Kaiserzeit trifft Moderne

KSP Engel
3. Juli 2024
Die Berliner Ministerien nach der Revitalisierung (Foto: hiepler, brunier)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Als Leitmotiv hatten wir das Ziel ausgegeben, die Entstehungsgeschichte der denkmalgeschützten Bauten wahrnehmbar zu machen und mit den neu eingefügten Ergänzungen zusammenzuführen. Die Nahtstellen zwischen den verschiedenen Zeitschichten sollten sichtbar bleiben. Erbaut in mehreren Phasen als Stammsitz der Deutschen Bank in Berlin um 1890, wurden sie nach dem Zweiten Weltkrieg mehrfach umgebaut, unter anderem durch den Bauhaus-Schüler Franz Ehrlich. 1950 bezog das DDR-Innenministerium die Gebäude, nach der Wende wurden sie zum Sitz der Gauck-Behörde. In den Gebäuden finden sich also ebenso die Architektur der Kaiserzeit wie die der Moderne. Die Funktionalität und Nutzbarkeit wurde durch die behutsamen Eingriffe und das Einfügen von Neubauelementen durch KSP Engel deutlich verbessert.

Neue informelle Treffpunkte erweitern die geräumige Erschließung. Die denkmalgeschützte historische Substanz wird schlicht und dezent, dabei modern und funktional ins rechte Licht gesetzt.(Foto: hiepler, brunier)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?

Die bewegte Geschichte der Häuser hat uns natürlich inspiriert. So haben wir nicht nur die verschiedenen Zeitschichten sichtbar gemacht, sondern auch alte Raumfolgen (Konferenzbereich) einzelner Räume (Kuppelhalle, Eckbüros) wiederhergestellt. Darüber hinaus haben wir in Abstimmung mit dem Denkmalschutz wesentliche Bereiche auch in ihrer Materialität erhalten. Dabei sind wir nach dem Prinzip »Ordnen, Bewahren, Erneuern« vorgegangen und haben die verschiedenen historischen Elemente in eine moderne Formensprache integriert. Unser Leitgedanke war, Alt und Neu in einen Dialog zu bringen.

In den historischen Bürobereichen sind Böden aus Eichenparkett und Wandvertäfelungen erhalten geblieben, aufgearbeitet oder behutsam nach alten Vorbildern ergänzt worden. Die Interessen der Denkmalpflege und die Anforderungen an die neue Nutzung wurden hier in Einklang gebracht. (Foto: hiepler, brunier) 
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Die besondere Atmosphäre der Häuser prägen die historischen Treppenhäuser, die großen Geschosshöhen und die oft großzügigen Dimensionen einzelner Räume. Eine wesentliche Herausforderung war für uns, das geforderte Raumprogramm zu ordnen und sinnvoll im Gebäudebestand unterzubringen. Erhalt und Wiederherstellung alter Raumfolgen ging dabei oft mit einer Umnutzung der Bereiche einher: So wurde die ehemalige Kassenhalle (Haus 2) in ein Konferenzzentrum umgewandelt, die ehemalige Kassenhalle in Haus 1 dient nun als Empfangshalle für das Bundesministerium für Gesundheit. Und einen der vier Innenhöfe haben wir – dem bauzeitlichen Vorbild folgend – mit einem Glasdach überspannt. Dieser dient nun als Cafeteria.

Die offenen Treppenhäuser der Gründerzeit sind repräsentativ angelegt und in jedem der Bauteile anders gestaltet. Die aufwendige Sanierung des historischen Bestands inszeniert die charakteristischen Raumfolgen als Orientierungsmarken und kommunikative Wegekreuzungen. (Foto: hiepler, brunier)  
Haben Sie den Auftrag über einen Wettbewerbsbeitrag oder direkt erteilt bekommen?

Unsere Beauftragung erfolgte über ein ÖPP-Verfahren. Die öffentliche Hand – hier der Bund – suchte leistungsfähige Partner aus der Wirtschaft für die Sanierung und Transformation der beiden Häuser und den 25-jährigen Betrieb der beiden Immobilien. In dieser Konstellation bestand für uns die Besonderheit darin, dass nicht der Bund, hier vertreten durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), unser Auftraggeber war, sondern die Arbeitsgemeinschaft (Arge) aus Hochtief und Zech (ehemals BAM Deutschland). Mit diesen zwei Bauunternehmen hatte sich KSP Engel in Gemeinschaft für das Projekt beworben.

Neue Cafeteria im ehemaligen Innenhof Haus 1. Die gläserne Überdachung verwandelt einen Innenhof zur Cafeteria, die von den Mitarbeitern als Aufenthaltsbereich genutzt wird und entfernt an die einstige Kassenhalle der Bank erinnert. (Foto: hiepler, brunier)  
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Das Haus 2 war zunächst ohne konkreten Nutzer für eine ministerielle Nutzung geplant. Anfang 2019 fiel die Entscheidung, dass das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in das Gebäude einziehen wird und somit Hauptnutzer des Hauses würde. Abweichend von der ursprünglichen Planung haben wir einen neuen Funktionsbereich für die Leitung des BMFSFJ in die Planung integriert. 

Die ehemalige Kassenhalle in Haus 2 dient als Konferenzzentrum. Durch flexible Zwischenwände kann die Konferenzebene zu den angrenzenden Versammlungsräumen hin geöffnet werden. (Foto: hiepler, brunier)  
Inwiefern haben Sie im Projekt die Verwendung von Naturbaustoffen und zirkulären Baustoffen angestrebt?

Die Um- und Weiternutzung der Bestandsbauten setzt eine vertiefte Kenntnis verschiedener Materialien und Konstruktionen voraus. So konnten wir die Häuser den aktuellen Bedürfnissen anpassen und die für den Klimaschutz wesentliche »graue Energie« erhalten. Ressourceneffizienz beginnt bei uns daher mit der Planung: Die strengen Vorgaben nach dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) in Silber, die sich der Bund für seine Bauten gesetzt hat, werden für beide Bundesministerien sicher erreicht werden.

Die historische Kassenhalle: Das große gläserne Tonnendach versteckte man beim Umbau in den 1950er-Jahren hinter einer flachen Gipsdecke. Die Substanz konnte freigelegt und wieder instand gesetzt werden. (Bildurheber hist. Foto: Jahrbuch der Schiffbautechnischen Gesellschaft 1910)
Beschäftigten Sie sich im Büro mit den Tendenzen des zirkulären Bauens und der sozialen Nachhaltigkeit?

Das Thema der sozialen Nachhaltigkeit spielte bei diesem Projekt eine wesentliche Rolle – Erhalt und denkmalgerechte Umnutzung der Gebäude leisten einen wichtigen Beitrag zur Baukultur. Neben der Barrierefreiheit der Zugänge und Räumlichkeiten wurde auch auf Details geachtet wie höhenverstellbare Tische für Rollstuhlfahrende in der Cafeteria. Für angenehme Arbeits- beziehungsweise Aufenthaltsbedingungen sorgen zudem informelle Orte, die den gegenseitigen Austausch fördern und als gemeinsame Treffpunkte dienen (unter anderem Meeting Points). In das Bestandsgebäude des BMG haben wir auch eine Kita integriert, welche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert. Erste Reaktionen der Nutzer, die wir in alle wesentlichen Entscheidungen einbezogen haben, zeigen uns eine sehr hohe Nutzerzufriedenheit.

Das zirkuläre Bauen spielt in unseren Überlegungen eine zunehmend wichtigere Rolle – bei unseren aktuellen Wettbewerbsentwürfen ist das Thema ein integraler Bestandteil unserer Entwurfsstrategie. Beim hier genannten Projekt wurden allerdings nur die Kriterien berücksichtigt, die für die angestrebte Zertifizierung nach dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) relevant waren.

Lageplan: Unweit der Straße »Unter den Linden«, mitten im Regierungsviertel, befinden sich die neuen Berliner Dienstsitze des Bundesministeriums für Gesundheit und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Haus 1 – Bundesministerium für Gesundheit (Norden), Haus 2 – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Süden). (Zeichnung: KSP Engel)
Haus 2, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Schnitt, Konferenzhalle (ehemalige Kassenhalle) (Zeichnung: KSP Engel)
Bundesministerien für Gesundheit (BMG) und für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)
2022 / 2023
Bundesministerien für Gesundheit (BMG) / Haus 1: Mauerstraße 29, 10117 Berlin
Bundesministerien für Familie (BMFSFJ) / Haus 2: Mauerstraße 27, 10117 Berlin

Nutzung
(ministeriale) Büronutzung
 
Auftragsart
ÖPP / öffentlich-private Partnerschaft
 
Bauherrschaft
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) vertreten durch die Projektsteuerung Partnerschaft Deutschland (PD) und durch die HOCHTIEF PPP Solutions Essen und die Zech Group (ehem. BAM Deutschland AG)
 
Architektur
KSP Engel | Jürgen Engel 
Leitung Büro Braunschweig: Ulrich Gremmelspacher
Projektleitung: Michael Reiff, Caroline Kogler
Mitarbeit: Carola Butze, Kerstin Bücker, Luca Ciardo, Despoina Charalampidou, Massimo Della Rosa, Felix Dihle, Paule Ercilla Imatz, Thomas Filke, Jano Fischer, Jürgen Friedemann, Gemma Garcia Barca, Alexander Gelhorn, Niklas Gieseke, Gemma Gomez Polo, Nadine Haberland, Melanie Hansmann, Georg Hoffs, Peter Kirstan, Andreas Knoblauch, Martin Krohne, Christopher Kuriyama, Bega Kühr, Bo Li, Deborah Mai, Anne Hina Mallette, Thomas Marquardt, Gabriele Moises, Martin Oster, Evgenij Ritt, Jan Schmidt, Roberto Sbalchiero, Daniel Ströter, Saba Talebi Ghahfarokhi, Tobias Thiel, Rafael Wiglenda, Anna Wrede, Volker Ziro, Teamassistenz: Marzena Bodnar, Lena Neumann
 
Fachplaner
Generalfachplanung LP 2 + 3: ARUP Deutschland
TGA-Planung LP 3 + 5: Planungsgruppe M + M AG, Knott & Partner VDI
Tragwerksplanung LP 5: Dr.-Ing. Pelle Ingenieurgesellschaft mbH, Ingenieurbüro Ulrich Grabsch, TWP Hochtief Infrastructure, Essen, Ingenieurbüro Doliva GmbH, Assmann Beraten + Planen GmbH
Beratung Denkmalschutz: Dr. Peter Lemburg, SGR – Stefan Grell Restaurierung
Brandschutzplaner: TPG technische Prüfgesellschaft, Berlin
Brandschutzprüfer: hhp Berlin Prüfgesellschaft für Brandschutz mbH
Landschaftsplanung: nsp Landschaftsarchitekten Stadtplaner, Hannover
Küchenplanung: Ingenieurbüro Seewöster, Berlin
Baugrundgeologie: GuD Consult, Berlin
Gebäudeschadstoffe: GeoTeam Gesellschaft für Hydrologie und Altlastenerkundung mbH
Bauphysik: Christoph Alertz, Hochtief Infrastructure, Essen
Lichtplanung: Kardorff Ingenieure 
Leitsystem: Kognito Gestaltung
Zertifizierung für Nachhaltiges Bauen (BNB): Drees & Sommer – Advanced Building Technologies
 
Objektplanung und Bauleitung
KSP Engel
 
Kunst am Bau
Fusing, Einberger und Goderbauer 
Farbe.Raum.Sphäre, Christine Bergmann 
o.T. , Constanze Hartmann und Gabriel Paul 
Ceolestis, Heike Weber und Walter Eul 
Untiefen, Andrea Knobloch und Ute Vorkoeper

Generalunternehmer
Arbeitsgemeinschaft ÖPP BMG Mauerstraße Berlin
vertreten durch HOCHTIEF Infrastructure GmbH und ZECH Hochbau AG (ehem. BAM Deutschland AG)

Energiestandard 
Zertifizierung für Nachhaltiges Bauen (BNB) in Silber
 
Bruttogeschossfläche
ca. 67.260 m²

Gesamtkosten
k.A.

Fotos
hiepler, brunier, Berlin
hist. Foto: Jahrbuch der Schiffbautechnischen Gesellschaft 1910

 

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