Forsthof mit neuer Mitte

baurmann.dürr Architekten
10. Juli 2024
Bestand mit Neubau. Der Neubau steht quer zum Bestand und bildet den Forsthof. (Foto: bild_raum Stephan Baumann)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Der Ausbau vom Forsthaus zum Forsthof bietet nicht nur weitere Arbeitsplätze und eine neue Werkstatt für die Belegschaft. Zusätzlich gibt es einen neuen Veranstaltungsraum, der zusammen mit dem neuen Waldpark als Ort des Austauschs und der Aufklärung über die vielfältigen Aufgaben des Waldes konzipiert ist. Wegen des Klimawandels ist die Arbeit der Forstwirtschaft ja von höchster gesellschaftlicher Bedeutung – nur ein gesunder Wald liefert die nachwachsende Ressource Holz, die für die Dekarbonisierung des Bausektors unerlässlich ist. Bei dieser Betrachtung steht die wirtschaftliche Nutzung des Waldes im Vordergrund als nachhaltige Produktionsstätte von Baumaterial. Aber der Wald hat noch viele andere wichtige Aufgaben: Er ist u. a. Erholungsraum für Menschen, Lebensraum für Tiere, Garant für Biodiversität und Speicher für Kohlenstoff. Da sind die Interessen- und Zielkonflikte vorprogrammiert. 

Das Fenster zum Wald. Das aufsteigende Dach öffnet den Veranstaltungssaal in Richtung Wald. (Foto: bild_raum Stephan Baumann)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?

Die Lage am Waldrand und die geforderten verschiedenen Nutzungen des Hauses haben uns inspiriert und zur besonderen Dachform gebracht. Sie wirkt expressiv und vielleicht auf den ersten Blick formal, folgt aber einer einfachen Überlegung: die Schaffung der notwendigen Raumhöhe für den Veranstaltungsraum und seine Öffnung zum Wald. Die große Giebelverglasung wird das ›Fenster zum Wald‹. Das ist die wichtigste Zutat, aus der der Entwurf gemacht ist. 

Eingangsbereich. Die Farbigkeit im Gebäude reduziert sich auf helle Holzflächen und schwarze Ein- und Anbauten. (Foto: bild_raum Stephan Baumann)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Der Bestand setzte sich zusammen aus einem L-förmigen Forsthaus und einer Remise, die sich um einen offenen Hof gruppieren. Da lag es nahe, diesen offenen Hof durch das neue Haus zu schließen. Wegen seiner hinzugewonnenen Nutzungen im Bereich der Ausbildungs- und Öffentlichkeitsarbeit wird aus dem Forsthaus mit Remise ein Forsthof mit neuer Mitte, von der aus alle Gebäude erschlossen werden. 

Um den neuen Waldpark auch an diese Mitte anzubinden, wurde im Neubau an zentraler Stelle ein Durchgang vorgesehen. Er ist auf beiden Seiten verglast und leitet den Blick durch das Haus auf den Park. Über eine Treppe wird der tiefergelegene Waldpark an dieser Stelle erschlossen. Vom Waldpark aus liegt hier der Hauptzugang zum Neubau mit Durchgang zum Forsthof. Mit diesem kleinen Trick – der Zusammenlegung von Eingang und Durchgang – wird das Gebäude von beiden Seiten zugänglich. Dadurch verfügen beide Geschosse jeweils über einen eigenständigen, durch die Hanglage ebenerdig erreichbaren Zugang, wodurch das Gebäude ohne einen Aufzug barrierefrei erschlossen werden kann. Der Baukörper ist dabei so in das Gelände eingepasst, dass er vom Wald kommend als eingeschossiges und vom Tal aus als zweigeschossiges Gebäude wahrgenommen wird.

Veranstaltungssaal. Alle technischen Elemente sind frei in den Raum gehängt und stören nicht die strenge Silhouette des Raumes. (Foto: bild_raum Stephan Baumann)
Welche besonderen Anforderungen wurden gestellt? Wie haben Sie diesen im Projekt Rechnung getragen?

Das Gebäude sollte, wenn möglich in Holz konstruiert werden und wenig Energie verbrauchen. Bei allen verwendeten Materialien sollte auf die Nachhaltigkeit in der Herstellung geachtet.

Das im März 2024 fertiggestellte Gebäude übertrifft die Vorgaben für ein »Effizienzhaus 40« um circa 70 %. Während die Stromversorgung über einen Solarcarport sichergestellt wird, erfolgt die Wärmeversorgung durch ein biomasse-basiertes Nahwärmenetz. Die Belüftung aller Räume funktioniert über eine kontrollierte Raumlüftung mit Wärmerückgewinnung.

Arbeitsplatz. Holz ist das vorherrschende Material. Die technischen Elemente sind ablesbar eingehängt. (Foto: bild_raum Stephan Baumann)
Inwiefern haben Sie im Projekt die Verwendung von Naturbaustoffen und zirkulären Baustoffen angestrebt?

Konstruiert ist der Neubau aus Holz. Das Holz kommt aus dem eigenen Wald, was ausdrücklicher Wunsch der Bauherrschaft war, wurde von einem lokalen Sägewerk abgebunden und einem örtlichen Holzbaubetrieb aufgeschlagen. Dabei sitzt der Holzbau ganz in der Tradition alter Vorbilder, auf einem festen Sockel, der hier aus Beton besteht. 

Der Neubau erhielt die Auszeichnungsplakette »Holz von Hier®«. Neben den kurzen Transportwegen garantiert das Label, dass das Holz aus Wäldern stammt, die nachhaltig nach den Vorgaben von FSC oder PEFC bewirtschaftet werden. Dem Neubau wurde ein spezifischer Klimanutzen mit einer Einsparung von 13,8 Tonnen CO₂ attestiert.

Lageplan (Zeichnung: baurmann.dürr Architekten)
Städtebauliches Entwurfskonzept »Vom Forsthaus zum Forsthof« (Zeichnung: baurmann.dürr Architekten)
Entwurfskonzept Gebäude »Fenster zum Wald« (Zeichnung: baurmann.dürr Architekten)
Meulenwaldhaus
2024 
Am Rothenberg 10
54293 Trier-Quint

Nutzung
Büro-, Werkstatt und Veranstaltungsgebäude
 
Auftragsart 
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung, Trier
 
Architektur
baurmann.dürr Architekten, Karlsruhe
verantwortlicher Büropartner: Martin Dürr
Projektleiterin: Dorothee Lahr
 
Fachplaner
Statik: Gorges | Wahlen Ingenieurpartnerschaft m.b.B., Reinsfeld
HKLS und E: Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung, Trier
 
Bauleitung
Komplex + Planungs- und Architekturbüro, Kordel

Bruttogeschossfläche
740 m²

Gesamtkosten
k. A.
 
Fotos
bild_raum Stephan Baumann, Karlsruhe
 

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