers, auf den der neue Stadtteil städtebaulich reagieren wird; zum anderen wird die ehemalige Lokomotiv-Remise wieder von vorne entsprechend ihrer Typologie wahrgenommen und nicht mehr wie in den Jahren der Zwischennutzung von der südwestlichen Zugangsseite der U-Bahnlinie. Auf diesen Umstand haben wir mit der Ausbildung von zwei Plätzen und Adressen für die Nutzer auf den beiden gegenüberliegenden Stirnseiten reagiert.

Ansicht von Westen Wagenhallen Stuttgart (Bild: Daniel Stauch)

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Die Stadt Stuttgart hatte nach fünfzehnjähriger Interimsnutzung der Wagenhallen durch die Künstler und Veranstalter den Wert dieses besonderen Ortes erkannt und den Weg für die Überführung der Wagenhallen in einen genehmigungsfähigen Zustand frei gemacht. In Stuttgart ist viel alte Bausubstanz dem Krieg, der Nachkriegsphase und den hohen Grundstückswerten zum Opfer gefallen. Der Stadt und den Nutzern war es – vielleicht auch deshalb – wichtig, dass die Off-Location ihren Charme behält und nicht kaputtsaniert wird. Unserer Haltung zu alten Industriegebäuden ist das sehr entgegengekommen, sodass wir unsere konzeptionellen Ansätze vollumfänglich umsetzen konnten.

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Alle Projektbeteiligten, die Stadt, die Nutzer und wir standen von Anfang an in einem sehr engen Dialog, so dass die Anforderungen und Wünsche in jeder Projektphase mit zunehmendem Detailierungsgrad in die Planung einfließen konnten. Da wir das ehemalige Industriegebäude von Anfang an strukturell, also in seiner ursprünglichen Funktionsweise, wieder erfahrbar machen wollten, hat sich am Grundkonzept nichts verändert. Trotz vorhergehender eingängiger Beschäftigung mit dem Gebäude trifft man im Bau auf Überraschungen, mit denen man umgehen muss, die aber manchmal auch zu ungewöhnlichen und spannenden Lösungen führen. Natürlich versucht man auch während der Bauphase zu erspüren, welcher Umgang mit der bestehenden Bausubstanz, den Oberflächen, Einbauten und Zeitschichten stimmig ist.

Modell Wagenhallen Stuttgart

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Es ist sicherlich eine Herausforderung, ein Industriegebäude von 1895, das als Kalthalle erbaut worden ist, mit der erklärten Absicht, die bestehenden Oberflächen so weit wie möglich beizubehalten, energetisch auf den aktuellen Stand zu bringen, zumal das Gebäude auf Bahngelände errichtet wurde und durch die Stadt niemals eine Baugenehmigung erhalten hatte. Dennoch haben wir die Anforderungen der EnEV 2013 durch einen Bauteilnachweis und – in unmittelbarer Nähe einer Fernwärmeleitung liegend – einhalten können.
Architektur ist zu jeder Zeit Moden unterworfen – da muss man sich nichts vormachen. Da wir unsere Umbauten als bauliche Zeitschicht, die gleichberechtigt neben den bisherigen Zeitschichten steht, betrachten, darf man unseren Eingriffen das Entstehungsjahr ruhig ansehen. Aufgrund unserer inhaltlichen Arbeit, die sich sehr intensiv mit dem Bestandsgebäude auseinandersetzt und immer im Einklang mit den Strukturen und der Funktionsweise dieses Gebäudes steht, folgt unsere Architektur einer inhaltlichen Logik, die ihre Gültigkeit nicht verlieren wird.

Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Gestalterisch haben wir sehr zurückhaltend agiert. Bei rekonstruierten Gebäudeteilen wurde das Material des Bestandes fortgeführt, aber die Rekonstruktion durch Entsättigung der Farben kenntlich gemacht. Neue Funktionen wurden als graue Kuben respektvoll vom Bestand abgerückt. Jede bauliche Zeitschicht ist nebeneinander erkennbar und zeugt von der wechselvollen Geschichte des Gebäudes. Elemente, welche die Funktionsweise des Gebäudes zeigen, haben wir herausgearbeitet.
Lediglich für die Oberlichter waren Neuentwicklungen notwendig: Diese mussten den Veranstaltungsbereichen verdunkeln können zugleich – aufgrund des bestehenden, historischen Tragwerks – leicht sein, aber auch schallschluckend und wärmedämmend mit nicht zu hohem Wärmeeintrag und nicht zuletzt den hohen Anforderungen an den Brandschutzes Rechnung tragen.

Entwurfsplan Wagenhallen
Modell Wagenhallen Stuttgart

Wagenhallen
2018/2019 (Innenausbau für Künstler)
Innerer Nordbahnhof 1-3
70191 Stuttgart

Nutzung
Veranstaltungsort, Künstlerateliers, Tanzschule

Auftragsart
Umbau, Umnutzung, Restaurierung, Bauen im Bestand

Bauherrschaft
Liegenschaftsamt Stuttgart, vertreten durch das Hochbauamt Stuttgart

Architektur
Atelier Brückner, Stuttgart
Prof. Uwe R. Brückner, Shirin Frangoul-Brückner, Britta Nagel, Prof. Eberhard Schlag, René Walkenhorst
Projektdirektor: Prof. Eberhard Schlag
Projektleiter: Michel Casertano
Mitarbeiter: Haydar Dalci, Marc Dettinger, Luis Duarte, Julia Federhofer, Andreas Goerke, Stephanie Hoffmann, Benjamin Jagdmann, Katerina Krommyda, Jörn Küsters, Reinhard Orlinski, Jelka Ottens, Jannis Renner, Andreas Schirra, Christoph Wezel
Praktikanten und Werkstudenten: Anna Aichele, Julia Bazle, Crina-Antonia Ivancu, Mohammed Jirjees, Johannes Klieber, Laura Kohler, Sonja Kohn, Claudia Kolbe, Lukas Kroll, Besnik Latifi, Anne von der Lippe, Caroline Liem, Daniel Pauli, Beatrice Ragazzini, Deyana Stareva

Fachplaner
Landschaftsarchitektur mit G2-Landschaftsarchitekten, Gauder + Gehring, Stuttgart
Objektüberwachung mit Wenzel+Wenzel, Freie Architekten Partnerschaft mbB, Stuttgart
Projektsteuerer: Jeggle Architekten, Kernen-Stetten
Tragwerksplanung: Bornscheuer Drexler Eisele GmbH, Stuttgart
HLS: Pfähler-Rühl GmbH, Heilbronn
ELT: GBI Gackstatter Beratende Ingenieure GmbH, Stuttgart
Bauphysik: Kurz und Fischer GmbH, Beratende Ingenieure-Bauphysik, Winnenden
Brandschutz: Halfkann + Kirchner, Stuttgart
Immisionsgutachter: Heine + Jud, Büro für Umweltakustik, Stuttgart
Schadstoffgutachter: Geo-AER GmbH, Stuttgart
Geotechnik Baugrunduntersuchung: PGG GmbH, Stuttgart
Vermesser: Vermessungsbüro Hils, Stuttgart
Korrosionsschutzgutachter: Institut für Stahlbau Leipzig GmbH, Leipzig
Tierökologe: Arbeitsgruppe für Tierökologie und Planung, Filderstadt
Lichtplanung mit LDE Belzner Holmes, Stuttgart

Bauleitung
Wenzel+Wenzel, Freie Architekten Partnerschaft mbB, Stuttgart
Dipl.-Ing. Architekt Michael Fischinger

Kunst am Bau Autor
Da ein Teil des Gebäudes für Künstlerateliers vorgesehen ist, wird sich die Kunst am Bau sukzessive entwickeln

Ausführende Firmen
Baukonstruktionen, Rohbauarbeiten, Baustelleneinrichtung: Wolfer & Goebel, Stuttgart
Gerüstbauarbeiten: Mack Gerüsttechnik GmbH, Schönaich
Stahlbauarbeiten: FSE GmbH, Wittenberg
Metalldachdeckung: Schüngel metal systems gmbh, Altenburg
Dachabdichtungsarbeiten: Holl Flachdachbau, Remseck
Dachverglasungsarbeiten: Indu Light, Deilingen
Natursteinarbeiten: AeDis AG, Ebersbach-Roßwälden
Ertüchtigung Bestandsfassade, Klinkerarbeiten neue Gebäudeteile: SDC - Steinsanierung Denkmalpflege 
Crailsheim GmbH & Co. KG, Satteldorf
Türen- und Fensterarbeiten, Sonnenschutzarbeiten: Eckert Glas- und Metallbau GmbH, Eschelbronn
Beschichtungsarbeiten mit Estricharbeiten: Kraft SanTec GmbH, Ludwigsburg
Fliesen- / Plattenarbeiten: Ernst Knapp GmbH, Reutlingen
Putz- und Stuckarbeiten: Rossaro Gipsbau GmbH u. Co. KG, Aalen
Trockenbauarbeiten: Ullrich & Schön, Fellbach-Schmiden
Sanitär - Trennwandanlagen: BTS-Trennwandsysteme GmbH & Co. KG, München
Schlosserarbeiten: Finger Schlosserei und Stahlbau GmbH, Breitenthal
Innentüren: Schwarzwald Eisenhandel GmbH & Co. KG, Lahr
Toranlagen: Horch GmbH & Co. KG, Neudenau
Brandschutztor innenliegend: Roleff GmbH & Co. KG, Altbach
Maler- und Tapezierarbeiten: Komfortbau Hunger GmbH, Aspach     
Mobile Trennwände:  Abopart GmbH & Co.KG, Mühlhausen-Ehingen
Stahlmöbel: Thomas Wieland Metallbau Industrietechnik, Untereisesheim       
Diverse Ausbauten: Richard Wacker GmbH, Heilbronn-Biberach
Abwasser/Wasser: MS Haustechnik, Schorndorf
Wärmetechnische Anlagen: Gas- & Wasserleitungs-
Geschäft GmbH Stuttgart
, Stuttgart
Lufttechnische Anlagen: Maschinenfabrik Gg. Kiefer GmbH, Stuttgart
Feuerlöschanlagen: Gesellschaft für Feuerschutz und Installationen mbH, Römerberg
MSR-Technik: Frimat GmbH, Weiden
Brandschutzmaßnahmen: Hawa GmbH Isolierteam, Fellbach

Hersteller
Metalldachdeckung: Zambelli GmbH & Co. KG, Grafenau/Haus im Wald

Energiestandard
EnEV 2013; Bauteilnachweis im Bestandsbau

Bruttogeschossfläche
rd. 14.000 m²

Gebäudevolumen
rd. 87.300 m³

Kubikmeterpreis
rd. 344 €/m²

Gebäudekosten
k.A.

Gesamtkosten
Die Kosten belaufen sich insgesamt auf rund 30.000.000 €. Der Bund förderte davon mit 12,4 Millionen Euro die energetische Sanierung der Gebäude. Auch die Nutzer leisten ihren Beitrag beim Ausbau und bei der Einrichtung ihrer Flächen.

Fotos
Daniel Stauch

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