Inspiring & Performance

Simone Hübener | 02.02.2011
Wolfgang Bachmann präsentiert den B2|11, "Indusrriebau". (Bild: Baumeister online)
Der 35jährige neue Chefredakteur Alexander Gutzmer (Bild: Kommunikationskongress, Pressebild)
Kaye Geipel (stellvertretender Chefredakteur) und Boris Schade-Bünsow, neuer Chefredakteur der Bauwelt; (Bild: Bauwelt online)

Auf- und Abstieg in den Verlagen
Frische, unbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land? Nein, es ist noch kein Frühling, aber in den Redaktionen renommierter, über hundertjähriger Architekturfachzeitschriften weht dieser Tage frischer Wind – oder toben vernichtende Orkane? Ein Chefredakteur wird Herausgeber, ein Verlagsleiter wird Chefredakteur. Weil Fachzeitschriften den Kenntnisstand der Architektenschaft prägen sollten, lässt uns diese dramatische Entwicklung des Metiers selbstverständlich nicht kalt.
Wolfgang Bachmann – seit zwanzig Jahren Chefredakteur unseres Kooperationspartners Baumeister – präsentiert im Youtube-Kurzfilmformat seine Februar-Ausgabe mit Kneifzange in der Hand und weist en passant darauf hin, dass er kein Chefredakteur mehr ist: "Zum letzten Mal erscheint in dieser Form die Seite eins, ab Februar ist Alexander Gutzmer zuständig für den Inhalt des Baumeisters. Ich spiele den Herausgeber."
Asche auf unser Haupt: Wir kennen Alexander Gutzmer nicht als herausragenden Wissensträger in der Architektur und googeln: "Gutzmer wechselt von BurdaYukom Publishing, wo er seit 2005 als Editorial Director zuständig ist. Seit 2005 verantwortet er die Chefredaktion für das Wirtschaftsmagazin "Think:act". Zuvor ist der Kultur- und Wirtschaftwissenschaftler Chefredakteur von "Pressesprecher" gewesen und hat für die "Welt am Sonntag" aus Berlin und London berichtet." (Quelle)
BurdaYukom Publishing? Wir lesen: "Inspiring & performing – Spitzenleistung jederzeit. (...). Unser Anspruch: Erwartungen zu erfüllen und zu überraschen. Leitmotiv und Antrieb unserer tagtäglichen Arbeit sind – voneinander untrennbar: Inspiration und Performance. Bei BurdaYukom interagiert kreativer Freigeist mit organisatorischem Bewusstsein. Emotional geführte Dialoge münden in zielorientierten Lösungen. Und Journalisten genauso wie Gestalter behalten Kommunikationsziel und Zielgruppen stets im Blick." Der Kollege Wolfgang B. wird unseres Wissens nicht umgeschult und bleibt der Szene als brillanter Schreiber erhalten.

Die Architekturmedienwelt veränderte sich immer wieder – wurde plötzlich von USP (Alleinstellungsmerkmal), Leserblattbindung, Nutzwert usw. geredet, kamen die Verleger mal wieder vom Medienseminar. Derzeit dreht sich offenbar alles um "Inspiration und Performance". Denn nicht nur beim Baumeister, auch bei der Bauwelt scheint Medien- statt Fachkompetenz gefragt zu sein, wobei die fachfremde Besetzung wichtiger Posten eigentlich nichts Neues ist:Schon lang sind beispielsweise Baubürgermeister, Bauamtsleiter und Bauminister keine Architekten oder Planer mehr, sondern Juristen. Man sieht's der Republik leider vielerorts an.
Dem bisherigen Bauwelt-Chef Felix Zwoch folgt am 1. März also auch keine Fachblattlaus (Berufsanalyse von Christian Marquart), sondern Boris Schade-Bünsow, Jahrgang 1964, studierter Betriebswirt und Maschinenbauer aus Bielefeld und zuletzt Verlagsleiter beim Bauverlag. Der bestens bekannte und geschätzte Kaye Geipel soll ihn vertreten.

Selbstkritisch müssen wir uns fragen, was eine fachliche Qualifikation denn überhaupt bringen soll. TV-Medienstar "Baby" hieß schon vor vielen Jahren "Schimmerlos" – und wenn Architekturthemen jetzt "inspiriert" und mit "Performance" präsentiert werden sollten, passt das schon: Herausgeber und Stellvertreter als "Inspirateure", Chefredakteure als "Performers".
Lässt sich der Sache Gutes abgewinnen? Wenn die neuen "Chefredakteure" Koryphäen im Anzeigengeschäft sind, ihre Blätter mit Medienfuchstalent zu neuer wirtschaftlicher Blüte führen, dann müssen sie wenigstens jeglichen Unbill von ihren Redaktionen fernhalten. Ansonsten wäre zu überlegen, ob Fachzeitschriften als non-profit-Projekte organisiert werden können. Charmante Idee. Man sieht sich wieder, im Internet. ub