Einbettung und Rekurs

Bruno Fioretti Marquez
3. Juni 2020
Foto: Frieder Salm

Bruno Fioretti Marquez Architekten haben das Landratsamts in Neustadt an der Waldnaab erweitert. Prof. Piero Bruno stellt uns das Projekt mit Bildern und Plänen vor und beantwortet unsere Fragen.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Wesentliche Fragen, die es bei der Erweiterung des Barockschlosses zu beantworten galt, waren die Anbindung an den historischen Bestand, die Berücksichtigung der Nah- und Fernwirkung des ehemaligen Schlosses und damit der freie Blick auf die Schlossfassade, die Stärkung des vorhandenen städtischen Grünzugs von Flosstal zu Naabtal, eine klare Grundrissorganisation mit gut belichteten Büros sowie das Material- und Farbkonzept, das sich am Bestand orientiert. 

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Inspiriert durch die nahegelegene Stadtmauer, griffen wir auf die mittelalterlichen Originale zurück, die im fränkischen Raum häufig als Sockel oder Stützmauern für Holzbauwerke dienten. Die Hybridbauweise aus massiven Leichtbetonwänden mit einer aufgelagerten Holzkonstruktion kann als Analogie dieser Typologie gelesen werden. Die monolithische Wand als prägendes Element des Neubaus zeichnet den Verlauf der ehemaligen Stadtmauer nach und formt einen neuen öffentlichen Raum zwischen Stadt und Schloss. Um den Eindruck einer massiven „Stützmauer“ als wesentlicher Teil des konzeptionellen Ansatzes zu verstärken, haben wir die „Mauer“ teilweise doppelwandig ausgeführt. In den „Hohlräumen“ der Wand befinden sich die Treppen und die notwendigen Nebenräume.

Foto: Stefan Müller
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Die Einbettung des Neubaus in die extrem geformte Topographie des Ortes sowie der Rekurs auf die kulturell verankerte, regionale Bauweise, die auf Mischkonstruktionen von massiven Mauern und leichten Holzkonstruktionen basiert, könnte man als Schlüsselaspekte des Entwurfs bezeichnen.

Im gleichen Maße, wie sich die Entscheidung für einen Hybridbau auf den „genius loci“ zurückführen lässt, kommt dies dem Bauen in der extremen Topographie zu Gute: die massive Wand trennt als Stützmauer das aufgehende Gelände von dem tiefer liegenden Innenhof und dient den Deckenbalken der hofseitigen Holzskelettkonstruktion als Auflager – der Holzbau schmiegt sich also nicht nur metaphorisch gesehen an die massive Stützmauer an.

Als eingeschossiger Baukörper, der sich an der Sockelhöhe des Schlosses orientiert, gibt der Neubau den Blick auf das historische Gebäude frei. Dem Verlauf der Topographie folgend, verwandelt er sich kontinuierlich in einen viergeschossigen Baukörper und präsentiert sich im Innenhof als modernes Bürgerhaus mit einer leichten Holzfassade und raumhohen Verglasungen. 

Foto: Stefan Müller
Foto: Stefan Müller
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Wir haben gemeinsam mit dem Bauherrn die thematischen Schwerpunkte des Projekts festgelegt. Im Fokus unserer Überlegungen standen die Sinnhaftigkeit der Konstruktion ebenso wie die Einbindung an die Identität des Ortes. Wichtig war uns auch, die Frage nach den nutzungsspezifischen Anforderungen an ein zeitgemäßes Verwaltungsgebäude in einer freiheitlichen und der Integration verpflichteten Gesellschaft zu beantworten. Natürlich spielen auch Themen wie Nachhaltigkeit und die Materialität des Gebäudes eine wichtige Rolle.

Bauen ist ein dialogisches Ereignis, bei dem es darum geht, eine bestmögliche Lösung für eine vorhandene, spezifische Aufgabe zu finden. In Neustadt hatten wir das Glück einen Bauherrn zu treffen, mit dem wir einen sehr fruchtbaren und anregenden Dialog führen konnten.

Zusätzlich haben die reiche und lebendige Handwerkstradition, die wir in Neustadt vorgefunden haben, der direkte Kontakt und die kurzen Wegen zu Entscheidungsträgern, Ämtern, Baufirmen und nicht zuletzt die Anteilnahme und das Interesse der Bürger die Kraft ein architektonisches Ergebnis zu befördern und zu unterstützen.

Foto: Stefan Müller
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Die Wahl der Konstruktion, des Materials und der Fügetechniken ist jenseits des kulturellen Aspekts auch immer eine Frage der Gestaltung und der Nachhaltigkeit, die sich neben dem Wärmedämmkoeffizienten auch in der Dauerhaftigkeit, dem Alterungsprozess – der sich wünschenswerter Weise als Patina zeigt – und der Recyclingfähigkeit ausdrückt. 

Während die massive, monolithische Wand mit ihrer Speichermasse dem Raumklima dient und mit Beständigkeit und Standhaftigkeit assoziiert wird, hat die leichte Holzkonstruktion aus vorgefertigten Elementen eine extrem kurze Bauzeit und ist unter den Aspekten der CO2-Bilanz sowie der atmosphärischen Wirkung konkurrenzlos. Außerdem verringern der einschalige Wandaufbau aus Leichtbeton sowie die schlichten Verbindungen im Holzbau durch die Minimierung der Arbeitsschritte und die Schlichtheit der Konstruktion sowohl die Bauzeit als auch mögliche Fehlerquellen.

Foto: Stefan Müller
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Traditionelle, lokale Lösungen neu zu interpretieren und so in der Gegenwart zu verankern ist ein wesentlicher Aspekt des architektonischen Ansatzes. Das Beobachten, Analysieren und Abstrahieren vorhandener Konstruktionen, Materialien, Muster, Farben, Strukturen oder Prinzipien helfen den Charakter eines Ortes bestimmen. Die Wahl des Materials und dessen Verarbeitung ebenso wie die Konstruktionsweise und die Ausführung der Details, bindet ein Bauwerk an die Zeit. So ermöglicht erst die Verwendung von Leichtbeton eine monolithische Bauweise. Mit lokalem Sand als Zuschlagsstoff versehen und einer offenporigen, unregelmäßigen Oberfläche ausgeführt, nimmt die massive Wand mit ihrer Materialität und ihrer Konstruktionsart Bezug auf die vorhandene Architektur der Stadtmauer und des Schlosssockels. Ähnliches gilt für die Holz-Beton-Hybriddecken. Diese relativ neue Bauweise wird den brandschutztechnischen Anforderungen gerecht, so dass der Holzbau auch in dem öffentlich genutzten Bürgerhaus etabliert werden konnte. 

Erst der Einsatz von neuen Bautechniken und Materialien hat die Kraft eine architektonische Übersetzungsarbeit zu leisten.

Schwarzplan (Zeichnung: Bruno Fioretti Marquez
Grundriss Eingangsgeschoss (Zeichnung: Bruno Fioretti Marquez)
Schnitt (Zeichnung: Bruno Fioretti Marquez)
Erweiterung des Landratsamts in Neustadt an der Waldnaab
2019 
Stadtplatz 38
92660 Neustadt an der Waldnaab

Nutzung
Bürgerhaus

Bauherrschaft
Landkreis Neustadt an der Waldnaab vertr. durch Landrat Andreas Meier
 
Architektur
Bruno Fioretti Marquez, Berlin
Leitung: Prof. Piero Bruno
Projektleitung: Regina Maria Münstermann
MitarbeiterInnen: Kai Canver, Giulia Tönz, Julia Naomi Henning, Franziska Käuferle, Philip Dörge
 
Fachplaner
Tragwerksplanung Hochbau: ifb Frohloff Staffa Kühl Ecker, Berlin
Tragwerksplanung Tiefbau: ASCHERL Bauingenieure GmbH, Weiden
mit Seidl & Partner Gesamtplanung GmbH, Regensburg
Technische Gebäudeausrüstung: BSK Büro Siegfried Kleber, Weiden
Bauphysik: Müller BBM GmbH, Berlin
Brandschutz: Dipl. -Ing. Peter Stanek Sachverständiger Brandschutz, Berlin
Elektrotechnik: elektro design GmbH, Weiden 
Landschaftsplanung: capattistaubach Landschaftsarchitekten, Berlin
Lichtplanung: studio dinnebier dinnebier blieske, Berlin
 
Bauleitung
Häffner + Zenk Planungsgesellschaft GmbH, Potsdam mit Greiner Architekten, Neustadt/Waldnaab

Ausführende Firmen
Rohbau: H. Kreuzer GmbH, Störnstein
Holzbau: Baumgarten GmbH, Ebersburg
Fenster Innenhof: Gebr. Otto und Heinrich Müller Holzbearbeitung GmbH, Essen
Fenster Außenwand: Fenstertechnik Weinfurtner GmbH, Rieden
Dachdecker: Spenglerei Hecht GmbH, Weiden
 
Hersteller
Aufzug: Schmitt + Sohn Aufzüge
Parkett: Bembé Parkett
Drückergarnituren: Franz Schneider Brakel (FSB)
Holzfenster (Innenhof): Müller Holzbearbeitung
Sonnenschutz: Warema
Rollregale: Firma Zippel
Fliesen: Cinca (PT)
Türtechnik: Dormakaba
Türtechnik: Geze
Oberlichter: Lamilux

Bruttogeschossfläche
3.700 m² 
 
Gebäudevolumen
12.600 m³

Gesamtkosten
7.200.000 €

Auszeichnung
Wettbewerb 2016 1. Preis

Fotos
Stefan Müller, Berlin
Frieder Salm, Berlin

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