Das Esszimmer als Modul

wulf architekten
8. Juni 2022
Die neue Mensa und Mediathek positioniert sich als adressbildender Baustein auf dem Darmstädter Campus am Rande des Bürgerparks und definiert dessen Eingangssituation neu. (Foto: Brigida González)

Das Büro wulf architekten hat mit der Mensa und Mediathek eine kommunikative Anlaufstelle auf dem Schulcampus im südlichen Bürgerpark in Darmstadt geschaffen. Repetitive Eintönigkeit sollte vermieden werden, so Tobias Wulf, und es galt, emotional greifbare Räume zu entwerfen, die zum Bespielen einladen.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Das Gebäude soll mehrere elementare Nutzungsarten eines zukunftsfähigen Bildungsforums unter einem Dach zusammenfassen: eine Mensa, eine Mediathek und Räume für die VHS, die jeweils schwerpunktmäßig dem Berufsschulzentrum, das unser Büro gegenwärtig in drei Bauabschnitten restrukturiert, wie aber auch den weiteren Schulen auf dem Campus und der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen sollen. Aus dieser Aufgabenstellung heraus haben wir eine vielfältig bespielbare Baustruktur hergeleitet, die an diesem zentralen Ort eine starke Ausstrahlung entfalten soll.

Mit ihrem Holztragwerk, gefalteten Glasfassaden und Bekleidungen aus perforiertem schwarzen Faltblech erscheint die Mensa offen und filigran. (Foto: Brigida González)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Die Hauptnutzung als Mensa mit Cafeteria hat uns zu einem modular gedachten strukturalistischen Entwurfsprinzip inspiriert. Grundmodul ist der Essplatz als kommunikativer Ort. Er hat die Größe eines Esszimmers für etwa sechs Personen, die sich um einen kreisrunden Tisch gruppieren. Das Modul hat eine Größe von 3x3 Metern und wird durch das konstruktive Raster gebildet. Die Trägerlage des Dach- und Deckentragweks aus 90 cm hohen Holzbindern hat eine stark strukturierende Raumwirkung, die durch das Beleuchtungskonzept unterstützt wird.

Fassadenbegleitende überdachte Balkone bieten weitere Sitzplätze im Freien mit Panoramablick über den Campus. (Foto: Brigida González)
Die Grundrissgeometrie ist gegenüber den Gebäudekanten um 45 Grad gedreht. Daraus ergibt sich der gefaltete Fassade mit innen- und außenliegenden Sitznischen. (Foto: Brigida González)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Unser Wettbewerbsentwurf enthielt noch nicht die 45-Grad-Drehung der Grundrissstruktur. Diese Diagonalstruktur haben wir erst im Laufe des Entwurfsprozess eingeführt, um die Modularisierung des Raumkonzepts wahrnehmbar zu machen. So entstehen entlang der gefalteten Fassade sowohl innen wie auch außen auf der Terrasse die charakteristischen Sitznischen, die das Grundmodul baukörperlich ablesbar machen. Auch beim Küchentrakt war diese Maßnahme nicht so problematisch wie zunächst angenommen. Es war uns wichtig, dieses Prinzip konsequent durchzuziehen, um einen nachhaltigen Bautypus zu schaffen, dessen konzeptuelles Prinzip auch nach Jahrzehnten noch evident ist.

Das Tragwerk aus Brettschichtholzträgern prägt den Raumeindruck. Jedem Modul aus 3x3 Metern ist eine Sitzgruppe, bestehend aus einem Tisch und acht Stühlen, als Bezugsgröße zugeordnet. (Foto: Brigida González)
Bereich der Essensausgabe der Mensa, die für rund 300 Gäste ausgelegt ist. (Foto: Brigida González)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Modulares Bauen ist gegenwärtig wieder en vogue. Mit den vier Grundschulen in modularer Bauweise in München haben wir uns bereits vor etwa 10 Jahren mit diesem Thema auseinandergesetzt und versucht, der Gefahr von repetitiver Eintönigkeit zu begegnen. Unser Mittel ist der einprägsame Raum, eine Grundforderung anspruchsvoller Architektur, bei den vier Schulen die Gewölbe, bei der Mensa der Tragrost aus Holz. Dadurch werden die Bauten für die Menschen emotional „greifbar“ und regen zum „Bespielen“ an.

Die geringe bauliche Tiefe, die gläsernen Fassaden und das Oberlicht über der Treppe lassen einen hellen und offenen Innenbereich entstehen. (Foto: Brigida González)
Eine skulptural geschwungene weiße Treppe im Zentrum des Hauses ist Blickfang und führt ins Obergeschoss, dort befindet sich der Mensabereich. (Foto: Brigida González)
Die Mediathek befindet sich im Erdgeschoss. (Foto: Brigida González)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Das prägende Material ist Holz. Das Tragwerk besteht aus einem orthogonalen Rost aus Schichtholzträgern, die von Geilingerstützen getragen werden und am Auflager in beiden Richtungen biegesteif verbunden sind. Auch die durchgehend gefaltete Glasfassade sowie die Bekleidung der Terrassenbrüstungen mit abgewinkelten Lochblech-Elementen geben dem Bau ein – trotz der Kompaktheit – aufgelöstes Erscheinungsbild.

Schwarzplan (Zeichnung: wulf architekten)
Grundriss Ebene 0 (Zeichnung: wulf architekten)
Grundriss Ebene 01 (Zeichnung: wulf architekten)
Schnitt (Zeichnung: wulf architekten)
Mensa und Mediathek Berufsschulzentrum Nord in Darmstadt
2021
Alsfelderstraße 23
64289 Darmstadt

Nutzung
Bildungsbau
 
Auftragsart
Wettbewerb mit anschließendem VgV-Verfahren
 
Bauherrschaft
Wissenschaftsstadt Darmstadt c/o Projektmanagement Darmstädter Stadtentwicklungs GmbH & Co. KG (DSE)
 
Architektur
wulf architekten, Stuttgart/Berlin/Basel
Camilo Hernandez (PL),  Lisa Eppel, Stanislaus Ruff, Kateryna Shelegon, Janka Vizdak
 
Fachplanung
Tragwerksplanung: wh-p GmbH Beratende Ingenieure, Stuttgart
Landschaftsarchitekt: Jetter Landschaftsarchitekten, Stuttgart
Bauphysik: Brüssau Bauphysik GmbH, Fellbach
Elektroplanung: Neher Butz Ingenieurbüro für Gebäudetechnik GmbH, Konstanz 
Elektroplanung Objektüberwachung: TGAB GmbH, Lollar
HLS-Planung: Schreiber Ingenieure Systemplanung GmbH, Ulm
HLS-Planung Objektüberwachung: Wüst&Partner, Erlenbach
Küchenplanung: Inglus Ingenieurbüro, Sindelfingen
 
Bauleitung
schneider+schumacher, Bau-und Projektmanagement GmbH, Frankfurt a. Main 
 
Ausführende Firmen
Rohbau: Adam Hörnig Baugesellschaft mbH
Fassadenbauarbeiten: Winlite GmbH, Weinsberg
Malerarbeiten: Maler und Stuck Baudekoration, Ober-Ramstadt
Estricharbeiten: Okatar Estrichbau GmbH, Merzig
Fördertechnik: Alois Kasper GmbH, Nonnweiler-Primstal
Gerüstbauarbeiten: Hess Gerüstbau GmbH & Co. KG, Groß-Bieberau
Dachabdichtungsarbeiten: Franzen Dachtechnik GmbH, Kottenheim
Zimmerarbeiten: Merkle Holzbau GmbH, Bissingen an der Teck
Trockenbau: Edo Gesellschaft für Trockenbau mbH, Maintal
Elektroanlagen: WISAG GmbH, Frankfurt am Main
Lüftungsanlage: Kretz & Wahl GmbH & Co. KG, Fernwald
Fliesen: Hedwig Fliesen, Kaulsdorf
Gebäudeautomation: Berg MSR-Technik GmbH, Großostheim
Innenfassade: K. Westermann GmbH & Co. KG, Denkendorf
Schlosserarbeiten: Beck GmbH Stahl und Metallbau, Cleebronn
Sanitäranlagen: Konrad Kohl GmbH, Darmstadt
Heizungsanlagen: Diehl GmbH, Baumholder
Küchentechnik: Küchentechnik GmbH Thüringen, Erfurt
Blitzschutz: pb Plan Elektrotechnik GmbH, Bickenbach
Leuchten (Kreuzleuchten, Rundleuchten): planlicht GmbH & Co. KG, Vomp
 
Hersteller
Fassadenplatten: Alucobond
Fassadenprofile: Wicona
Unterspannbahn (Fassade): Serge Ferrari - Schüco
Türprofile: GEZE
Türbeschläge: FSB
Panikstange: HEWI
Kreuz- und Rundleuchten: planlicht GmbH & Co. KG (Maßanfertigung)
 
Bruttogeschossfläche
3.531 m²
 
Gebäudevolumen
14.650 m³

Gesamtkosten
ca. 13.900.000 €

Fotos
Brigida González 

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