Geschätztes Detail

asp Architekten
17. März 2021
Nach außen zeigt sich der AWS-Betriebshof vornehmlich mit Fassaden aus unbehandelten und unbesäumten Holzschwartenbrettern. (Foto: Achim Birnbaum)

Mit dem Neubau des Betriebshof Vogelsang der AWS Abfallwirtschaft Stuttgart haben asp Architekten Stuttgart eine Arbeitsstätte mit optimal organisierten Abläufen realisiert. Cem Arat beantwortet unsere Fragen und hat sechs Fotos und zwei Zeichnungen ausgewählt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Der Betriebshof der AWS liegt am Rande eines äußerst heterogenen Gewerbegebietes, das weitgehend von trivialer Industriearchitektur geprägt ist. Discounter, Großhändler und Baustofflieferanten dominieren das Umfeld. In unmittelbarer Nachbarschaft, in Hanglage, befindet sich eine Wohnbebauung, die vor Lärm geschützt werden muss, angrenzend beginnt ein ausgedehntes Waldstück. Die besondere Herausforderung lag darin, eine Reihe unterschiedlicher Zweckbauten zu einem Ensemble zusammen zu fassen, auf geringstem Raum die Funktionsabläufe eines Betriebshofes abzubilden, einen Schallschutz zu den Wohnhäusern zu gewährleisten und der Banalität der Umgebung etwas entgegen zu setzen – und dies alles mit einem äußerst knappen Budget.

Nach außen zeigt sich der AWS-Betriebshof vornehmlich mit Fassaden aus unbehandelten und unbesäumten Holzschwartenbrettern. Sie setzen sich in der Schallschutzwand fort und fassen das Gelände damit als klar erkennbare Einheit. (Foto: Achim Birnbaum)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde und wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Aufgrund des ungünstigen Grundstückszuschnitts und der uneinheitlichen Umgebung haben wir uns  dafür entschieden, alle Gebäudeteile an der Peripherie anzuordnen und in eine umlaufende Lärmschutzwand zu integrieren. Es war uns wichtig, die klare Einfachheit der Baukörper auch über die Materialität auszudrücken. Deshalb prägt rohes, unbehandeltes Holz fast alle Bauteile. Der Werkstoff ist gewissermaßen die Antwort auf die gesichtslosen Stahlblech- und Vollwärmeschutzfassaden der Umgebung und bringt ein Stück natürliche Haptik in das Gewerbegebiet. Lediglich der transluzente Körper der Salzlagerhalle „schwebt“ über dem hölzernen Sockel.

Blick in das komplett mit Holz verkleidete Salzlager (Foto: Achim Birnbaum)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Es gab eine sehr intensive Abstimmung, bei der wir die Betriebsabläufe der NutzerInnen bis ins Detail kennenlernen konnten. Dabei hat sich gezeigt, dass eine maximale Bewegungsfläche für Betriebsfahrzeuge und große Kipplader, die das Salzlager beliefern, notwendig ist. Auch eine schnelle und einfache Befüllung der Streufahrzeuge im Winter hat den Entwurf beeinflusst. So ist beispielsweise die Idee entstanden, dass die Einsatzfahrzeuge zum Befüllen unter dem Silo durchfahren können sollten, um keine Wendemanöver auf dem beengten Grundstück ausführen zu müssen.

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Wir haben dem Bauherrn ein erstes Konzept vorgestellt, das sich als tragfähig erwiesen hat und bis zum Ende kaum verändert wurde. Hierbei spielte auch eine mögliche spätere Erweiterung mit Büros, Umkleiden und Aufenthaltsräumen als aufgeständertes Bauwerk innerhalb der engen Grundstücksgrenzen eine Rolle.

Unter der transluzenten Blende des Hauptbaus sind das Salzlager, ein Verladesilo und eine Anlage zur Soleerzeugung vereint. (Foto: Achim Birnbaum)
Zum Beladen können die Streufahrzeuge den Hauptbau durchfahren. (Foto: Achim Birnbaum)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Die Bauteile müssen keine energetischen Anforderungen erfüllen, da sie nicht zum dauerhaften Aufenthalt von Personen vorgesehen sind. Aufgrund der starken korrosiven Eigenschaften von Streusalz war klar, dass alle Flächen, die mit dem Salz in Berührung kommen, in Holz ausgeführt werden. Letztlich haben wir uns beim Salzlager konstruktiv für eine Holz-Beton-Hybrid Bauweise entschieden, bei der lediglich die massiven Pfeiler, die den hohen Druck auf die Seitenwände aufnehmen müssen, in Beton ausgeführt sind.

Robuste und ausdrucksstarke Materialien prägen das Erscheinungsbild des neuen Betriebshofs. (Foto: Achim Birnbaum)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Die beiden Materialien, die nach außen in Erscheinung treten sind das unbehandelte, sägerauhe Holz des Sockels und das Polycarbonat der darüber schwebenden Hülle des Salzlagers. Einerseits also ein warmer, haptischer Werkstoff, andererseits ein glatter, transluzenter, der sein Erscheinungsbild je nach Tageszeit, Witterung und Beleuchtungssituation stark verändert. So ergänzen sich die beiden Materialien in ihrer unterschiedlichen Haptik als auch Wirkung und versinnbildlichen unsere Bemühungen, das Besondere im Alltäglichen herauszuarbeiten.

Grundriss (Zeichnung: asp Architekten)
Schnitt (Zeichnung: asp Architekten)
AWS Betriebshof Vogelsang, Stuttgart West
2019
Unter dem Birkenkopf 30/1
70197 Stuttgart

Nutzung
Betriebshof, Eigenbetrieb der Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS), Salzlager, Zwischenlagerung von Abfallprodukten, Reinigung der Betriebsfahrzeuge und von Abfallbehältern
 
Auftragsart
Objektplanung LP 1-9
 
Bauherrschaft
Stadt Stuttgart – Eigenbetrieb AWS Abfallwirtschaft Stuttgart
Bauherrenvertreter: Hochbauamt Stuttgart

Architektur
asp Architekten GmbH, Stuttgart
Entwurf: Cem Arat, Daniela Boog, Marlies Wagenbrenner
Ausführungsplanung: Daniela Boog (Projektleitung), Marlies Wagenbrenner
Bauleitung: Daniela Boog
 
Fachplaner
Tragwerk: Furche Geiger Zimmermann GmbH, Köngen
Freianlagen: asp Architekten GmbH, Stuttgart
in Zusammenarbeit mit gla | gessweinlandschaftsarchitekten, Schorndorf
Baugrund: Prof. Dr.-Ing. E. Vees und Partner, Leinfelden-Echterdingen

Ausführende Firmen
Rohbau: Gottlob Brodbeck GmbH & Co. KGH, Metzingen
Zimmermann: Holzbau Amann GmbH, Weilheim-Bannholz
Anlagentechnik: Blumer Lehmann Silobau AG, Gossau (CH)
Dachabdichtung: Holl Falchdach GmbH & Co. KG, Remseck
Sanitär: Biber Wärme + Wasser GmbH, Waiblingen
Elektro: Elektro Metzger GmbH, Stuttgart
Trockenbau/Putz/Malerarbeiten: Ullrich und Schön GmbH, Fellbach-Schmieden
Tür- und Toranlagen: Karl Lutz Nachf. GmbH GmbH, Ludwigsburg
Fliesen Fliesen: Umgelter GmbH, Stuttgart
Freianlagen und Verkehrsflächen: Link GmbH, Fellbach-Schmieden
 
Hersteller
Wilkes: Polycarbonat Leichtbauplatten

Bruttogeschossfläche
595 m²
 
Gebäudevolumen
3.950 m³
 
Kubikmeterpreis
530 €/m³

Gebäudekosten
1.700.000 € (netto)
 
Gesamtkosten
2.500.000 € (netto)
 
Fotos
Achim Birnbaum

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