Ein Monument für den Tanz

Burger Rudacs
16. Dezember 2020
Blick von Westen über den Stuttgarter Schlossgarten und die Staatsgalerie (Foto: Brigida González)

Burger Rudacs Architekten haben die John Cranko Schule in Stuttgart fertiggestellt. Stefan Burger und Birgit Rudacs beantworten unsere Fragen zum Projekt und stellen die Schule mit Bildern und Plänen vor.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Die Bauaufgabe besteht im Wesentlichen aus der Zusammenfügung von drei Funktionsbereichen: Der John Cranko Schule, also der Ballettschule und staatlichen Ballettakademie der Württembergischen Staatstheater Stuttgart, dem Internat der Schule und der Probebühne des Stuttgarter Balletts. 

Städtebaulich herausfordernd war es, das große und heterogene Raumprogramm auf dem Hanggrundstück – mit 21 Metern Höhendifferenz und einer Grundstückstiefe von circa 90 Metern – maßstäblich in den bestehenden Stadtbaukörper einzufügen. Zudem ist die Planung einer Ballettschule nichts Alltägliches. Es gibt keine Typologie, auf die wir hätten zurückgreifen können, mehr denn je mussten wir die Bauaufgabe neu beschreiben. Wir haben die drei Funktionsbereiche Ballettschule, Internat und Probebühne als zusammenhängenden Organismus verstanden. Jeder, der dort lebt und arbeitet, will letztlich tanzen. Das ist der Leim, der alles zusammenhält. 

Ansicht vom Urbanplatz (Foto: Brigida González)
Foyer der Probebühne des Stuttgarter Balletts am Urbanplatz (Foto: Brigida González)
Probebühne des Stuttgarter Balletts (Foto: Brigida González)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Selten zuvor hat der Ort den Entwurf so stark geprägt wie beim Entwurf der John Cranko Schule. Neben stadträumlichen- und topografischen Aspekten ging es uns aber natürlich um die Fragestellung, wie eine Ballettschule als solche lesbar nach außen tritt – also um die Darstellung von Gemeinsamkeiten und Berührungspunkten der Disziplinen Tanz und Architektur. Für die Ordnung und Fügung der Räume haben wir relativ schnell an Sequenzen, an rhythmische Wiederholungen gedacht.

Blick vom Urbanplatz hangaufwärts auf die gestaffelte Nordfassade mit ablesbaren Tanzsäle und auf den Kopfbau mit Internat an der Werastraße (Foto: Brigida González)
Blick talwärts, von der Werastraße auf die Nordfassade der Tanzsäle und auf die Ostfassade des Internats (Foto: Brigida González)
Ansicht von der Werastraße auf den Kopfbau mit Foyer der Schule und dem Internat (Foto: Brigida González)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Die neue Schule wurde fluchtend zwischen den jeweils hang- wie talseits vorhanden stadträumlich wirkenden Gebäudekanten positioniert. Der städtebaulichen Strategie folgend bilden sich zwei neue Adressen. Oben an der Werastraße die Ballettschule mit Internat, unten am Urbansplatz die Probebühne. Der Baukörper treppt sich – dem Hangverlauf folgend – mit ausdifferenzierter baulicher Struktur in Richtung Urbansplatz ab. Losgelöst von ästhetischen Aspekten bestimmen somit städtebauliche und topografische Parameter die Ausdehnung, Höhenstaffelung und Körnung des Baukörpers.

Die Überlagerung mit dem Bedeutungsgewicht der Bauaufgabe und seinem Programm sowie der prominenten Hanglage direkt hinter den bedeutenden kulturellen Häusern Stuttgarts lässt so einen terrassierten Baukörper mit ablesbaren Tanzsälen entstehen. 

Eine das Gebäude im Norden begleitende Außentreppe, ein „Stäffele“, führt den Hang hinauf. In Analogie hierzu wurde innerhalb des Hauses eine annähernd alle Ebenen verbindende Treppenanlage vorgesehen, welche die Haupterschließung des Gebäudes darstellt. Der Umgang mit dem Hang, den Wegführungen und Treppen wurden also zentrale Themen des Entwurfs.

Foyer der Schule (Foto: Brigida González)
Eingangssequenz (Foto: Brigida González)
Blick aus dem Speisesaal in den großen Innenhof und durch das Gebäude hindurch (Foto: Brigida González)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Es wurde viel diskutiert. Einfach war es nicht, über die Vielzahl der unterschiedlichen Anforderungen den roten Faden nicht zu verlieren. Glücklicherweise hat der Bauherr das Konzept mitgetragen, sodass das Projekt auch erfolgreich realisiert werden konnte.

Großer Innenhof, Nahtstelle von Konzentration und Entspannung (Foto: Brigida González)
Innere Haupterschließung mit seitlichen Terrassen (Foto: Brigida González)
Einer der kleinen Ballettsäle mit Nordlicht (Foto: Brigida González)
Querflur, Blick zurück auf die Magistrale und in den grossen Ballettsaal (Foto: Brigida González)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Das Projekt hat sich vom Wettbewerbsentwurf bis zum vollendeten Bauwerk in seiner Erscheinung und vom inneren strukturellen Aufbau her eigentlich kaum verändert. 

Lediglich der große Innenhof erhielt aus architektonischen Gründen noch ein kreisrundes, die beidseitig zu öffnenden Fassaden schützendes Vordach, welches das Raumkonzentrat an dieser Nahtstelle, wo Konzentration in Entspannung übergeht, nochmals verdichtet.

Einer der großen Ballettsäle mit Seitenoberlicht Richtung Westen (Foto: Brigida González)
Blick in einen der kleinen Patios (Foto: Brigida González)
Blick auf eine der Westterrassen Richtung Stadt (Foto: Brigida González)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Dem skulpturalen Entwurfsansatz folgend, ist das Gebäude sowohl im Inneren wie auch im Äußeren als monolithischer Körper aus Ortbeton gegossen. So ist ein Stadtbaukörper entstanden, der in seiner Lesbarkeit innen wie außen homogen und folgerichtig erscheint.

Schwarzplan (Zeichnung: Burger Rudacs)
Grundriss Ebene 07 + 21.00 / Eingang Werastraße (Zeichnung: Burger Rudacs)
Schnitt durch die großen Ballettsäle (Zeichnung: Burger Rudacs)
Schnitt durch die kleinen Ballettsäle (Zeichnung: Burger Rudacs)
John Cranko Schule
2020
Werastraße 27
70182 Stuttgart

Nutzung
Ballettschule, Internat, Probebühne

Auftragsart
Objektplanung Gebäude
 
Bauherrschaft
Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Stuttgart
 
Architektur
Burger Rudacs Architekten, München
Stefan Burger . Birgit Rudacs
Martin Baur, Nikolai Wasser, Louis Saint Germain, Matthias Goetz, André Frühoff, Matthias Hajek

Fachplaner
Tragwerksplanung: Mayr | Ludescher | Partner, Beratende Ingenieure, Stuttgart
HLSK- und Elektroplanung: Duschl Ingenieure GmbH & Co.KG, Rosenheim
Akustik und Bauphysik: Brüssau Bauphysik GmbH, Fellbach
Bühnentechnik: E3 Ingenieurgesellschaft mbH, Altenbeken
Brandschutz: Ingenieurbüro für Brandschutz Hoffmann, Pirmasens
Küchenplanung: Ingenieurbüro INGLUS GbR, Sindelfingen
 
Bauleitung
Wenzel + Wenzel, Stuttgart
 
Ausführende Firmen
Rohbau und Sichtbetonfassade: Leonhard Weiss Bauunternehmung, Göppingen
Pfosten – Riegelfassade: VHB-Memmingen- Vereinigte Holzbaubetriebe GmbH & Co. KG 
Skyframefassaden: Wagner Glas- und Metallbau, Albstadt
Wandbekleidungen und Thekenbau: RIES Akustik-Innenausbau GmbH, Alerheim
Tanzspiegel: Spiegelart GmbH, Weißwasser
Vorhänge: BauerHeilig GmbH, Filderstadt
Beschilderung: Eicher Werkstätten, Kernen im Remstal
Tanzschwingböden: Bühnenbau Wertheim, Wertheim
 
Hersteller
Holz- Aluminiumfenster, Oberlichter: Raico Bautechnik GmbH
Schiebefenster: Sky-Frame GmbH
Bodenbeschichtung: BASF Coatings GmbH
Vorhänge: Kvadrat A/S
Leuchten innen: XAL GmbH, Climar Lighting
Beschläge Türen und Fenster: FSB GmbH & Co.KG
 
Energiestandard 
ENEV 2016 

Bruttogeschossfläche
13.245 m² 
 
Gebäudevolumen
62.530 m³ 

Gesamtkosten
ca. 60.000.000 €
 
Auszeichnung 
Hugo Häring Auszeichnung 2020
 
Fotos
Brigida González

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