Das Unfertige planen

O&O Baukunst
5. Juni 2019
Außenansicht HfS Ernst Busch (Foto: Schnepp Renou)

O&O Baukunst haben vergangenes Jahr die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin fertiggestellt. Roland Duda beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Der neue Standort der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch vereinigt alle bisher über die Stadt verstreuten Einrichtungen. O&O Baukunst hat in enger Zusammenarbeitmit der Hochschule einen Ort geschaffen, an dem sichtbar wird, wie Theater funktioniert. Der 24 Meter hohe Bühnenturm mit seiner Holzverschalung lässt das Gebäude in der Zinnowitzerstraße von weitem als öffentlichen Ort erkennen. Der Gebäudekomplex setzt sich aus drei Teilen zusammen: dem Altbau der ehemaligen Opernwerkstätten aus den Fünfzigerjahren, der an seiner Stirnseite aufgeschnitten wurde, dem holzverkleideten Bühnenturm, der sich seitlich in diese Schnittstelle einklinkt und der gläsernen Schachtel des Theatercafés, die an die Altbauflanke herangeschoben ist. Beide neuen Elemente rahmen den Eingang, der sich im Inneren des Altbaus als grosszügiges Foyer aufweitet und als Arbeitsstraße vorbei an gläsernen Requisitendepots und Werkstätten führt.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Das Theater – es ist ja eigentlich etwas vollkommen anderes als Architektur. Aber auch Theater erzeugt Räume. Das ist, was der Architekt sich immer erträumt: Mit wenigen Handgriffen einen Raum zu schaffen, der Kraft hat, der den Ort prägt. Wir haben den Anspruch, mit dem Gebäude als Ganzem, mit den alten und neuen Komponenten, die Hochschule als einen Ort zu schaffen, der wie eine Werkstatt funktioniert, in der man ständig improvisieren kann. 

Das Zusammentreffen vom Rohen und Verfeinerten, vom Alten und Neuen zeigt sich in den Innenräumen an einer trennenden Linie, die sich auf einer Höhe von 2,30 Meter durch das gesamte Gebäude zieht.

Umgang Bühnenturm (Foto: Schnepp Renou)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Das zur Verfügung gestellte Grundstück an der Zinnowitzer Straße in Berlin Mitte ist ein Hinterhof inmitten von anonymen neueren Büro- und Wohnungsbauten, erreichbar nur über eine kurze Stichstraße. Der hölzerne Bühnenturm fungiert wie ein Leuchtturm in dieser Umgebung.

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Das Konzept hat sich durch alle Phasen des Entwurfes vom Wettbewerb bis zur Fertigstellung erhalten, auch wenn wir im aussichtslosen Wettlauf mit dem Baupreisindex auf das ein oder andere verzichten mussten und das Programm insgesamt zugunsten einer geringeren Baumasse gemeinsam mit dem Nutzer komprimiert haben.

Innenansicht Flur (Foto: Schnepp Renou)
Innenansicht Treppe. Foto: Schnepp Renou
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Die Hochschule für Schauspielkunst beweist, dass die Auseinandersetzung mit dem Bestand zu Lösungen führt, die in dem Ort verankert bleiben. Keine Bemühungen, CO2-Emissionen der Haustechnik niedrig zu halten, lässt sich mit der Einsparung von CO2 durch den Erhalt des Bestandsgebäudes vergleichen. Vor jedem vermeintlich einfachen Abriss und Neubau ist daher zu prüfen, was kann erhalten und wieder verwendet werden.

Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Das beste Material, aus dem wir geschöpft haben, ist das vorhandene Bauwerk selbst gewesen. Was schon da ist und was man benutzen kann, wollen wir auch benutzen – und das möglichst unverändert. Was nicht zu verwenden war, haben wir abgebrochen.

Vogelsicht (Visualisierung: O&O Baukunst)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: O&O Baukunst)
Grundriss 1. Obergeschoss (Zeichnung: O&O Baukunst)
Nutzungen (Skizze: O&O Baukunst)
Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch
2018
Zinnowitzer Straße 11
10115 Berlin
 
Nutzung
Hochschule
 
Auftragsart
Wettbewerb 2011
 
Bauherrschaft
Land Berlin vertreten durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Abteilung V - Hochbau, Berlin

Architektur
O&O Baukunst, Berlin
Roland Duda (Geschäftsführer O&O Baukunst), Tobias Ahlers (Projektleiter), Nino Schiddel, Markus Müller, Frank Illing, Magdalena Schwalke-Sauer, Bernd Gotthardt, Jessica Seidel, Lars Riebschläger, Pascal Dworak, Markus Lemcke
 
Fachplaner
Tragwerksplanung: fd-ingenieure, Berlin
Haustechnik HLS: Engineering-Consult GmbH, Karlsruhe
Haustechnik ELT: Raible + Partner GmbH & Co. KG, Lutherstadt-Wittenberg
Außenanlagen: Lesniak Landschaftsarchitekten & Ingenieure, Potsdam
Bühnen- und Fördertechnik: Kunkel Consulting International GmbH, Bürstadt
Raum- und Bauakustik: Müller-BBM GmbH, Planegg

Schadstoffgutachten: Arcadis Germany GmbH, Berlin
Projektsteuerung: BJP Ingenieure GmbH, Leipzig
Objektüberwachung: PMS AG – Architekten und Ingenieure, Berlin
Kostenplanung: Kondius AG
 
Bruttogeschossfläche
16.200 m²
 
Gebäudevolumen
78.135 m³
 
Gesamtkosten (KG 200 bis 700) 
44.650.000 €

Fotos
Schnepp Renou

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