Ein neues Haus am alten Ort

Staab Architekten
29. April 2020
Mit der Synagoge wurde das sakrale Dreieck aus katholischem Dom, protestantischer Neupfarrkirche und Synagoge in der Regensburger Altstadt wiederhergestellt. (Foto: Marcus Ebener)

Staab Architekten haben in der Altstadt von Regensburg ein neues jüdisches Gemeindezentrum mit Synagoge gebaut. Volker Staab wählt sechs Zeichnungen und sieben Fotos und beantwortet unsere fünf Fragen.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Aus geschichtlichen Gründen ist es in Deutschland immer eine besondere Aufgabe, eine Synagoge zu bauen. Die Synagoge in Regensburg wurde 1938 zerstört, nur das an den Nachbarn angebaute Gemeindezentrum blieb erhalten. An diesem Ort entstanden die neue Synagoge und die Erweiterung des Gemeindezentrums. Die liturgischen Themen stellen zudem räumlich interessante Anforderungen. Natürlich ist heute leider auch die Sicherheit ein Thema, die mit dem Wunsch nach einem offenen Haus überein gebracht werden musste. Nicht zuletzt war die städtebauliche Einbindung eine Herausforderung, da der Neubau in der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Altstadt von Regensburg liegt.

Die Altstadt von Regensburg ist als UNESCO-Weltkulturerbe gelistet. Entsprechend hoch sind die Gestaltungsvorgaben für Neubauten in diesem Bereich. (Foto: Marcus Ebener)
Das gestaffelte Bauvolumen reagiert auf die kleinteilige Struktur der Altstadt (Foto: Marcus Ebener)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Wir haben die Synagoge und das Gemeindezentrum in einem höhengestaffelten Gebäude zusammengefasst und mit dem Altbau verbunden, um nach außen eine klare Adresse zu formulieren. Die Synagoge wurde nicht genau an ihrem historischen Standort in der Straßenflucht platziert, sondern als städtebauliche Dominante auf die Ecke des Grundstücks gesetzt. So war es möglich, von der kleinteiligen Struktur der historischen Stadt zu dem größeren Maßstab der Synagoge überzuleiten und das Gebäude mit einem kleinen Eingangshof in die Stadtstruktur einzubinden. Der Ziergiebel des traufständigen Nachbarn bleibt sichtbar und dient als Fassung für den Eingangsbereich des Gemeindezentrums. 

Alt- und Neubau fassen einen Innenhof, zu dem sich das Foyer und der Gemeindesaal im Erdgeschoss großzügig öffnen lassen. (Foto: Marcus Ebener)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst? Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Der Wunsch der jüdischen Gemeinde nach Präsenz und Offenheit war bereits in den Wettbewerbsunterlagen formuliert und ist Kern unseres Entwurfs. Dieser Ansatz hat die Jury überzeugt und blieb die verbindliche Grundlage des Projektes bis zur Fertigstellung. Rituelle Fragen wurden mit dem örtlichen Rabbi abgestimmt und flossen in die Gestaltung der Synagoge ein. Darüber hinaus wurden wie üblich alle Entwurfsstände eng mit der jüdischen Gemeinde abgestimmt.

Die Synagoge liegt auf der Ecke des Grundstücks im ersten und zweiten Obergeschoss über dem Gemeindesaal. (Foto: Marcus Ebener)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Um die Bedeutung der Synagoge im Stadtbild kenntlich zu machen, erhielt der Bau eine fein detaillierte, langlebige Fassade aus stehend vermauerten, farblich auf den Altbau abgestimmten Ziegeln. Hierfür war eine Zulassung im Einzelfall erforderlich. Auch bei der Kuppel der Synagoge haben wir neue Wege beschritten: Die böhmische Kuppel wurde aus Brettsperrholz-Segmenten gefertigt, die erstmals zweifach gekrümmt ausgeführt wurden. Sie erhielten innen eine Sichtoberfläche aus Furnierholz, die zusammen mit der lichtdurchlässigen, hölzernen Raumschale der Synagoge eine warme, feierliche Atmosphäre erzeugt.

Eine lichtdurchlässige Raumschale aus Holzlamellen filtert das Licht im Synagogenraum. (Foto: Marcus Ebener)
Den Synagogenraum überspannt beinahe schwebend eine flache hölzerne Kuppel.
Sitaution (Zeichnung: Staab Architektekten)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Staab Architektekten)
Schnitt (Zeichnung: Staab Architektekten)
Vogelperspektive (Visualisierung: Staab Architektekten)
Jüdisches Gemeindezentrum mit Synagoge
2019
Am Brixener Hof 2
93047 Regensburg
 
Auftragsart
Realisierungswettbewerb, 1. Preis 2015
 
Bauherrschaft
Jüdische Gemeinde Regensburg
 
Architektur
Staab Architekten GmbH, Berlin
Wettbewerb: Petra Wäldle, Jacob Steinfelder, Sönke Reteike
Realisierung: Per Pedersen, Florian Nusser (Projektleitung), Jacob Steinfelder, Dirk Wischnewski, Dirk Brändlin, Claudia Trott, Dirk Richter, Sabine Zoske, Alexander Braunsdorf, Daniel Unterberg, Roger van Well, Manuela Jochheim
 
Fachplaner
Tragwerksplanung: IB Drexler + Baumruck, Straubing
Tragwerksplanung: Dr. Gollwitzer - Dr. Linse Ingenieure Beratende Ingenieure im
Holz-Dachschale Bauwesen mbB, München
Freiraumplanung LPH 2 – 5: Levin Monsigny Landschaftsarchitekten, Berlin
Freiraumplanung LPH 6 – 9: Wamsler Rohloff Wirzmüller FreiRaumArchitekten GbR, Regensburg
Haustechnik: LPH 2 – 4 WBP Winkels Behrens Pospich, Münster
Haustechnik: LPH 5 – 9 Melzl Planung GmbH, Pentling
Brandschutz: ASW Wolf + Partner Architekten mbB, Regensburg
Wärmeschutznachweis: ARUP Deutschland GmbH, Berlin
Lichtplanung: Licht Kunst Licht AG, Bonn
 
Bauleitung
Örtliche Bauleitung: ERNST2 Architekten AG, Stuttgart
 
Kunst am Bau
Tom Kristen, Weil
Gedicht-Installation im Vorhof 

Ausführende Firmen
Kuppel: Gesamter Stahl-und Holzbau von Fa. "Ihr Tischler“ montiert
Lieferant BSP-Schale und BSH-Träger für „Ihr Tischler“: Merk-Züblin Timber, Aichach
Metalldeckung und Dämmung: Fa Pimet, Hr. Pichler.
 
Hersteller
Sichtziegelfassade: Fa. ABC-Klinker
Fassade: Altbau Keim-Farben
Fenster Neubau: Fa. Annen, Farschweiler
Dachdeckung Kuppel: Zambelli
Holztragwerk Kuppel (gekrümmtes Brettsperrholz): Züblin Timber, Aichach
Metallbau-Fassade Synagoge, Pfosten-Riegel-Fassade: Fa. Raico
Lamellen-Fenster Fa. Hahn
Streckmetallbekleidung: Fa. Metalltech (3D-Masche MTC LS 29)
Böden: Kirchheimer Muschelkalk Kelheimer Natursteinwerke
Innenausbau Synagoge: Lindner Group
Polsterbezüge Synagoge und Saal: Kvadrat
Vorhänge Synagoge, Saal, Bibliothek: Kvadrat
Außenanlagen: Trosselfels Kleinsteinpflaster und -Stufen und Sitzbank
 
Bruttogeschossfläche
Neubau 1.050 m², Altbau 1.350 m², Gesamt 2.400 m² 
 
Gebäudevolumen
Neubau 3.250 m³, Altbau 5.450 m³, Gesamt 8.700 m³
 
Kubikmeterpreis (X €/m³)
Altbau: 765 €/m³; Neubau: 1.195 €/m³

Gesamtkosten
Gesamt brutto: Altbau 2.500 000 €; Neubau: 6.500 000 €

Auszeichnung
Bundespreis Europäische Stadt, 3. Preis
Architekturpreis Regensburg 2019
Otto-Borst-Preis für Stadterneuerung 2020
 
Fotos
Marcus Ebener

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