Integrierende Architektur

Dannien Roller Architekten + Partner
31. März 2021
Der Zugang erfolgt aus der engen Pfleghofstraße und erlaubt Ein- und Durchblicke in die verschieden Raumebenen des Büros. (Foto: Dietmar Strauß)

Der Um- und Anbau des Wohn- und Geschäftshauses Pfleghofstraße in Tübingen soll Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen. Maren Dannien und Matthias Roller (Dannien Roller Architekten + Partner) beantworten unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Das Projekt agiert in einem historisch und topographisch komplexen Gefüge und behandelt hier auf sehr subtile Weise das hochaktuelle Thema der innerstädtischen Verdichtung. Das spätklassizistische Wohn- und Geschäftshaus Pfleghofstraße 4/1 in der Tübinger Altstadt wird umgebaut und durch einen modernen eingeschossigen Anbau erweitert. Die neuen Büroräume befinden sich auf den Schulbergterrassen oberhalb der mittelalterlichen Stadtmauer in unmittelbarer Nachbarschaft zum historisch bedeutsamen Pfleghof. 

Abgetreppte Arbeits- und Teambereiche gliedern die offenen Räume, immer wieder gibt es Rückzugsbereiche mit Außenraum- und Stadtbezug. (Foto: Dietmar Strauß)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Wir wollten eine offene und differenzierte Bürolandschaft in einer vielschichtigen Stadtlandschaft entwerfen. Das räumliche Wechselspiel des Baukörpers und seinem Innenraumgefüge mit den städtischen Außenräumen hat uns fasziniert und sollte Inspiration für das zukünftigen Arbeiten an diesem Standort sein. 

Die Erschließung des Büros erfolgt über den städtischen Kontext aus der engen Pfleghofstraße, wo sich das Sockelgeschoss in einer breiten Fensterfront mit geölten Eichenprofilen öffnet. Der klar strukturierte Rhythmus des Fensters sowie die Farbgebung des Holzes passen zur historischen Fassade. Die großen Fenster erlauben Einblicke in den Empfangsbereich des Büros und sind Bühne und Licht für den Straßenraum. Der offen gestaltete zweigeschossige Ladenraum empfängt und bietet Ein- und Durchblicke in die verschiedenen Ebenen. Die Idee einer offenen Bürolandschaft und der Verzicht auf eine hierarchische Raumorganisation sind hier umgesetzt. 

Eine historische Holztreppe führt in die Büros und Besprechungsräume im Obergeschoss, die bereits über offenes Fachwerk vom Empfang aus optisch präsent sind. Folgt man der abwärts führenden Treppe, gelangt man in das Zwischengeschoss als Verbindung zum Anbau. Die Bodenplatte des Altbaus wurde in diesem Bereich abgesenkt, was den Niveauausgleich zum Neubau schafft. Der Neubau entwickelt sich winkelförmig über drei Raumabtreppungen in den Landschaftsraum der Schulbergterrassen hinein. Im Neubau sind eine Bibliothek, ein Konferenzbereich und Büros untergebracht. 

Die Wandflächen im Altbau sind mit durchgefärbtem Putz und rohem Holzfachwerk ausgeführt. Der Kronleuchter im Entree und filigrane Messinggeländer sind gewollt gesetzte Akzente und ergeben im Zusammenspiel mit Architektur und Raum einen lebendigen Gesamteindruck. (Foto: Dietmar Strauß)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Der eingeschossige Neubau schließt direkt an den mehrgeschossigen Altbau an und erstreckt sich auf winkelförmigem Grundriss gartenseitig Richtung Schulbergterrassen. Das nach Osten leicht abfallende Gelände war zuvor eine brachliegende, ungenutzte Fläche. Diese erfährt durch den grundstücksbegrenzenden Anbau eine städtebauliche und kompositorische Wiedereingliederung in das Stadtgefüge. 

Der Neubau setzt sich in seiner modernen und klaren Formensprache deutlich vom Altbau ab. Gleichzeitig stellt er sich der Herausforderung, die Vergangenheit des Ortes aufzugreifen und sich in den historischen Kontext einzufügen, ohne auf architektonische Eigenständigkeit zu verzichten.

Der Innenhof zitiert ein wesentliches Element der Tübinger Stadtstruktur. Er erzeugt eine öffentliche Atmosphäre durch seine Verbindung zum Fußweg auf den Schulbergterrassen und schafft eine Verzahnung von privatem und öffentlichem Bereich. Großflächige Eichenfenster öffnen die Fassade und ermöglichen den Blick in die Umgebung zum Österberg und in die Mühlstraße. Sie lösen die strenge Grenze zwischen Architektur und Umgebung auf. Die grobe Putzstruktur in zurückhaltender Mehrfarbigkeit korrespondiert mit den Natursteinmauern der Schulbergterrassen und dem Pfleghof.

Die dreifache Terrassierung des Baukörpers im Gebäudeinneren und die begrünte, abfallende Dachlandschaft differenzieren den Baukörper. Die skulpturale Architektur bettet sich sensibel in den Hang der Schulbergterrassen ein und wird wie selbstverständlich Bestandteil der vorgegebenen Topografie und Stadtmorphologie. 

Nüchterne Schlichheit und Funktionalität: Im Neubau sind das Mauerwerk, die Sichtbetonstürze und der Estrich sichtbar belassen und rau. (Foto: Dietmar Strauß)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Das Projekt wurde für unser eigenes Architekturbüro maßgeschneidert entworfen. Unser Team umfasst um die 20 Mitarbeiter. Ein insgesamt offenes Raumkonzept mit Entrée und Adresse, vier Teameinheiten, unterschiedlichen Rückzugsmöglichkeiten, atmosphärisch differenzierten Treffpunkten und Besprechungszonen ist entstanden. Die variierenden Raumqualitäten geprägt durch die Atmosphäre vom Altbau und dem rohen Charme vom Neubau haben auch differenzierte Bezüge zu den Außenanlagen, die unterschiedliche Aufenthaltsangebote herstellen. Der Straßenraum mit Sitzbank, die Veranda vor dem Besprechungsraum, der Innenhof mit Grillplatz und Bestuhlung, die Natursitzsteintreppe auf der Stadtmauerkrone für die Aussicht und der kleine Platz zum Fußweg der Schulbergterrassen lassen das Innenraumgefüge mit der Stadtlandschaft korrespondieren. 

Die skulpturale Architektur bettet sich selbstverständlich in die vorgegebene Topgraphie und Stadtmorphologie ein (Foto: Dietmar Strauß)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Neben der Ablesbarkeit von Altbau und Neubau sollte auch in den Innenräumen durchgängig das Einfache, das heißt ein kreativer Atelier- bzw. Werkstattcharakter die Atmosphäre des Büros prägen. Die Räume beeindrucken durch nüchterne Schlichtheit und Funktionalität. Die Wandflächen im Altbau sind mit durchgefärbtem Putz, rohem Holzfachwerk gestaltet, während im Neubau das rohe Mauerwerk sichtbar belassen und von rauer Ästhetik ist. 

Die städtebauliche Haltung den Anbau als neuzeitliche Ergänzung der Schulbergterrassen in Erscheinung treten zu lassen, hat uns bestärkt ein massives Bauwerk wie eine körperhafte Mauer zu konstruieren. Die massiven Kalksandsteinwände sind aus einfachem Kellermauerwerk mit überdimensionierter Lagerfuge gestaltet. Die aussteifenden Ortbetonwände gliedern gemeinsam mit den Betonfensterstürzen das Wandbild. Die Putzfassade ist ein mit Schmetterlingsrolle abgezogener Grobputz. Eine zweite dunklere Farbebene auf den Kornspitzen als Granierung geben dem Baukörper einen kraftvollen Auftritt mit lebendiger Farbigkeit. 

Der Anbau befindet sich auf den Schulberterrassen oberhalb der mittelalterlichen Stadtmauer, neben dem historisch bedeutsamen Pfleghof. (Foto: Dietmar Strauß)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Farbliche und gestalterische Signale in dem sehr einfachen mit Sichtmaterialien realisierten Gebäude gehen aus von dem skulptural wirkenden Küchentresen in leuchtend gelber Farbe im Zwischengeschoss, den filigranen Messinggeländern im Eingangsbereich, den geölten Eichenholzfenstern mit kräftiger Holzfasche im Anbau, silberfarbenen Vorhängen im Anbau sowie einem Kronleuchter im Entree. Die gewollt gesetzten Akzente ergeben im Zusammenspiel mit Architektur und Raum einen lebendigen Gesamteindruck. 

Die Räume sind mit einer Grundbeleuchtung aus einem LED Lichtkanalsystem mit einer Tageslichtfarbe von 4000K ausgestattet. Die Lichtlinien reagieren auf die unterschiedlichen Raumbereich differenziert und verbinden durch die einheitliche Lichtfarbe und Lichtkörper eine Gesamteinheit. Im Entree sind einzelne Lichtlinien im regelmäßigen Raster an der Deckenuntersicht oberhalb vom Kronleuchter angeordnet. Der konisch verlaufende Durchgangs- Küchen- Begegnungsbereich mit geknickter Decke wird durch eine parallel eng angeordnete Lichtlinienstaffelung als Zentrum inszeniert. Im Konferenzraum pendeln die Lichtkanäle über der Tischanlage frei ab und im Anbau wird die gefaltete Dachuntersicht an den Knicklinien pfeilartig und dynamisch als Einbaulichtlinie begleitet. 

Die übrige Beleuchtung ist individualisiert den Arbeitsplätzen und Rückszugsbereichen zugeordnet. 

Lageplan Pfleghofstraße 4 (Zeichnung: Dannien Roller Architekten + Partner)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Dannien Roller Architekten + Partner)
Querschnitt (Zeichnung: Dannien Roller Architekten + Partner)
Umbau und Anbau Wohn- und Geschäftshaus Pfleghofstraße in Tübingen 
2020
Pfleghofstraße 4.1
72070 Tübingen

Nutzung
Büroeinheit in Wohn- und Geschäftshaus
 
Auftragsart
Direktauftrag

Bauherrschaft
Privat
 
Architektur
Dannien Roller Architekten + Partner, Tübingen
Maren Dannien, Matthias Roller, Mirko Jakschic, Özlem Özkan
 
Fachplaner
Statik und Bauphysik: Ingenieurbüro Schneck Schaal Braun, Tübingen 
Landschaftsarchitektur: Dagmar Hedder, Tübingen
Vermessung: Ingenieurbüro Helle, Tübingen
Bodengutachten: Ingenieurbüro Gerweck+ Potthoff, Tübingen

Ausführende Firmen
Rohbau: Bau Steeb, Sulz am Neckar
Stahlbau: Volker Stetza Metallbau, Balingen
Schlosserei: E. Schramm, Tübingen
Malerarbeiten: Heinrich Schmid, Tübingen
Bodenbelag: Klaiber und Heubach, Tübingen
Putz- und WDVS: Orth + Schöpflin GmbH, Reutlingen
Dachbegrünung: Pro Natur, Metzingen
Gerüstbau: Quadrex, Ammerbuch
Heizung , Lüftung , Sanitär: Walddörfer, Tübingen
Estrich: RN Estrich , Lichtenstein
Fenster: Pfeffer Fensterbau, Starzach
Möbelschreinerei , Türen: Schreinerei Klink, Tübingen
Trockenbau: Cosor, Herrenberg
Dachabdichtung, Flaschnerei: Walter Bedachungen, Metzingen
Restauration Treppe: Stephan Potengowski, Tübingen
Restauration Natursandstein : Stephan Krauss, Tübingen
Landschafts- und Gartenbau: Winter, Burladingen
Elektroarbeiten: Wörner Eletroanlagen, Bad Urach
Einrichtung: Hecht, Tübingen
 
Hersteller
Linoleum: Marmoleum Concrete - Fa. Forbo
Innenputz durchgefärbt: sto level calce gefilzt - Fa. Sto
WDVS: Sto Miral R6, Oberputz abgerollt, Sto signature Texture rough 6, durchgefärbt, Silioconharzfarbe Sto Color Silco G - Fa. Sto
Außenlaibung: Sto Deco Frame Typ A, Anstrich Solit Milano - Fa. Sto
Wandverkleidung: 19mm MDF durchgefärbt, Innovus Grey - Fa. ZEG
Fliesen: Reano copper green Elegance Glasmosaik Retro GL- 18012 7,3 x 7,3 
Estrich: Sichtestrich e4 SuperMix 2 K flügelgeglättet und pigmentiert - Fa. SuperMix
Estrichimprägnierung: silikatische Imprägnierung Sinnodur W 3 - Fa. Sinnodur
Fenster: Eiche Vollholz geölt - Fa. Livos
Türband: verdeckt - Fa. Tectus
Fenstergriff, Türgriff : FSB 1076 Rechteckrosette Edelstahl und FSB 230811 - Fa. FSB
Gardine: Reflectacoustik silber 0123 - Fa. Creation Baumann
Heizkörper: Zehnder Radiavektor ZRV 432 und Zehnder Nova NVL - Fa. Zehnder
Heizkörper: Stelrad Planar ECO Typ 22 - Fa. Stelrad 
WC + Waschtisch: Geberit iCon - Fa. Geberit
Spültaste: Fa. Sigma
Mischarmatur WC: Talis S - Fa. Grohe
Mischaramtur Küche: Quooker Flex Combi und Cube Module - Fa. Quooker
Waschbecken Küche: Blanco Flow - Fa. Blanco
Handtuch- Seifenspender: WP 107 und WP 535 - Fa. Wagner Ewar
WC Papierhalter, Klobürste: Hewi V2a - Fa. Hewi
Steckdosen, Schalter_ Jung LS 990 - Fa. Jung
Aufbau-, Pendel-, Einbauleuchten: Catania Barthelme Lichtsystem LED - Fa. Barthelme
Stehleuchte: AJ Stehleuchte - Fa. Louis Poulsen
Stehleuchte: Stehleuchte Orto S LED - Fa. Spectral
Tischleuchte: Tolomeo - Fa. Artemide
Leuchte Besprechung: Wireflow FreeForm 0350 LED Pendelleuchte - Fa. Vibia
Kronleuchter: Dear Ingo Pendelleuche - Fa. Mooi
WC Leuchte: Linestra Li 7
Garderobe: Stick - Fa. Schönbuch
Barhocker: Screw 1300M - Fa. Mint
Stuhl: Eames Fiberglass Sidechair DSR und Armchair DAR - Fa. Vitra
Schaukelstuhl: Eames Fiberglass Armchair RAR - Fa. Vitra
Sessel: LC1 Fell - Fa. Cassina
Hocker: Ulmer Hocker Nussbaumholz 
Tisch: JH 7 Palette Jaime Hayon - Fa. & Tradition
Tischgestell: Eiermann Tischgestell - Fa. Richard Lambert
Sideboard, Rollcontainer: Fa. USM Haller
Bürostuhl: Aluminium Chair - Fa. Vitra

Energiestandard
KfW Effizienzgebäude 55 

Bruttogeschossfläche
460 m² (Umbau und Anbau )

Gebäudevolumen
1.575 m³
 
Gesamtbaukosten
2.082.000 € brutto 
 
Fotos
Dietmar Strauß, Besigheim

Verwandte Artikel

Vorgestelltes Projekt

sop architekten

Neue Messe Süd

Andere Artikel in dieser Kategorie