Licht in der Neuen Nationalgalerie

Manuel Pestalozzi
12. de maig 2021
Die transparente Fassade der Halle verwischt die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum. 784 Downlights erzeugen bei Dunkelheit das unverkennbare, sich in der Verglasung spiegelnde Deckenbild. (Foto: Simon Menges)

Nach 50-jähriger Nutzung wurde das Projekt von Ludwig Mies van der Rohe in Berlins Kulturforum unter der Leitung von David Chipperfield Architects umfassend instand gesetzt. German Architects berichtete schon darüber. Das deutsche Lichtplanungsteam bei Arup hat eine Grundinstandsetzung der Beleuchtung vorgenommen. Sein Projektleiter kommentiert das Konzept.

„Mies van der Rohe hätte es bestimmt genauso gemacht“ – mit diesem Zitat beginnen die Erläuterungen, welche Alexander Rotsch, Leiter der Lichtplanung beim internationalen Planungs- und Beratungsbüro Arup in Europa, zum Projekt Instandsetzung Neue Nationalgalerie macht. Das selbstbewusste Statement beruht einerseits auf einer geduldigen Recherche. „Anhand von bauzeitlichem Fotomaterial sowie originalen Planungsunterlagen, Detailzeichnungen, Gesprächsnotizen und Bemusterungsprotokollen, die uns vom Archiv des Museum of Modern Art in New York zur Verfügung gestellt wurden, konnten wir auf bauhistorische Spurensuche gehen und detaillierte Einblicke in Mies van der Rohes ursprüngliches Lichtkonzept der Neuen Nationalgalerie erhalten“, erklärt Rotsch im Gespräch, „zudem hatten wir mehrmals die wunderbare Gelegenheit, mit Dirk Lohan zu sprechen, dem Enkel von Mies van der Rohe, der als junger Architekt am Entwurf und der Ausführung der Neuen Nationalgalerie mitgewirkt hatte. Das alles hat uns geholfen, ein tiefes Verständnis für die Aufgabe zu entwickeln.“

Auch der Blick in die Biographie des Jahrhundertarchitekten lieferte wertvolle Hinweise. „Mies van der Rohe beschäftigte sich damals intensiv mit den Wechselwirkungen von Licht und Raum“, berichtet Alexander Rotsch. „Er ließ sich dabei vom amerikanischen Lichtdesigner Richard Kelly inspirieren. Mit ihm hatte er gemeinsam am Seagram Building in New York gearbeitet. Kelly, ein Pionier der qualitativen Lichtplanung, unterscheidet in seiner Philosophie zwischen drei Qualitäten der Beleuchtung – Ambient Luminescence, das Licht zum Sehen, Focal Glow, das Licht zum Hinsehen und Play of Brilliants, das Licht zum Ansehen. Daraus entwickelte Kelly eine wegweisende Theorie der Architekturbeleuchtung, die auf Erkenntnissen aus der Wahrnehmungspsychologie und Bühnenbeleuchtung basiert und die Bedürfnisse des Menschen berücksichtigt. Den Ansatz des szenografisch eingesetzten Lichts griff Mies van der Rohe für die Neue Nationalgalerie auf.“

Gemäß Mies‘ damaligem Lichtkonzept sorgen 784 entblendete Downlights in den 196 Kassettenfeldern der schwarzen Dachkonstruktion für die allgemeine Ausleuchtung. Sie erzeugen bei Dunkelheit das unverkennbare, sich in der Verglasung spiegelnde Deckenbild. Charakteristisch für das Untergeschoss sind die engen Reihungen von rund 1.350 deckenintegrierten Wandflutern, sogenannten Wallwashern. Sie sind bündig in die Decke eingebaut und ermöglichen es, die weißen Ausstellungswände in nahezu gleichmäßiges Licht zu tauchen. Der fließende Raum wird durch die flächig beleuchteten, frei angeordneten Wandscheiben betont. Da Mies van der Rohe großen Wert auf ein weiches Auslaufen des Lichts am Übergang zur Decke legte, wurden die Strukturglaslinsen der Wallwasher mit einer Teilsatinierung versehen. Besonders fortschrittlich war auch der modular konzipierte Deckenspiegel im Untergeschoss. Die Leuchtenanordnung ist auf das Raster dieser allgegenwärtigen Moduldecke aus 60 mal 60 Zentimeter großen auswechselbaren Deckenplatten bezogen. Damit sollte eine flexible Anpassung der Beleuchtung auf die jeweilige Ausstellung ermöglicht werden.

Die größte Herausforderung bei der Instandsetzung bestand darin, unter Berücksichtigung des ursprünglichen Beleuchtungskonzepts eine Lösung zu finden, die die kuratorischen, konservatorischen, funktionalen, technischen und wirtschaftlichen Anforderungen an ein zeitgemäßes Museum erfüllt und gleichzeitig den hohen denkmalpflegerischen und architektonischen Ansprüchen des Gebäudes gerecht wird. „Dabei sollte unsere Arbeit möglichst unsichtbar bleiben“, erinnert sich Alexander Rotsch an die Bedingungen, unter denen sein Team das Konzept entwickelte. Die rund 2'400 Bestandsleuchten mussten behutsam restauriert und in ihrer Position im Deckenspiegel erhalten bleiben. „Das Lichtbild der bauzeitlichen Leuchten im Raum und auf den Wänden war ebenso wie die Leuchten selbst schützenswertes Denkmal.“

„Es war eine herausfordernde Aufgabe, die ursprünglich für verschiedene Glühlampentypen der 1960er-Jahre entworfenen Leuchtengehäuse und optischen Komponenten unter Verwendung neuester und für die museale Nutzung geeigneter Lichttechnik so umzurüsten, dass die bauzeitliche Lichtverteilung beibehalten werden konnte, ohne das denkmalgeschützte Erscheinungsbild zu verändern“, urteilt der Lichtplaner nach getaner Arbeit.  

Ein besonders heikles Thema war der Umgang mit dem neuen Lichttyp, der von LED erzeugt wird. „Das Spannungsfeld zwischen denkmalpflegerischer Zielstellung und kuratorischen Ansprüchen zeigte sich besonders beim Thema der Lichtfarbe“, erzählt Alexander Rotsch, „die bauzeitlich verwendeten Glühlampen waren warmtonig, hatten eine Lichtfarbe von ungefähr 2'700 Kelvin. Es wäre durchaus möglich gewesen, dies in LED-Technik umzusetzen. Da sich die Sehgewohnheiten innerhalb von 50 Jahren geändert haben, entschieden sich die Museumsvertreter nach intensiver Diskussion und Bemusterung für eine etwas frischer wirkende Lichtfarbe mit einer Farbtemperatur von 3'000 K.“  

Die Option für mehr „Frische“ ließ sich in Einklang bringen mit dem Bedürfnis einer grösseren Nachhaltigkeit und Energieeffizienz im Betrieb. „Die neue Lichttechnik in der Neuen Nationalgalerie ermöglicht trotz höherer Beleuchtungsniveaus Energieeinsparungen von mehr als 80 % im Vergleich zur ursprünglichen Beleuchtung“, weiß Alexander Rotsch. „Neben der Verwendung effizienter museumstauglicher LED-Technik haben wir die umgerüsteten Leuchten so entworfen, dass die einzelnen nachgerüsteten Komponenten zu Reparatur- und Revisionszwecken möglichst einfach austauschbar sind.“

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