Bücher gegen Barrieren

Simone Hübener | 22.02.2012
In Stuttgart vermehren sich im Asphalt der Bürgersteige die geriffelten, weißen Leitlinien, die blinden und sehbehinderten Menschen das Leben und die Orientierung erleichtern sollen. Lauscht man allerdings – an der Ampel stehend – so manch aufmerksamem Passanten, scheinen sich bei der Umsetzung Fehler, wie die falsche Ausrichtung der Platten, eingeschlichen zu haben. Barrierefreies Bauen, so nötig es auch ist, scheint also gar nicht einfach zu sein. Diverse Ratgeber bringen da Licht ins Dunkel.
Einen guten Einstieg in die Thematik bietet die zweite Auflage von Barrierefreie Lebensräume. Bauen und Wohnen ohne Hindernisse aus dem Beuth Verlag. Denn die Autorin richtet sich damit an verschiedene Lesergruppen, wie Planer, Bauherren und Investoren, und vermittelt neben konkreten Beispielen für die Wohnungsanpassung auch viel Grundlagenwissen, wie Finanzierungsmöglichkeiten und Informationen zu diversen Arten von Behinderungen und deren Folgen. Für alle Architekten sind besonders die Kapitel 11 und 12 interessant, die sich mit der DIN 18040, Teil 1 und Teil 2 (Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen) sowie der DIN 18024-1 (Straßen, Plätze, Wege, öffentliche Verkehrs- und Grünanlagen sowie Spielplätze) befassen. In diesen beiden Teilen des Buchs sind dann auch endlich die Pläne vermaßt, was bislang leider nicht der Fall war. All diese sind deshalb nur eingeschränkt hilfreich, wenngleich ein geübter Planleser sich den Platzbedarf anhand von Gegenständen, wie Bett oder Toilette, herleiten kann. Sollte es eine dritte Auflage geben, dann dürften sich Autorin und Verlag hier und da auch um aktuellere Bilder kümmern, den Bildnachweis (fast ausschließlich Herstellerbilder) ans Ende der Publikation verlegen. Beim Layout und den Schriftgrößen wurde wiederum besonders darauf geachtet, dass auch Menschen, deren Sehsinn beeinträchtigt ist, dieses Buch möglichst problemlos lesen können – bei diesem Titel geradezu ein Muss. Das ist der Autorin und den Grafikern gelungen und macht neben der Bandbreite der angesprochenen Themen den Wert von "Barrierefreie Lebensräume" aus.
Die Veröffentlichung der neuen DIN 18040-1 Ende 2010 und des zweiten Teils im ersten Quartal 2011, die nun auch Orientierungshilfen für seh- und hörbehinderte Menschen enthalten, waren auch der Anlass für das Handbuch Barrierefreies Bauen der Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, von der es mittlerweile einen ersten korrigierten Nachdruck gibt. Dagmar Everding, die Autorin, hat sich dafür intensiv mit den beiden neuen Normen befasst, beschreibt diese im ersten Kapitel ausführlich und stellt Unterschiede und Verbesserungen im Vergleich zu den alten heraus. Besonders zu empfehlen sind die daran angegliederten "Persönliche[n] Sichtweisen zum barrierefreien Bauen" eines Rollstuhlfahrers, einer sehbehinderten Frau und eines Landschaftsarchitekten, der sich seit mehr als 30 Jahren mit dieser Thematik befasst. Besonders die beiden ersten gehen unter die Haut. Den Hauptteil des Buchs machen allerdings die drei folgenden Kapitel aus. Darin geht es konkret um "Wohngebäude und Wohnanlagen", "Öffentlich zugängliche Gebäude und Arbeitsstätten" sowie "Öffentlicher Raum, Verkehrs- und Grünanlagen". Sie bieten dank der gut strukturierten Gliederung in zahlreiche Unterpunkte, einer Checkliste und den vorgestellten, bereits realisierten Projekten Planern und Kommunen nützliche Hilfestellungen bei ihrer Arbeit. Die Checklisten, die nicht vollständig sein können und wollen, sind übersichtlich und können von den Käufern des Buchs mittels eines Passworts kostenlos aus dem Internet heruntergeladen werden. Grau hinterlegte Planungstipps, "Wege und Instrumente zur Verbreitung und Qualitätssicherung barrierefreien Bauens" und ein ausführlicher Anhang runden den sowieso schon großen Nutzen dieser Publikation ab.
Während die beiden bislang besprochenen Bücher hauptsächlich theoretische Grundlagen für das barrierefreie Bauen liefern, stellen Sibylle Heeg und Katharina Bäuerle, die beiden Autorinnen von Heimat für Menschen mit Demenz in der zweiten Auflage dieses Buchs ausgewählte Pflegeeinrichtungen aus Deutschland, der Schweiz, Dänemark und Finnland vor. Dabei geht es nicht vorrangig um Architektur und Innenraumgestaltung, sondern deren therapeutische Funktion. Die 18 gezeigten Beispiele – davon 16 stationäre Einrichtungen und zwei Wohngemeinschaften mit eigenem Haushalt und ambulant organisierter Pflege und Betreuung – wurden nach einem ausdifferenzierten Anforderungskatalog ausgewählt, der auf den Seiten 72 und 73 nachgelesen werden kann. Besonders wichtig erscheinen mir folgende zwei Aspekte: Die Gebäude mussten schon mindestens ein Jahr bewohnt und die jeweilige Einrichtungsleitung und die an der Planung Beteiligten dazu bereit sein, "über ihre Nutzungserfahrungen zu berichten und diese kritisch zu reflektieren." Diese Bereiche sind im Text dann auch besonders gekennzeichnet (blau und kursiv). Ergänzt wird dies durch einen Kommentar der Autorinnen am Ende einer jeden ausführlichen Projektvorstellung. Schon dies alleine spricht für die Qualität der Publikation. Auf den einleitenden Seiten erfährt der Leser darüber hinaus viel Wissenswertes über unterschiedliche Themen, die beim Bauen für Menschen mit Demenz relevant sind, beispielsweise über den "Wandel der Versorgungsstruktur", "Zur Passung von Konzepten und baulicher Typologie" und den baulichen Anforderungen, die umweltpsychologisch begründet werden. Für jene Leser, die sich neu mit dem Thema zu befassen beginnen, ist das Glossar am Ende des Buchs eine wahre Fundgrube.

Und wer direkt bei german-architects.com mehr über das Thema "Bauen für alte Menschen" erfahren möchte, der sei auf den Artikel Aging in Place! Und was, wenn nicht? hingewiesen.