Haus ohne Eingang

Bez + Kock Architekten
22. Januar 2020
Luftbild aus östlicher Richtung (Foto: wa wettbewerbe aktuell)

Bez + Kock Architekten aus Stuttgart haben das Sauerlandmuseum zum Museums- und Kulturforum Südwestfalen erweitert. Martin Bez . . . . . .

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Das bisherige Sauerlandmuseum im historischen Landsberger Hof war seit Jahrzehnten ein typisches Heimatmuseum von eher regionaler Bedeutung. Neben der denkmalgerechten Sanierung des Altbaus und der umfassenden Neukonzipierung der darin befindlichen Dauerausstellung wird es nun künftig möglich sein, hochkarätige Wechselausstellungen von überregionaler Strahlkraft durchzuführen. Dazu wurde der Altbau talseitig um einen Erweiterungsbau ergänzt, in dem auf drei Ebenen stützenfreie Ausstellungsflächen mit modernster Klimatechnik entstanden sind. Das bestehende Sauerlandmuseum wurde zum Museums- und Kulturforum Südwestfalen erweitert. Den fulminanten Ausstellungsauftakt bildet die derzeit gezeigte, sehr erfolgreiche Ausstellung über den Künstler August Macke, der im Sauerland geboren wurde. Eine fast schon sinnbildlich für das Gebäude stehende Verbindung von regionaler Verwurzelung und internationaler Bedeutung.

Blick aus der Ruhrstraße auf den skulpturalen Neubau und den darüber liegenden Landsberger Hof (Foto: Brigida González)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Der skulpturale Neubau am Fuße des Landsberger Hofes steht als deutlich sichtbares Zeichen für die inhaltliche Neuausrichtung des Museums. Durch seine Höhenstaffelung bewahrt er gleichwohl die markante Stadtsilhouette, die von dem barocken Altbau bekrönt wird. Die Geometrie des Neubaus leitet sich aus den vorgefundenen stadträumlichen Richtungen von Altbau und talseitiger Ruhrstraße ab und verbindet sich dadurch mit dem Ort. Der historische Altbau und die zeitgenössische Erweiterung ergänzen und bereichern sich wechselseitig – wie zwei ungleiche Geschwister.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Unser Entwurf ist vor allem das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit den topografischen Besonderheiten des Bauplatzes: Rund 20 Meter unterhalb des Altbaus befindet sich der Neubau auf einem unter 45 Grad zur Ruhr hin abfallenden Steilhang. Einerseits sollten Alt- und Neubau baulich miteinander verbunden werden, zum anderen war es gewünscht, die „Englische Promenade“ – eine historische Fußwegeverbindung entlang des Hanges – zwischen Neubau und Altbau hindurchzuführen. Diese Herausforderung haben wir über eine Verbindungsbrücke zwischen den beiden Häusern gelöst, unter der die Englische Promenade hindurch führt. Von diesem Fußweg aus kann auch eine öffentliche Aussichtsterrasse auf dem Dach des Museums begangen werden. Den Abschluss dieses Fußweges bilden die Ruhrterrassen, direkt am Ufer der Ruhr, die ebenfalls im Rahmen der Baumaßnahme realisiert werden konnten und den Besuchern den bislang verwehrten Zugang zum Wasser ermöglichen. Vom prominenten Brückenplatz aus betrachtet, entwickelt sich der Neubau in drei Etappen terrassenartig nach oben. Vom obersten Punkt aus erfolgt der Brückenschlag zum Altbau.

Blick auf die homogen mit Gauinger Travertin verkleidete Fassade an der Ruhrstraße (Foto: Brigida González)
Detailansicht des markant abgetreppten Neubaus, im Hintergrund der 1605 erbaute Landsberger Hof (Foto: Brigida González)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Es war eine strikte Vorgabe der Bauherrschaft, den Neubau nicht über die Ruhrstraße, sondern ausschließlich über den Altbau am Alten Markt zu erschließen. Grund dafür war der Wunsch, die Besucher in die historische Altstadt Arnsbergs zu locken, um diese zu beleben. Das Knifflige an dieser Vorgabe war für uns jedoch, dass der Neubau etwa 20 Höhenmeter unterhalb des Alten Marktes entstehen sollte und wir deshalb eine innere Raumgestalt entwickeln mussten, die eine attraktive Besucherführung trotz dieses beträchtlichen Höhenunterschiedes gewährleistet. Schnell war deshalb klar, dass die größte Herausforderung die Inszenierung der Vertikalerschließung des Hauses werden würde.

Nun wird der Besucher hinunter in die Kellergewölbe des Altbaus geführt und findet dort einen engen Durchschlupf durch die massive Sockelwand des Landsberger Hofes. Von hier aus führt der Weg auf die Verbindungsbrücke, die über ein raumhohes Panoramafenster den Blick über den angrenzenden Brückenplatz öffnet. Obwohl der Besucher kurz zuvor in den Keller des Altbaus hinabgestiegen ist, befindet er sich jetzt unvermittelt 15 Meter über dem Gelände und hat einen beeindruckenden Ausblick: Die Stadt selbst wird zum Exponat. Über drei Etagen schraubt sich von hier aus der weiß gestaltete Treppenraum hinunter in Richtung Ruhrstraße und erschließt en passant die Ausstellungsräume.

Der neue, brückenartige Verbindungsbaukörper auf Höhe des 1. Untergeschosses des Altbaus spannt sich über die bestehende „Englische Promenade“ (Foto: Brigida González)
Detailansicht der Fassade zur Ruhrstraße (Foto: Brigida González)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Unser prämierter Wettbewerbsentwurf aus dem Jahr 2012 sah eine Lösung vor, bei der ungefähr 75% des Volumens in den Hang eingelassen werden sollten. Auch die Verbindung zwischen Alt- und Neubau war unterirdisch geplant. Nachdem wir etwa 7.000 Arbeitsstunden in das Projekt investiert hatten, zeigte sich jedoch, dass der bauliche Aufwand bedingt durch die steile Topografie und die schwierige Geologie des Hanges unverhältnismäßig hoch geworden wäre. Wer gibt schon gerne die Hälfte des Budgets für eine Baugrube aus? Also haben wir nochmals von vorne begonnen unter der Maßgabe, deutlich weniger in den Hang einzugreifen. Insofern hat das nunmehr realisierte Projekt mit unserem ursprünglichen Entwurf nichts mehr gemein. Dieser Schritt war für uns durchaus schmerzhaft, hatten wir doch bereits reichlich Herzblut in das Altprojekt gesteckt. Mit etwas Abstand betrachtet kann man jedoch feststellen, dass die realisierte Lösung sich auch gut sehen lassen kann. Das knappe Budget konnte deutlich mehr in die sichtbaren Bauteile des Museums investiert werden.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Eine besondere, konstruktive Herausforderung war der hangseitige Baugrubenverbau, der als rückverankerte Konstruktion dauerhaft erhalten bleiben muss, da der Neubau der Schubkraft des Hanges nicht standhalten würde. In Wirklichkeit ist das Haus also nicht in den Hang eingelassen, sondern steht frei vor einer etwa 10 Meter hohen Verbauwand.

Für die stützenfreien Ausstellungssäle haben wir sogenannte Pi-Decken eingesetzt. Dabei handelt es sich um äußerst wirtschaftliche Betonfertigteile, die für gewöhnlich im Industriebau eingesetzt werden. Dank der werkseitigen Vorfertigung verfügen diese Elemente jedoch über eine sehr gute Sichtqualität, die auch im Ausstellungsraum eines Museums funktioniert. Durch die Ersparnisse im Rohbau konnte trotz des insgesamt knappen Budgets eine sehr hochwertige Materialität realisiert werden.

Blick vom ersten Untergeschoss des Altbaus in Richtung des brückenartigen Verbindungsbaukörpers (Foto: Brigida González)
Übergang in den Neubau mit den raumhohen Verglasungen (Foto: Brigida González)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Der Neubau wird durch eine geringe Anzahl handverlesener Materialien geprägt. Dabei waren uns bei der Auswahl und der Verarbeitung der Baustoffe deren Wertigkeit und Handwerklichkeit äußerst wichtig. Die Fassade aus 10 cm starkem, vorgemauertem Gauinger Travertin unterstreicht die skulpturale Kraft des Volumens. Der weiße Terrazzo trägt Licht in den offenen Treppenraum, großformatige Eichenholzdielen geben den Ausstellungsräumen eine moderne Rustikalität.

Das große Panoramafenster des Neubaus, das einen beeindruckenden Blick über die Stadt bietet (Foto: Brigida González)
Blick in das Treppenhaus des Neubaus, das die drei Ausstellungsebenen des Museums miteinander verbindet (Foto: Brigida González)
Blick in den Ausstellungsbereich mit den großformatigen Eichenholzdielen (Foto: Brigida González)
Blick in den multifunktionalen Saal, der sich mit seinen großen Fensterelementen zur Stadt öffnet (Foto: Brigida González)
Blick in den großen Ausstellungsraum auf der Ebene der Ruhrstraße (Foto: Brigida González)
Blick in den Museumshof vor dem als Stadtpalais errichteten Bestandsgebäude „Landsberger Hof“ (Foto: Brigida González)
Die vom Erdgeschoss ins 1. Untergeschoss führende Treppe des Landsberger Hofs (Foto: Brigida González)
Der Empfangstresen des Museums im historischen Landsberger Hof (Foto: Brigida González)
Gesamtansicht des Neubaus aus der Ruhrstraße (Foto: Brigida González)
Lageplan (Zeichnung: Bez + Kock Architekten)
Grundriss Erdgeschoss Altbau (Zeichnung: Bez + Kock Architekten)
Grundriss 1. Untergeschoss (Zeichnung: Bez + Kock Architekten)
Grundriss 2. Untergeschoss (Zeichnung: Bez + Kock Architekten)
Grundriss 3. Untergeschoss (Zeichnung: Bez + Kock Architekten)
Grundriss 4. Untergeschoss (Zeichnung: Bez + Kock Architekten)
Längsschnitt (Zeichnung: Bez + Kock Architekten)
Querschnitt (Zeichnung: Bez + Kock Architekten)
Sauerlandmuseum - Museums- und Kulturforum Südwestfalen
2019
Alter Markt 24-30
59821 Arnsberg

Auftragsart
Auftrag nach Wettbewerb (2.Preis) und anschließendem Verhandlungsverfahren

Bauherrschaft
Hochsauerlandkreis
 
Architektur
Bez + Kock Architekten, Stuttgart,
Martin Bez, Thorsten Kock 
Projektleitung: Meredith Atkinson
Mitarbeit: Tilman Rösch, Lisa Dietz (Wettbewerb), Peter Donn, Anna Piontek, Lea Keim, Maria Dallinger, Andrea Stegmaier, Roman Ramminger, Antonia Hauser

Fachplaner
Dauerausstellung im Altbau: Dr. Ulrich Hermanns Ausstellung Medien Transfer, Münster
Freianlagen: Büro Wiederkehr, Nürtingen
HLS: Henne & Walter, Reutlingen
ELT: GBI Gackstatter Beratende Ingenieure, Köln
Tragwerk: wh-p Ingenieure, Stuttgart
Bauphysik: IFB Sorge, Nürnberg
Brandschutz: hhp-Nordost, Braunschweig
 
Bauleitung
BBM Bodem Baumanagement, Dominik Bodem, Coesfeld mit Bez + Kock Architekten, Stuttgart

Ausführende Firmen
Rohbau: Feldhaus, Billerbeck
Naturstein: Lauster Steinbau, Stuttgart
Terrazzo: Bayer Betonsteinwerk, Blaubeuren
 
Hersteller
Naturstein: Gauinger Travertin
Beleuchtung: Optec, Erco
Pendelleuchten: Leucos Fairy SS-INC
Fenster und Außentüren: Schüco
Fliesen: Cinca Mosaico Porcelanico
Streckmetalldecken: Durlum, Streckmetallsegel Rhombos V1
 
Bruttogeschossfläche
Neubau: 1.216 m², Altbau: 2.317 m², Summe: 3.533 m²
 
Gebäudevolumen
16.271 m³

Gesamtkosten
Altbau+Neubau: 7.700.000 € (KG 200-600 brutto)
 
Fotos
Brigida González
Luftbild: wa wettbewerbe aktuell 

Vorgestelltes Projekt

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