Eine Portion Realismus statt Schreckensszenarien

Elias Baumgarten
19. d’octubre 2022
Foto: Elias Baumgarten

Jahrzehnte ist es mittlerweile her, dass mit den ersten CAD-Programmen digitale Werkzeuge in den Architekturbüros Einzug hielten. Viel hat sich seither getan. Die Palette an digitalen Tools wächst immerzu. Wer möchte, kann heute bei der Gestaltung auf parametrische Werkzeuge zurückgreifen oder seine Entwürfe mittels Virtual-Reality-Brille überprüfen und der Bauherrschaft vorführen. Modelle und sogar ganze Bauteile können mit dem 3D-Drucker oder der CNC-Fräse erstellt werden. Roboter, die physische Modelle abtasten und digitalisieren können, gibt es schon länger. In den Forschungslabors einiger Universitäten stehen inzwischen auch solche, die mauern oder Bewehrungselemente zusammenzusetzen können. Die Verwendung von BIM (Building Information Modeling) dürfte schon bald – ob erwünscht oder nicht – Standard und bei manchen Bauaufgaben sogar Pflicht sein.  

Die Digitalisierung stellt unsere Disziplin vor eine kolossale Herausforderung und bringt sie unter Druck. Manche Softwareentwickler und Developer träumen schon davon, dass künstliche Intelligenz demnächst der bessere Architekt sein wird. Solche Schreckensszenarien machen Angst. Und auch beispielsweise die anstehende Veränderung der Planungsprozesse durch die BIM-Methode erzeugt bei Architekt*innen ein mulmiges Gefühl in der Magengrube – zu viele wirtschaftliche, rechtliche, aber auch gestalterische Fragen sind ungelöst, zu viel steht auf dem Spiel. Patric Furrer, Andreas Jud und Stefan Kurath haben am Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen der ZHAW ein Buch herausgegeben, das einen wertvollen Perspektivenwechsel vornimmt. Architekt*innen geben darin Einblick in den Einsatz digitaler Werkzeuge und zeigen Defizite, aber auch Potenziale auf. 

Foto: Elias Baumgarten

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte. Auf die Einführung folgen Beiträge über die konkrete Anwendung digitaler Werkzeuge in Ausbildung und Berufspraxis. Im dritten Teil schließlich geht es um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Lehre im Allgemeinen und auf die Architekturausbildung im Besonderen, wobei auch die Erfahrungen während der Corona-Pandemie eingeflossen sind.

„Digitalisierung und Architektur in Lehre und Praxis“ ist aus Essays aufgebaut, sodass man ganz nach dem eigenen Gusto einzelne Beiträge herauspicken und lesen kann, ohne die Publikation stier von vorne nach hinten durcharbeiten zu müssen. Die Texte sind akademisch geschrieben und erfordern Konzentration. Sie sind eine Einladung zur intensiven, vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie wollen nicht mal eben konsumiert werden. Bezüge zur Kunst, zur Kunst- und Architekturtheorie sowie auch zur Philosophie werden in den meisten Beiträgen hergestellt, um die eigenen Thesen zu entwickeln und zu untermauern. Das gefällt nicht immer, weil Namen wie Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Bruno Latour oder Marshall McLuhan gerade beim Thema des Buches doch schon etwas abgegriffen sind.

Foto: Elias Baumgarten

Unter den Beiträgen einzelne herauszuheben ist nicht fair, denn alle sind je nach persönlichem Interesse lesenswert. Die einen werden vielleicht zuerst herausfinden wollen, ob BIM wirklich helfen kann, eine zirkuläre Architektur zu entwickeln. Andere wird viel mehr interessieren, wie Rem Koolhaas über digitale Modelle denkt. Oder sie wollen gleich wissen, was um Gottes Willen Videospiele im Architekturunterricht verloren haben. Vielleicht beschäftigt sie aber auch, inwiefern die Lehre der Zukunft eine Kombination aus digitalem und analogem Unterricht sein wird und warum der physische Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden unverzichtbar bleibt. Dennoch: Die Einordnung von Stefan Kurath und das gemeinsame Fazit der Herausgeber sind großartig und dürften vielen Architekt*innen Mutmacher und Mahnung zugleich sein: Zum Einstieg in die Lektüre liest man, wie unberechenbar der gesamte Entstehungsprozess von Architektur ist. Verdeutlicht wird dies an zwei Bauten von Peter Zumthor in Leis und Jenaz. Es wird deutlich, dass künstliche Intelligenz heute nicht in der Lage ist, die intellektuelle, künstlerische, aber auch diplomatische Leistung, die Architekt*innen erbringen, zu ersetzen. Sie kann nicht im ständigen Hin und Her unerwarteter Ereignisse den Überblick behalten, sich widersprechende Interessen in Beziehung setzen, Allianzen schmieden und all dies in räumliche Strukturen übersetzen. Und weil jedes Gebäude als Prototyp in einem neuen Kontext entsteht, was das Sammeln von Daten verunmöglicht, die aber für die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz essenziell sind, dürfte sich daran auch so schnell nichts ändern.

Das abschließende Fazit verknüpft die einzelnen Beiträge gekonnt. Ohne technologiefeindlich zu sein, weisen die Autoren auf die Gefahren digitaler Werkzeuge hin, etwa zu vergessen, dass der virtuelle Raum keine Kopie des physischen ist; und dass durch sie neuerdings mehr und mehr Architektur entsteht, die nur noch die Augen anzusprechen vermag und andere Sinneseindrücke vernachlässigt. Furrer, Jud und Kurath fordern, künftig zu hinterfragen, wann digitale Werkzeuge tatsächlich sinnvoll sind. Das erinnert mich an meinen Besuch beim mit allen erdenklichen Tools von der neuesten CNC-Fräse bis zur Virtual-Reality-Brille bestens ausgestatteten Department „Design Technologies“ von Herzog & de Meuron. Damals sagte mir der Leiter Steffen Riegas: „Die architektonische Idee steht bei uns immer am Anfang. Wir suchen digitale Tools immer nach den Erfordernissen eines Projekts aus, nie ist ihre Anwendung Selbstzweck.“ Es sei wichtig, schreiben Furrer, Jud und Kurath schließlich, dass wir uns mit den architekturspezifischen Fragestellungen auseinandersetzen, die sich aus der Digitalisierung ergeben, und das Feld nicht den Softwareentwicklern überlassen. Eine Forderung, die übrigens auch Sigrid Brell-Cokcan, die an der RWTH Aachen als Expertin für den Einsatz von Robotern im Bauwesen forscht und unterrichtet, im Rahmen unseres „D-A-CH-Gesprächs zur Digitalisierung erhob.

„Auch wenn es zu einem Paradigmenwechsel kommen sollte, die Nicht-Berechenbarkeit der Zukunft wird auch durch sämtliche Daten dieser Welt nicht berechenbarer oder wahrscheinlicher. Hingegen lehrt das über zweitausendjährige erarbeitete Wissen zur Raumproduktion und damit die architektonische Praxis, wie mit Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarem umzugehen ist.“

Patric Furrer, Andreas Jud und Stefan Kurath

Digitalisierung und Architektur in Lehre und Praxis

Digitalisierung und Architektur in Lehre und Praxis
ZHAW – Patric Furrer, Andreas Jud, Stefan Kurath (Hrsg.)

142 x 230 Millimeter
144 Pàgines
50 Illustrations
Broschur
ISBN 9783038630715
Triest
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