Abriss für die Innenstadtentwicklung?

Christian Holl | 22.02.2012
Großer Name, schwieriges Erbe: Adam Opel und das Altwerk am Bahnhof. Teile davon sollen nun abgerissen werden, um die Innenstadt attraktiver zu machen. (Bild: hillspills/ flickr.com)
Ist das Glas halb voll oder halb leer? Die einen verweisen darauf, dass 67 Prozent des Bestands erhalten werden, die anderen beklagen, dass etwa ein Drittel davon abgerissen werden soll. In Rüsselsheim hat das Stadtparlament mit breiter Mehrheit entscheiden, dass im Altwerk von Opel ein Einkaufszentrum mit etwa 23.000 Quadratmetern Einkaufsfläche entstehen soll, dazu werden Büros errichtet und die Hochschule Rhein-Main wird neue Räume bekommen. Über die konkrete Gestaltung ist noch nicht entscheiden, sie soll, sobald man darüber Einigkeit erzielt habe, in einem städtebaulichen Vertrag festgehalten werden, so wird der Investor zitiert. 2007 hatte Opel 100.000 Quadratmeter seines innerstädtischen Betriebsareals in Rüsselsheim verkauft; nach Schwierigkeiten infolge der Finanzkrise war im letzten Mai ein neuer Investor für das Einkaufszentrum gefunden worden; die Acrest Property Group hofft, noch in diesem Jahr mit dem Bau beginnen zu können. Zum direkt am Bahnhof gelegenen Opel-Forum gehört schon jetzt die "Opel Classic- und Markenwelt" und ein kleiner Teil des Autowerks, von dem aus Besichtigungstouren begonnen werden können. In einen erhaltenen Teil des Altwerks südlich der Bahntrasse ist inzwischen eine Schule, das Neue Gymnasium Rüsselsheim, eingezogen.
Die Denkmalschutz-Behörden haben dem nun prinzipiell genehmigten Abriss trotz Bedenken zugestimmt, weil sie die wirtschaftliche Notwendigkeit dafür höher als den Denkmalschutz bewerten. In den Bestand seien, so der Investor, keine Einzelhandelsflächen integrierbar. Außerdem wird für die Innenstadt ein ausgeglichener Branchenmix mit größeren Anbietern vermisst, der für die Kundenströme sorgt, von denen auch die Einzelhändler der Innenstadt hoffen profitieren zu können. Ein wenig skeptisch sind die Einzelhändler trotzdem, sie fordern eine adäquate Anbindung an die Innenstadt und deren Aufwertung, damit sie tatsächlich vom Einkaufscenter profitieren kann. Ein Gesamtkonzept für die Innenstadt gibt es bislang nicht.
Misstrauisch macht den Beobachter – und hier sollte man aus den Protesten der letzten Jahre gelernt haben – dass die Information zu den Planungen im Netz äußerst dürftig sind. Hier ist einiges verbesserungswürdig. Denn es gibt Widerstand. Kritik kommt unter anderem vom langjährigen Leiter des Rüsselsheimers Stadt- und Technikmuseums, Peter Schirmbeck, er spricht von einem Jahrhundertfehler. Die vom Darmstädter Architekten Paul Meißner vor etwa hundert Jahren errichteten Gebäude selbst seien genauso wichtig wie die Fassade, die zum großen Teil erhalten werden soll – die charakteristische Südfassade allerdings soll verschwinden. Eine Bürger-Initiative "Pro Opel Werk" will nun ein Bürgerbegehren initiieren. Das letzte Wort ist über das Opel Forum noch nicht gesprochen. ch