Erweiterungsbau für das Landratsamt Tuttlingen

Beer Bembé Dellinger Architekten
26. Januar 2022
Der neue innerstädtische Platz, von dem aus die beiden Gebäudeteile des Landratsamtes erschlossen werden (Foto: Stefan Müller Naumann)

Mit dem Erweiterungsbau haben Beer Bembé Dellinger die Lücke im klassizistischen Stadtgrundriss geschlossen. Sebastian Dellinger beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Wir hatten die Möglichkeit, tradierte Antworten auf die Bauaufgabe eines Verwaltungsgebäudes neu zu denken. Schon im Wettbewerb gab es den Wunsch des Bauherren nach einer innovativen Büro- und Arbeitswelt, weg vom herkömmlichen Zellenbüro hin zu einem gegenüber Bürgerinnen, Bürgern und Gemeinden offenen Verwaltungsgebäude.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Mit einer einfachen und trotz aller Rationalität raffinierten Architekturkonzeption wollten wir auf die bestehenden Gebäude des Landratsamtes aus dem Jahr 1993 von Günther Herrmann Architekten reagieren, der eher spielerischen Architekturhaltung einen Hintergrund geben und nicht in Konkurrenz dazu treten.

Außen liegende, tragende Fassade aus vorgefertigten Betonelementen (Foto: Stefan Müller Naumann)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Die Raumkanten unseres neuen Gebäudes beziehen sich auf den Stadtgrundriss und schließen nun die Lücken, welche die Bestandsbauten noch offen gelassen haben. Das Stadtkarree vervollständigt sich damit im Sinne der klassizistischen Quartiere, auf welchen Tuttlingen nach dem verheerenden Brand ab 1804 nach Plänen des damaligen Landbaumeisters Carl Leonhard errichtet wurde. Zwischen den unterschiedlichen Gebäudeteilen des Altbaus und des Neubaus ist ein neuer, innerstädtischer Platz mit vielfältigen Raumkanten entstanden, von dem beide Gebäude des Landratsamtes selbsterklärend erschlossen werden. Die Skulptur vom Künstler Jörg Bach mit dem Namen „Begegnung“ von 2002 hat einen neuen Rahmen und Hintergrund bekommen.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Die Belegschaft wurde früh an der Neuausrichtung des Büro- und Arbeitskonzeptes beteiligt und konnte hier individuell von Amt zu Amt mitentwickeln. Der Raumkonzeption liegt grundsätzlich die Idee einer Trennung zwischen Front- und Backoffice zugrunde: Einheitliche Servicepoints in allen Ämtern als erste Anlaufstelle für die Anliegen von Bürgerinnen und Bürgern auf der einen Seite und auf der anderen Seite ein Großraum-Arbeitsbereich, der jedoch auch Rückzugsmöglichkeiten und vor allem zahlreiche Teambesprechungsoptionen bereithält.

Treppe in einem der beiden Atrien. Einzige Farbe im Inneren ist das Weiß des Orientierungssystems, entwickelt durch das Büro Uebele (Foto: Stefan Müller Naumann)
Besprechungsräume orientiert in das zweite Atrium zur Teambesprechung. Im Erdgeschoss die Servicestelle der Kfz-Zulassungsstelle (Foto: Stefan Müller Naumann)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Bei der konkreten Ausgestaltung der jeweiligen Zonen hatten die Ämter Gestaltungsspielräume, um die jeweilige Arbeitssituation den spezifischen Anforderungen anzupassen. Insofern gab es hier nach dem ersten Entwurf Anpassungen, die mit den jeweiligen Ämtern diskutiert wurden und nun im endgültigen Ergebnis Niederschlag gefunden haben. Änderungen der Anforderungen und Belegung innerhalb der Büroflächen konnten durch die stützenfreie Ausführung und die adaptive Grundkonzeption aufgenommen werden.

Blick in die Mittelzone als kommunikative Schnittstelle mit Kundenempfang, Besprechern, Projektarbeitsräumen und Teeküchen für die Mitarbeiter (Foto: Stefan Müller Naumann)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Im Sinne von einer Einfachheit am Bauen wurde so gut möglich auf aufwendige Haustechnik verzichtet. Die massiven Betondecken haben eine Bauteilaktivierung erhalten, die heizen und im Bedarfsfall auch kühlen können. Nur die innen liegende Räume, vor allem die Besprechungsräume, haben eine kontrollierte Raumbelüftung mit Wärmerückgewinnung bekommen. Alle Arbeitsplätze liegen am Tageslicht und können mit Fensterlüftung einfach gelüftet werden. Die tragende Fassade aus vorgefertigten Betonelementen war für uns notwendig, um die Präzision zu erreichen, welche die rationale Haltung zur Architektur braucht. Der Schattenwurf durch die dadurch erreichte Tiefe der Fassade gibt dem äußeren Erscheinungsbild Plastizität und Differenzierung. Je nach Blickrichtung wirkt das Gebäude neu, ob nun eher monolithisch geschlossen oder fast entmaterialisiert transparent. Im Inneren bekommen wir so die nötige Stützenfreiheit, um Flexibilität für die neue und innovative Arbeitswelt gewährleisten zu können. Die Materialität und die Farbigkeit nimmt dabei Bezug zum Vorgängerbau.

Der stützenfreie, flexibel bespielbare Bürobereich mit Mittelzone auf der rechten Seite (Foto: Stefan Müller Naumann)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Materialien haben wir möglichst unverfälscht und mit der eigenen innewohnenden Farbigkeit verbaut. Einfache Betonböden, vertikale Betonelemente mit gestockter Oberfläche und horizontale Betonflächen schalungsglatt. Die warme Anmutung der Eiche für alle Bereiche mit Publikumsverkehr und graue Materialität von Filz und Beton als neutraler Hintergrund für den internen Bürobereich. Einzige Farbe im Inneren ist das Weiß des Orientierungssystems, entwickelt durch das Büro Uebele, welches eigenständig als neue Ebene die Atrien bespielt und mit Selbstbewusstsein zeigt, was wo im Haus gemacht wird.

Lageplan (Zeichnung: Beer Bembé Dellinger)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Beer Bembé Dellinger)
Schnitt (Zeichnung: Beer Bembé Dellinger)
Erweiterung Landratsamt Tuttlingen
2021
Bahnhofstraße 100
78532 Tuttlingen

Auftragsart
Wettbewerb, 1. Preis
 
Bauherrschaft
Landkreis Tuttlingen
 
Architektur
Beer Bembé Dellinger Architekten und Stadtplaner, Greifenberg
Projektleitung: Hannes Pernthaler und Johannes Bajer
MA: Riccardo Stellato, Patrizia Schrott, Alva Huffer, Eduard Sutheimer
 
Fachplaner
Krebs + Kiefer Ingenieure GmbH, Tragwerksplanung + Bauphysik, Karlsruhe
Kaufer und Passer GmbH & Co. KG, HLS, Tuttlingen
Schnell Ingenieure, ELT, Tuttlingen
Röwaplan Ingenieure, Rechenzentrum, Tuttlingen
 
Bauleitung
Ernst2 Architekten, Stuttgart
 
Kunst am Bau
Büro Uebele visuelle Kommunikation GmbH & Co. KG, Stuttgart
Signaletik
 
Ausführende Firmen
Spezialtiefbau/-Erdarbeiten: BERB GmbH & Co. KG, Bösingen
Rohbau- und Fertigteilarbeiten: Dechant Hoch- und Ingenieurbau Gmbh, Weismain
Fensterbauarbeiten: Gebr. Otto und Heinrich Müller, Essen
Oberlichtverglasungen: LAMILUX Heinrich Strunz GmbH, Rehau
Verbindungsbrücke: Stahlbau Lamparter GmbH, Kaufungen
Abdichtungsarbeiten: REFA Dachbau GmbH, Freiberg  Neckar
Gerüstbauarbeiten: Gloser GmbH, Walzbachtal
Sanitärarbeiten+ Lüftung und Gebäudeautomation: H. Maurer GmbH & Co KG, Schramberg
Heizung und Kältetechnik: Haustechnik Herbert Mattes KG, Irndorf
Technische Wärmedämmung + Brandschutzmaßnahmen: HAWA GmbH, Isolierteam, Fellbach
Fördertechnik: Schmitt + Sohn Aufzüge, Tübingen
Blitzschutz: F&P Blitzschutz GmbH&Co.KG, Villingendorf
Elektroinstallationen: Waldmann Elektrotechnik GmbH & Co. KG, Villingen-Schwenningen
Rollregallager: JOGE Archive & Registraturen, Stuttgart
Systemtrennwände Glas F30/0: Lindner AG, Arnstorf
Trennwandsysteme Glas F90: Rienth GmbH & Co. KG, Winnenden
Trockenbau, Dämmung TG: Hauch GmbH, Schwenningen
Schlosser: Metallbau Weber, Schweinfurt
Stahlblechtüren UG, Brandschutztor: Schwarzwald Elemente, Stockach
Bodenbeschichtung UG: Epowit Bautechnik GmbH, Eichenzell
Schreiner Türen: Lindner AG, Arnstorf
Schreiner Innenausbau: Schreinerei Kellner GbR, Walpertskirchen
Akustiklamellen: Rupert Linder GmbH, Albstadt-Ebingen
Estricharbeiten: Estrich Bossert GmbH, Kernen
Flächenhohlboden: MERO-TSK International GmbH & Co.KG, Würzburg
Fliesenlegearbeiten: Fliesen Röhlich GmbH, Wendelstein
Elementtrennwände Büro: Lindner AG, Arnstorf
Teppichboden und Sauberläufer: Dieter Holschbach GmbH, Morsbach
Maler-, Lackierarbeiten, Spachtelarbeiten: Kaupp GmbH, Schramberg-Sulgen
 
Hersteller
Sonnenschutz: Warema
Teppich: Fabromont
Flächenhohlboden: Mero
Akustiklamellen: Ecophon
Trennwände Glas F0/F30: Lindner
Trennwandsysteme Glas F90: Promat
Rollregalsystem: Joge
Lose Möblierung Büro: König Neurath
Bürostühle: Steifensand
 
Bruttogeschossfläche
10.800 m²
 
Gebäudevolumen
43.250 m³
 
Fotos
Stefan Müller Naumann

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