Firmencampus in Kornwestheim

O&O Baukunst
26. Juni 2024
Campusterrasse, im Hintergrund das Parkhaus und der südlichen Zugang (Foto: Brigida González)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Der W&W Campus ist der gebaute Zusammenschluss der Wüstenrot & Württembergische AG. Der ursprünglich auf vier Standorte verteilte Versicherungskonzern hat nun zwischen Ludwigsburg und Kornwestheim seine neue Unternehmenszentrale. Das Grundstück liegt nur wenige Meter entfernt vom 1970 errichteten Wüstenrot Hochhaus, das zu Wohnungen umgenutzt werden soll. 

Das Projekt ist das Ergebnis eines Wettbewerbs. Der Entwurf von O&O Baukunst überzeugte damit, dass das Bauvolumen und die gewünschten Erweiterungsflächen mit einer großen urbanen Dichte auf einem bereits bebauten Grundstücksteil errichtet werden konnten. Die sich anschließenden Grundstücksbereiche in Ludwigsburg werden einer neuen Nutzung zugeführt. 

Eingangsterrasse mit Blick auf das Foyer (Foto: Brigida González)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?

Am Siedlungsrand zwischen Autokino, Bahn und Feldern findet sich hier ein Stück »Idealstadt« umgeben von Streuobstwiesen – ein komprimierter urbaner Komplex von sieben miteinander wirkenden Gebäuden. Die städtische Dichte des Campus ist konzeptionelle Voraussetzung für die neu geschaffenen Arbeitswelten. 

Der Campus bedient sich einem städtischen Vokabular. Je zwei L-förmige Häuser mit frei unterteilbaren Büroflächen umschließen einen eigenen Innenhof. In lockerer Anordnung gruppieren sich diese Hofhäuser um eine Straße aus Terrassen und Passagen, in dem alle gemeinschaftlichen Einrichtungen versammelt sind. Entlang der Passagen und Terrassen sind die Schulungs-, Sport- und Gesundheitsbereiche sowie die Konferenz-, Tagungs- und Gastronomiebereiche auf kurzem Wege erreichbar. 

Den Auftakt bildet ein überdachter Eingangshof. Hier ›empfängt‹ der Konzern seine Mitarbeiter*innen und Besucher*innen, die mit dem ÖPNV oder aus der Richtung Ludwigsburg anreisen. Am anderen Ende befinden sich die PKW- und Fahrradparkhäuser. Die verbindende Straße wird von beiden Seiten gleichmäßig frequentiert. Wie in einer öffentlichen Straße findet hier das alltägliche Leben statt. Auf den Terrassen laden Sitzgruppen und Sonnenschirme ein, sich im Sommer zu treffen. In den Passagen werden an den Austritten zu den Streuobstwiesen informelle Orte eingerichtet, die witterungsunabhängig genutzt werden: ein Bistro, ein Café, Wintergarten und Atrium.

Blick in den Passageneingang (Foto: Brigida González)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Das Grundstück hat in seinem Verlauf einen Terrainunterschied von circa 15 Metern. Die Terrassen und Plätze nutzen diesen Höhenunterschied einerseits durch die erkennbare Segmentierung und Terrassierung der Straße. Andererseits unterstützen die Topografie und die damit verbundenen unterschiedlichen Höhen der Bürohäuser trotz der formalen Strenge der Gebäude den städtischen Charakter des Campus. Niemals zeigt sich der Campus als Ganzes. Immer wieder entstehen neue Perspektiven und Einblicke in die Höfe.

Haben Sie den Auftrag über einen Wettbewerbsbeitrag oder direkt erteilt bekommen?

Das Projekt ist das Ergebnis eines nicht offenen Planungswettbewerbs mit 20 Teilnehmern. Drei Beiträge wurden mit einem ersten Platz ausgezeichnet. Nach einer erneuten Überarbeitung wurde unser Projekt zur Ausführung ausgewählt. 

Blick nach Norden Richtung Foyerhof und die Passage (Foto: Brigida González)
Welche besonderen Anforderungen wurden gestellt? Wie haben Sie diesen im Projekt Rechnung getragen?

Die Ausschreibung forderte, einen Campus für 4.700 Mitarbeiter*innen auf zwei Grundstücksteilen von jeweils 60.000 und 20.000 m2 Fläche unterzubringen. Unser Projekt verdichtete das Programm auf dem Kornwestheimer Grundstück. Das Ludwigsburger Grundstück konnte somit einer neuen Nutzung (mit einem Großteil Wohnnutzung) zugeführt werden. Im Rahmen des Wettbewerbes galt es nachzuweisen, dass auch die geforderte Bebauung im laufenden Betrieb auf dem bereits genutzten größeren Gewerbeareal möglich ist. Ein erster Bauabschnitt mit neuem Rechenzentrum musste kurzfristig fertiggestellt werden.

Foyerhof (Foto: Brigida González)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Wenn man sich den Wettbewerbsentwurf anschaut, wurde der Entwurf nahezu vollständig in der architektonischen und städtebaulichen Konzeption, der Materialität und der Atmosphäre umgesetzt. 

Lediglich das im Wettbewerb vorgeschlagene Hochhaus an der Ludwigsburger Spitze des Grundstückes wurde nicht mehr in der Höhe hervorgehoben. Im Detail und in der Ausgestaltung der Flächen und Arbeitswelten haben wir sehr eng mit dem Konzern und seinen Nutzer*innen zusammengearbeitet. Die gemeinsame Planungs- und Errichtungszeit des gesamten Campus umfasst nun bereits zehn Jahre.

Passagengeschoss mit Blick in den Hof (Foto: Brigida González)
Inwiefern haben Sie im Projekt die Verwendung von Naturbaustoffen und zirkulären Baustoffen angestrebt?

Das Projekt zeichnet sich durch besonders nachhaltige, dauerhafte Materialien aus. Der Ziegel stammt aus einem der letzten westfälischen Ringöfen. Im Innenausbau und auch für die Fensterfassaden wurde Lärchenholz verwendet. Die Rohbaukonstruktion ist ein klassischer Stahlbetonbau. Diese drei Materialien altern hervorragend, ohne ihre Wirkung und Ausstrahlung zu verlieren.

Bistropassage (Foto: Brigida González)
Welche digitalen Instrumente haben Sie bei der Planung eingesetzt?

Der Campus der W&W AG wurde von uns gemeinsam mit den Partnern von Höhler und Partner, Aachen als Generalplaner geplant. Es war (gemessen am Planungsbeginn 2013) eines unserer ersten vollständigen BIM-Projekte mit allen Fachplanern. 

Büromodul (Foto: Brigida González)
Beschäftigten Sie sich im Büro mit den Tendenzen des zirkulären Bauens und der sozialen Nachhaltigkeit?

In dieser Form gab es diese Begriffe zum Start des Projektes 2013 noch nicht. Trotzdem existieren hier Ansätze, die in unsere aktuellen Projekte zu diesen Themen weiter eingebracht werden.

Das Projekt zeichnet sich dadurch aus, dass die verwendeten Materialien in Ihrer Fügung sichtbar gelassen werden. Die Fügung des Gebäudes ist für die Nutzer*innen erlebbar und Teil des Konzeptes. In diesem Sinne ist auch der Umbau einfach möglich.

Im Innenausbau verzichten wir zudem vollständig auf zusätzliche Deckenverkleidungen. Die Büromodule haben eine glatte, sichtbare Stahlbetondecke. Die wiederverwendbaren modularen Systemtrennwände können versetzt werden, ohne verkleidende Bauteile zu zerstören. Ein Umbau der modulartigen Büroeinheiten ist bereits mitgedacht.

Welche Überlegungen stecken hinter den Entscheidungen für die eingesetzten Materialien?

Die W&W AG hatte den Teilnehmern im Rahmen des Wettbewerbs zu dem Campus 2013 folgende Wünsche und Anforderungen mit auf den Weg gegeben: kein kühl wirkender, technischer Klotz sollte entwickelt werden, sondern vielmehr ein authentischer Bau von betändiger Qualität, dabei »warm« wirkend und am Menschen orientiert. Der hell changierende Ringofenziegel als kleinstes Modul des Campus, zusammen mit dem Material Lärchenholz in Form der Fenster und Einbauten, materialisieren diese für einen Versicherungskonzern besonderen Wünsche. 

Schwarzplan (Zeichnung: O&O Baukunst)
Lageplan (Zeichnung: O&O Baukunst)
Grundriss Eingangsebene (Zeichnung: O&O Baukunst)
Schnitt (Zeichnung: O&O Baukunst)
Campus Wüstenrot & Württembergische AG Kornwestheim
2023
W&W Platz 1
70806 Kornwestheim
 
Nutzung
Bürocampus
 
Auftragsart
Offener Wettbewerb, 09/2013 - 03/2014
 
Bauherrschaft
Wüstenrot & Württembergische AG, Stuttgart
 
Architektur
O&O Baukunst, Berlin
Projektverantwortlicher Architekt: Roland Duda
Projektleitung: Alexander Dal, Nico Linnartz
Wettbewerbsteam: Pascal Dworak, René Kobel, Fabian Maurer
Projektteam: Anna Bajanova, Robin Baumbach, Matthias Fruntke, Bernd Gotthardt, Emil Iliev, Angela Koch, Markus Müller, Nikita Marykov, Roman Piontkowski, Lars Riebschläger, Sonia Guil Sánchez, Tobias Scheicher, Robert Schulz, Alexandra Spitsa, Magdalena Schwalke-Sauer, Tobias Tewes
 
Fachplaner
Generalplanung: ARGE SEKO / O&O Baukunst, Berlin mit Höhler+Partner, Aachen
Tragwerksplanung: RSP Remmel+Sattler Ingenieurgesellschaft mbH, Berlin
Bauphysik, Akustik: Müller-BBM GmbH, Berlin
Haustechnik: HTW Hetzel, Tor-Westen + Partner Ingenieurgesellschaft mbH, Berlin
Brandschutz: hhp Ingenieure für Brandschutz GmbH, Berlin
Fassadenplanung: Ingenieurbüro Franke GmbH & Co. KG, Glienicke
Gastroplanung: Soda Project & Design GmbH, Fürth
Lichtplanung: Lichtvision Design GmbH, Berlin
Leitsystem: büro uebele visuelle kommunikation, Stuttgart
Landschaftsplanung: ST raum a. Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH, Berlin
 
Ausführende Firmen
Fassade Fertigteile: Max Bögl Fertigteilwerke GmbH & Co KG, Sengenthal
Pfosten-Riegel Fassaden: 1.BA: Seufert - Niklaus GmbH, Bastheim
Metallfasssade, vorgehängt: AMS GmbH, Elkenroth/Bedachung Geriet GmbH, Röthlein; 2.BA: Fenster-und Fassadenbau Rommel GmbH, Großbodungen
Glasdach: Mirotec Glas- und Metallbau GmbH, Wettringen
Metallbau: 1.BA: Siegfried Wölz Stahl- und Metallbau GmbH & Co. KG; 2.BA: Lindner Metall, Crottendorf / Stahlbau Thümmel GmbH, Brandt-Erbisdorf
Terrazzoverlegung: 1.BA: Natursteinsanierung Sandt GmbH, Eggesin; 2.BA: R.Bayer Betonwerke GmbH, Blaubeeren
Schreinerarbeiten: Karl Westermann GmbH & Co. KG, Denkendorf
Außenanlagen: Jörg Seidenspinner Garten- und Landschaftsbau GmbH, Stuttgart
 
Hersteller
Mauerwerk: 1.BA: Ziegelwerk Schüring GmbH & Co. KG, Gescher; 2.BA: Ziegel- und Klinkerwerke Janinhoff GmbH & Co. KG, Münster
Verbundfenster: Gebrüder Müller Holzbearbeitung GmbH, Essen
Kastenfenster: 1.BA: Gebrüder Müller Holzbearbeitung GmbH, Essen; 2.BA aussen: Haser Metallbau GmbH, Hassloch i.Kinzigtal; innen: Fink Duo GmbH
Fassadentüren: Jansen AG, Oberriet
Streckmetall: Fils Spa, Pedrengo
Terrazzo: Ardex GmbH, Witten
Holzakustikverkleidungen: akustik plus Behringen GmbH & Co. KG, Stephanskirchen
Systemtrennwände: feco-feederle GmbH, Karlsuhe
Stoffverkleidungen: kvadrat, DK - Ebeltoft
Teppich: Milliken & Company, Spartanburg, South Carolina, U.S.A.
Fliesen: Meissen Keramik GmbH, Oberhausen
Betonwerkstein Terrassen / Außenanlagen: Godelmann GmbH & Co. KG, Fensterbach
Profilbauglas, innen: Glas Lerchenmüller GmbH, Heilbronn
 
Energiestandard
DGNB Gold (1. Bauabschnitt)
 
Bruttogeschossfläche
152.000 m²
 
Gesamtkosten
500.000.000 €
 
Fotos
Brigida González

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