Forschen, Diagnostizieren, Behandeln

Heinle, Wischer und Partner
12. August 2020
Teile der Elementfassade lassen sich für den Geräteaustausch öffnen (Foto: Brigida González)

Heinle, Wischer und Partner haben für das Deutsche Krebsforschungszentrum Heidelberg DKFZ ein Forschungs- und Entwicklungszentrum geplant. Hanno Chef-Hendriks beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Für das Deutsche Krebsforschungszentrum haben wir ein Gebäude geplant, das Forschung, Diagnose und Behandlung miteinander verbindet. Dies ist eine wichtige Grundlage für die erfolgreiche Arbeit der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des DKFZ, denn nur mit einer möglichst exakten Diagnosestellung lassen sich effektive Therapien gegen den Krebs erreichen. 

Die rege Entwicklung im Bereich der radiologischen Forschung verlangt zudem eine flexible und zukunftsfähige Gebäudestruktur. Es gilt sich technischen und strukturellen Neuerungen anpassen zu können, seien dies veränderte Forschungsziele oder neue Großgeräte. In Heidelberg bieten wir dafür verschiedene Lösungen an. So kann man beispielsweise die Fassade aus vorgefertigten Großelementen zu Teilen öffnen, um einen direkten Zugang zu den Geräten über die Außenwand zu ermöglichen und damit einen Austausch ohne den Forschungsbetrieb im Haus zu unterbrechen.

Der neue Baustein auf dem DKFZ-Campus (Foto: Brigida González)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Ein wichtiges Ziel für uns war es, auch trotz der hohen baulichen Anforderungen, die zum Beispiel durch die radioaktive Strahlung der medizinischen Geräte bedingt sind, ein repräsentatives Haus zu erbauen, das dem Besucher und den Forschern mit seinen lichten Atrien Zugänglichkeit, Orientierung und Transparenz vermittelt.

Durch den Einsatz transparenter Materialien und heller Farben haben wir ein offenes Gebäude geschaffen, das einfache Orientierung und gute Arbeitsbedingungen bietet. In den Wartebereichen ist dieses Konzept durch Holzverkleidungen an den Wänden ergänzt, um für die emotional stark belasteten Patienten eine warme und geschützte Atmosphäre zu bilden.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

In die bestehende Hochschul- und Kliniklandschaft des Neuenheimer Feld fügt sich der Neubau mit einer angemessenen Kubatur und Erscheinung ein. Seine schwarz-weiße Fassadengestaltung zitiert mit den vorgelagerten Linienelementen den grafischen Charakter der umgebenden Gebäude des DKFZ. Der Wechsel von opaken und transparenten Fassadenelementen ermöglicht kontrollierte Ein- und Ausblicke und bezieht das attraktive Umfeld der Kurpfälzer Landschaft mit ein.

Das sechsstöckige Gebäude – davon zwei Untergeschosse – wird durch die zwei großen Lichthöfe gegliedert, die auf der Erdgeschoßebene verbunden sind. Beginnend am Haupteingang wird man auf diese Weise die Besucher zu den Behandlungsbereichen für die Patienten im hinteren Teil des Gebäudes geleitet. Dort geht der Eingangsbereich in eine breite Treppe mit Sitzstufen über, die bis in das zweite Untergeschoss führt. Denn auch hier befinden sich Bereiche der radioonkologischen Forschung und Behandlung.

Das Foyer entwickelt sich in die Gebäudetiefe und setzt sich im großen Lichthof fort (Foto: Brigida González)
Viel Tageslicht und die helle Gestaltung schaffen Orientierung und Transparenz (Foto: Brigida González)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Die sich beständig ändernden Anforderungen der modernen Forschung, zum Beispiel bezüglich der genutzten Geräte oder der Laborbelegungen bedingten mehrfache Änderungen im Projektverlauf. Hier hat sich unser Entwurfskonzept bewährt, die Geschosshöhen nutzungsunabhängig zu gestalten und so eine flexible Anpassung an veränderte Funktionen und Prozesse zu gewährleisten.

Über das Atrium erhält der Seminarraum indirektes Tageslicht (Foto: Brigida González)
Meeting Pod als Raum-in-Raum-Lösung im Bürobereich (Foto: Brigida González)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Eine zukunftsweisende Gestaltung von Forschungsgebäuden muss – auch mit den hohen technischen und funktionalen Anforderungen – eine nachhaltige Konstruktion und einen energiesparenden Betrieb mit einschließen. Im Neubau in Heidelberg werden erneuerbare Energien eingesetzt, beispielsweise durch den Anschluss an das Fernwärme- und Fernkältenetz, die Stromerzeugung durch Photovoltaik, einen Grundwasserbrunnen für freie Kühlung und der Nutzung der Abwärme des Rechenzentrums für die Heizung.

Auch die laborspezifische Ausstattung ist energieeffizient geplant. Durch eine optimierte Lüftungsführung im Bereich der Großgeräte und anderer Räumlichkeiten wird die benötigte Menge an aufbereiteter Luft reduziert und damit sowohl der Energieaufwand als auch die Kosten für die Luftkonditionierung gemindert.

Lounge mit Ausblick in die herrliche Landschaft der Kurpfalz (Foto: Brigida González)
Glas sorgt für Helligkeit, Akustikpaneele schaffen eine angenehme Arbeitsatmosphäre in den Büros (Foto: Brigida González)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Wir haben uns an möglichst vielen Stellen im Gebäude für Lösungen aus Glas entschieden, beispielsweise bei den Glas-Systemwänden und -türen und den großen Glasdächern über den Atrien, um viel natürliches Licht in das durchaus sehr tiefe Gebäude zu bekommen.

In den Bürogeschossen sind die Glas-Systemwände dann zusätzlichen mit akustisch wirksamen Stoffpanelen ausgestattet um eine ruhige Arbeitsatmosphäre herzustellen. Wir haben sogar passende Türen mit dieser Bespannung entwickelt und so einen einheitlichen und ästhetisch ansprechenden Look erreicht.

Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Heinle, Wischer und Partner)
Grundriss Obergeschoss (Zeichnung: Heinle, Wischer und Partner)
Schnitt (Zeichnung: Heinle, Wischer und Partner)
Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg DKFZ, Forschungs- und Entwicklungszentrum für Bildgebung und Radioonkologie
2019
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg

Nutzung
Forschungsgebäude mit Labor-, Diagnostik- und Behandlungsbereichen
 
Auftragsart
Auftrag nach VgV-Verfahren
 
Bauherrschaft
Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg
 
Architektur
Heinle, Wischer und Partner, Freie Architekten, Stuttgart
Hanno Chef-Hendriks (verantwortlicher Partner), Andreas Braun (Projektleitung)
 
Fachplaner
Tragwerksplanung: Leonhardt, Andrä und Partner, Stuttgart
TGA: fc-ingenieure, Freiburg
Laborplanung: dr. heinekamp, Karlsfeld
Bauphysik: vRP von Rekowski + Partner, Weinheim
Brandschutz: Brandschutzconsult GmbH, Ettenheim

Hersteller
Vitra International AG: Bürotisch CDS, Bürostuhl ID soft, Eames Plastiksessel mit Sitzschale, Sofa Alcove Highback
Wilkhahn: Steh-Sitz-Hilfe Stitz 2 
BENE: Loungemöbel PARCS Causeway
nora systems: Bodenbelag aus synthetischem Kautschuk noraplan sentica, 3mm
Lindner: Trennwandsystem mit und ohne integrierten akustischen Elemente Life Freeze 137 
 
Energiestandard 
Zertifizierung nach BNB Silber Labor (in Bearbeitung)
 
Bruttogeschossfläche
15.450 m²
 
Gebäudevolumen
69.620 m³
 
Gesamtkosten
k.A.

Fotos
Brigida González

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