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Aus einem Dornröschenschlaf erwacht

Das Fachwerk des Schlosses erstrahlt heute wieder in dem Ocker-Farbton, den es ursprünglich aller Wahrscheinlichkeit nach einmal hatte. Diese Farbe blieb wichtigen Gebäuden vorbehalten.
Das Fachwerk des Schlosses erstrahlt heute wieder in dem Ocker-Farbton, den es ursprünglich aller Wahrscheinlichkeit nach einmal hatte. Diese Farbe blieb wichtigen Gebäuden vorbehalten.
Unsere Vorstellung eines Schlosses geht meist mit Begriffen wie Pracht und Eleganz einher. Das Obere Schloss in Neuhausen auf den Fildern hatte davon bis vor Kurzem nichts zu bieten. Denn das Gebäude war vernachlässigt worden, der Zahn der Zeit hatte an der Konstruktion genagt. Nach einer aufwändigen Sanierung, die drei Jahre gedauert hat, und einigen Umbauten im Innern zeigt es sich nun wieder in dem Glanz, den man von einem der wichtigsten Häuser einer Stadt erwarten darf.
Erbaut worden ist das Obere Schloss bereits 1518 im Stile der Gotik. 1851 wurde es zur Schule umfunktioniert, Anfang des 20. Jahrhunderts ließ die Stadt ein viel zu massives Treppenhaus und einen offenen Pavillon als Pausenraum anbauen. Das Hauptportal war zugemauert worden, die Treppenanlage, die zu ihm hinaufgeführt hatte, gab es nicht mehr. Die Aufgabe der Architekten bestand also darin, an der einen Stelle abzureißen, an anderer Stelle neu zu bauen – doch beides mit dem Ziel, das Aussehen des Schlosses, seine architektonischen Qualitäten möglichst wieder so herzustellen wie einst.
Das neue Treppenhaus mit seiner Glasfassade und den Treppen ohne Setzstufen wirkt filigraner als die alte, massive Konstruktion.
Das neue Treppenhaus mit seiner Glasfassade und den Treppen ohne Setzstufen wirkt filigraner als die alte, massive Konstruktion.
Die einst vorhandene Öffnung des großen Portals, das in Richtung des Schlossplatzes zeigt, haben die Architekten wieder aufgebrochen und davor neue Eingangsstufen errichtet. Bei besonderen Anlässen, wie Hochzeiten, betreten die Gäste das Schloss über diesen Zugang. Die Besucher der katholischen Bücherei und der Musikschule, die tagtäglich ein- und ausgehen, gelangen dagegen über ein separates, der Westfassade vorgelagertes Treppenhaus in die verschiedenen Etagen. Mit dem Bauteil, der bis zum Beginn der Arbeiten diese Aufgabe übernommen hat, ist das neue Treppenhaus nicht zu vergleichen. Die Glasfassade kennzeichnet es eindeutig als neues Bauteil, Portale aus weißem Marmorbeton markieren die Übergänge in den Altbau, Podeste und Treppen weisen an allen anderen Stellen einen deutlich sichtbaren Abstand zur historischen Außenwand auf.
Cheret und Bozic wollten bei diesem Projekt aber nicht nur Erneuern, sondern wo immer möglich auch Bewahren. Bei den Treppenstufen ist ihnen dies auf charmante Weise gelungen. Denn die alten Stufen wurden ausgebaut, sorgfältig in schmale Bretter zersägt und in Kombination mit wenig neuem Holz wieder zu neuen Stufen zusammengeleimt. Mit den Biberschwänzen auf dem Dach und den sechseckigen Fliesen aus der Zeit der Jahrhundertwende mussten die Handwerker ebenso vorsichtig umgehen, denn auch sie wurden im sanierten Oberen Schloss wieder verwendet.
Das Farbkonzept der Innenräume unterstreicht die verschiedenen Funktionen der einzelnen Räume. Die Skala reicht von hellen Grautönen bis zu dunklem Rot.
Das Farbkonzept der Innenräume unterstreicht die verschiedenen Funktionen der einzelnen Räume. Die Skala reicht von hellen Grautönen bis zu dunklem Rot.
Im Innern des Gebäudes ist vieles neu, denn die stark vernachlässigte Bausubstanz konnte oftmals nicht erhalten werden. Doch getreu ihrem Motto „Erneuern und Bewahren“ orientierten sich die Architekten bei diesem Entwurf daran, wie es einmal gewesen sein könnte, und ergänzten ihn mit einigen pfiffigen Details und einer schlichten, eleganten Möblierung. Das Dachgeschoss beispielsweise, in dem heute ein Teil der katholischen Bücherei untergebracht ist, war für diese Nutzung viel zu dunkel. Doch statt auf die üblichen Dachflächenfenster zurückzugreifen, arbeiteten Cheret und Bozic mit einer ins Dach integrierten Verglasung, die viel Licht in den Innenraum fließen lässt und sich von außen betrachtet dezent in die Biberschwanzdeckung einfügt. Ein großes Fenster zwischen der Bibliothek und der innenliegenden Treppe, die ins Dachgeschoss führt, ermöglicht interessante Blickbeziehungen innerhalb des Gebäudes. Eine Lichtdecke im großen Saal des Erdgeschosses sorgt zum einen für ein sehr angenehmes Licht, zum anderen bleiben Wände und Decke von wie auch immer gearteten Leuchten frei. So entstand in diesem wie auch in den anderen Räumen während der drei Jahre dauernden Bauzeit ein gelungener Mix aus historischer Bausubstanz und neuen Elementen, die mal zu einer Einheit verschmelzen, mal gelungen miteinander kontrastieren.
Simone Hübener
Der große Saal im Erdgeschoss hat ein besonderes Flair, denn neue Elemente wie der Echtholzparkett mischen sich mit historischen Materialien.
Der große Saal im Erdgeschoss hat ein besonderes Flair, denn neue Elemente wie der Echtholzparkett mischen sich mit historischen Materialien.
Lageplan mit dem Oberen Schloss (rot markiert) in der Mitte
Lageplan mit dem Oberen Schloss (rot markiert) in der Mitte
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Erdgeschoss
Querschnitt
Querschnitt
Kulturzentrum Oberes Schloss
2011

Kirchplatz
73765 Neuhausen a.d.F.

Auftraggeber
Gemeinde Neuhausen a.d.F.

Architektur
Cheret Bozic Architekten
Stuttgart

Projektleitung
Rike Kress
Mehmet Koc

Tragwerksplanung
Ingenieurbüro Bewer

E-Planung
Werner Schwarz GmbH

HLS-Planung
Bauer und Ihle GmbH

Bauphysik
IB Dr. Schäcke+Bayer Gmbh

Bauaufnahme
Armin Seidel

Bruttogeschossfläche
1.250 m²

Baukosten
KG 200-700/ brutto 5.4 Mio. €

Fotografie
Wolfgang Janzer

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Soeben wurde der Baulöwe Jürgen Schneider zum Theaterstar: Dadurch kommen sich Immobilienbranche und Baukultur durchaus noch nicht näher (http://www.theater-projekt-stuttgart22.de/SchneiderInhalt.html, Bild: Daniela Aldinger)
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