Casa Rossa

bodensteiner fest
3. März 2021
Nomen est Omen - Ziegel gaben der Casa Rossa ihren Namen (Foto: Steffen Spitzner)

30 Jahre stand dieses Mehrfamilienhaus auf dem Chemnitzer Sonnenberg leer, bevor bodensteiner fest die Bestandsziegel zum bestimmenden Element ihrer Sanierung machten. Annette Fest und Christian Bodensteiner beantworten unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Nach 30 Jahren Leerstand waren etliche Decken eingebrochen und die Nässe hatte sich den Weg durch alle Geschosse nach unten gebahnt. Als wir das Haus das erste Mal betraten, fühlten wir uns an die morbiden Bilder von Tarkowskis Film „Stalker“ erinnert. Im zweiten Obergeschoss wurzelte eine Birke an der Fassade und innen wuchs der Farn. Bevor also die Sanierung beginnen konnte, musste zunächst die einsturzgefährdete Bausubstanz gesichert werden.

Alt-neu-Kontrast: ruppige Ziegel und akkurate, filigrane Fenster (Foto: Steffen Spitzner)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Abgesehen von ein paar improvisierten Installationen aus DDR-Zeiten hatten wir es im Wesentlichen mit einer Original-Bausubstanz von 1910 zu tun. Uns interessierte, mit welchen einfachen Mitteln es möglich ist, die Bausubstanz weitestgehend beizubehalten, ihre Qualitäten herauszuarbeiten und dennoch das Gebäude in die heutige Zeit zu versetzen. Dabei spielten wir mit dem Gegensatz von Enge und Weite, was auch durch das Zusammenlegen zweier Wohnungen je Etage möglich wurde. Während die Bäder recht schmal sind, sind die Wohnräume an der Straßenseite statisch so ausgelegt, dass sie ohne aussteifende Zwischenwände auskommen und sich über die gesamte Gebäudebreite erstrecken können. 

Um kein Zimmer für die Bäder opfern zu müssen, wurden die früheren, vom Zwischenpodest des Treppenhauses zugänglichen Toiletten, den Bädern der Wohnungen zugeordnet und ihre Decken auf das Niveau der Wohnungen angehoben. Von der hier eingelassenen Badewanne blickt man nun durch ein raumhohes Fenster in die Krone des Ahornbaums im Garten. 

Nach Austausch der Geschossdecken wurden die Wohnungseingangstüren wieder an alter Stelle eingebaut (Foto: Steffen Spitzner)
Der Wohnbereich des „Brick Lofts“ erstreckt sich ohne Zimmertüren bis in den Flur (Foto: bodensteiner fest)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Der Chemnitzer Sonnenberg ist von Straßenzügen geprägt, die fast ausnahmslos aus Gründerzeitbauten bestehen. Trotz dieser beeindruckenden Bausubstanz und der unmittelbar ans Stadtzentrum grenzenden Lage haftet dem Viertel noch immer der Ruf des heruntergekommenen Arbeiterviertels an, das es zweifellos einmal war. 

Uns hat die Idee gefallen, hier einen neuen Akzent zu setzen, indem wir die Ziegelfassade freilegen und mit einer hellen Lasur überziehen. (Fast) alles alt also und schon immer so dagewesen, aber nun mit all den Unregelmäßigkeiten und Blessuren des vergangenen Jahrhunderts. Die Lasur nivelliert die Farbunterschiede und verleiht der eigenwilligen Fassade von 1910 eine neue Noblesse. Erst bei intensiverer Betrachtung erschließen sich nach und nach die Unregelmäßigkeiten im Rhythmus der Fassade und mutmaßliche Kriegsschäden. 

Die rahmenlosen Fenster greifen das historische Vorbild des Quartiers auf, entfalten aber durch den Verzicht auf Kämpfer eine noch filigranere Wirkung. 

Den bauphysikalischen Schwachstellen wurde mit Fensterzargen innen und Faschen aussen begegnet (Foto: Steffen Spitzner)
Die Maisonette im Dachgeschoss mit dem aus recycelten Ziegel neu aufgemauerten Kamin (Foto: Steffen Spitzner)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Die Idee, die Bestandsziegel zum leitenden Gedanken des Entwurfs zu machen, kam uns sehr früh, scheiterte aber zunächst aus bauphysikalischen Gründen. Nachdem wir dann die Detaillösungen mit den zugehörigen Bauteilberechnungen entwickelt hatten, bekam der ursprüngliche Entwurfsgedanke neuen Aufwind: Im dritten Obergeschoss wurden lediglich die zwei hofseitigen Zimmer und die Bäder verputzt. Der Wohnbereich erstreckt sich hier ohne Zimmertüren bis in den Flur und ist komplett in Sichtmauerwerk gehalten. 

Badewanne mit Blick in den Ahorn wo früher die Podest-WC´s waren (Foto: Leonie Fest)
Tarkowski-Atmosphäre vor der Sanierung (Foto: bodensteiner fest)
Vor Austausch der Geschossdecken wurden alle maroden Bauteile entfernt (Foto: bodensteiner fest)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Die Abbruchziegel des alten Waschhauses wurden recycelt und an anderer Stelle neu vermauert. So gelang es, die Reichsformat-Ziegel im ganzen Haus sichtbar zu machen. Im Zusammenspiel mit den präzisen, neuen Einbauten wurden die Ziegelwände bewusst „ruppig“ gelassen. In der Rohbauphase kommen einem auch mal Zweifel, wie weit man da gehen kann. Wenn dann aber das Parkett liegt, ist der Kontrast wohltuend und die Ziegelwand hat nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Den Wohnungen gibt dieses Flair des Unperfekten eine Note, die es nur im Altbau geben kann.

Lage im Quartier (Modellfoto: bodensteiner fest)
Grundrisse Erdgeschoss bis Dachgeschoss; Ebene 1 bis Ebene 3 mit unterteilbarem Wohnbereich auf voller Gebäudebreite (Zeichnungen: bodensteiner fest)
Ansichten und Schnitte (Zeichnungen: bodensteiner fest)
Casa Rossa Chemnitz
2020
Gießerstraße 41
09130 Chemnitz

Nutzung
Mehrfamilienhaus

Auftragsart
Sicherung, Sanierung, Bauen im Bestand
 
Bauherrschaft
Bodensteiner Fest Stroux GbR, München

Architektur
bodensteiner fest Architekten BDA Stadtplaner PartGmbB, München
Annette Fest, Christian Bodensteiner
Mitarbeiter: Nelly Prechtl, Lisa Strandl
 
Fachplaner
Tragwerksplanung: IB Trautvetter, Burgstädt 
Bauphysik: IB Kundisch, Chemnitz 
 
Objektüberwachung
Matthias Taube, Chemnitz
 
Ausführende Firmen
Rohbau Sicherung: Fa. Müsch Bau, Chemnitz 
Rohbau Sanierung, Parkett, Fliesen: Fa. Przystalski, Poręba
Zimmerer: Fa. Bartneck, Zwönitz
Dach Notsicherung: Fa. Anders, Chemnitz
Dachdecker: Fa. Nagel, Chemnitz
Türen: Bautischlerei Seifert + Raschke, Chemnitz
Fenster, Haustüren: Drechsel Fensterbau, Gornsdorf
Heizung Lüftung Sanitär: Fa. Gundelfinger, Chemnitz
 
Hersteller
Gira: Schalterprogramm
Mosa: Fliesen
Remmers: Hydrophobierung
Beeck: Farben
Weber: WDVS Hofseite
Frost: Türdrücker
Halcoe: Türdrücker WET
FSB: Sicherheitsbeschlag
Buderus: Solarkollektor und Brennwertkessel
Kaldewei: Badewannen
Duravit: Waschbecken, Armaturen
Stahl und Form: Accessoires
Hans Grohe: Armaturen
 
Energiestandard
B, KFW Effizienzhaus 100
 
Bruttogeschossfläche
1.028 m²
 
Gebäudevolumen
3.220 m³
 
Gesamtkosten
k.A.
 
Auszeichnungen
Heinze ArchitektenAward 2020, Kategorie Mehrfamilienhäuser
Heinze ArchitektenAward 2020, Sonderpreis Nachhaltigkeit
Fritz-Höger-Preis 2020: Winner Bronze
Deutscher Ziegelpreis 2021, Sonderpreis Bauen im Bestand

Fotos
Steffen Spitzner, Leonie Fest, bodensteiner fest

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