Kaschmirpullover statt Desingerfummel

Blick von der Parkseite auf den östlichen Erweiterungsbau
Die Kunsthalle Bremen ist eine geradezu prototypisch hanseatische Institution, getragen von bürgerschaftlichem Engagement und bis heute zum überwiegenden Teil aus den Beiträgen der Mitglieder des Kunstvereins finanziert. Schon der erste Bau der Kunsthalle wurde 1849 vom damals neu gegründeten Kunstverein gebaut, und auch den grundlegende Umbau mit Erweiterung, der jetzt fertiggestellt wurde, haben zu einem erheblichen Teil Bremer Bürger und der Kunstverein bezahlt.
In den Neubauten werden die ehemaligen Außenwände zu Innenwänden. Die Lichtdecken nehmen die Fassadengliederung des Bestands auf.
Der Um- und Anbau wurde nötig, weil das Haus die Standards nicht mehr erfüllte, die Versicherungen und Leihgeber für hochkarätige Kunstwerke fordern. Damit stand der Ruf der Bremer Kunsthalle als Institution von zumindest nationalem Rang auf dem Spiel. Den eigenen, hohen Ansprüchen entsprechend wurde 2004 ein offener, zweistufiger Wettbewerb ausgelobt, an dem sich 351 Architekten beteiligt haben und aus dem das Berliner Büro Hufnagel, Pütz, Rafaelian als Sieger hervorgegangen ist.
Blick in den neuen Studiensaal des Kupferstichkabinetts.
Entgegen der Auslobung, die die Erweiterung anstelle des 1978–81 von Werner Düttman geplanten Anbaus vorsah, haben Hufnagel, Pütz, Rafaelian die Kunsthalle an beiden Seiten erweitert und so die alte Symmetrie annähernd wieder hergestellt. Mit diesem Kunstgriff ist es ihnen gelungen, die ohnehin sehr enge Verbindung der Wallanlagen zwischen Kunsthalle und Gerhard-Marcks-Haus nicht noch weiter zu beschneiden. Anders als Düttmanns Anbau, der sich deutlich als moderne Addition zu erkennen gegeben hatte, zielen Hufnagel, Pütz, Rafaelian darauf ab, Alt und Neu zu einer Einheit zu verschmelzen. Dabei bleiben die beiden älteren Bauteile zwar als solche erkennbar, die Anbauten ahmen deren Habitus aber nach und ordnen sich dem Bestand unter, obwohl sie modern gestaltet sind.
Lageplan
Die Innenräume wurden im Zuge des Umbaus ebenfalls komplett erneuert. Hier wurde vor allem die vormals unübersichtliche Erschließung neu geordnet; Garderobe, Vortragssaal, Restaurant und Museumspädagogik sind nun im Sockelgeschoss untergebracht und für den Besucher unkompliziert zu erreichen. Ein besonderer Gewinn ist hier, dass das Museumscafé jetzt zu den Wallanlagen hin geöffnet ist, während diese Seite des Gebäudes vorher ausschließlich als Rückseite verstanden wurde.
Grundriss Untergeschoss
Gerade um das Sockelgeschoss neu zu ordnen, waren zum Teil erhebliche Eingriffe nötig, die durch klare, kantige Formen immer als solche zu erkennen sind. Im Bestand wurden alle Böden und Einbauten aus Räuchereiche gefertigt, was den Räumen trotz der klaren Formen eine hanseatische Gediegenheit verleiht.
In den Anbauten wurde helle Eiche verwendet. Den Übergang zwischen Alt und Neu markiert eine Fuge, in der sichtbar wird, wie die ehemalige Außenwand zur Innenwand wird. Zum Teil sind hier Verwaltung, Werkstätten und Magazine untergebracht, deren Flächen proportional am stärksten gewachsen sind, und die für das Funktionieren eines Hauses wie der Kunsthalle Bremen von enormer Bedeutung sind. Für die Ausstellungsräume hat der Mittelsaal als strukturierender Raum an Bedeutung verloren. Sie dehnen sich nun gleichmäßig auf beiden Seiten des Saales aus, ohne neue Bezüge herzustellen oder ein über die Symmetrie hinausgehendes Ordnungsprinzip erkennen zu lassen. Das mag auf den ersten Blick enttäuschen, aber hier soll es demnächst vorrangig um Kunst gehen, nicht um aufregende Raumfolgen. Wenn die Kunst dann nach und nach ins Haus zurückkehrt, wird sich auch der Raumeindruck noch einmal deutlich verändern.
Grundriss Erdgeschoss
Mit der neuen Kunsthalle ist die Hansestadt Bremen ganz Dame, die Kaschmirpullover und Perlenkette statt Designerfummel trägt. Und so wie bei Lieblingskleidungstücken oft gar nicht auffällt, dass sie neu sind, ist es auch mit der neuen Kunsthalle: Sie passt zu Bremen und wird auch in vielen Jahren noch ein Lieblingsstück sein, das dann vielleicht ein wenig abgewetzt ist, aber deswegen noch lange nicht ausgemustert werden wird.
Maren Harnack
Grundriss 2. Obergeschoss
Längsschnitt durch Altbau und die beiden Erweiterungsbauten
Erweiterung und Sanierung Kunsthalle Bremen
2011

Am Wall 207
28195 Bremen

Bauherr
Kunstverein Bremen

Architekten
Hufnagel Pütz Rafaelian Architekten
Berlin

Projektsteuerung
Helmut Dietrich
Frauke Meiners Dietrich
Architekten + Ingenieure
Bremen

Tragwerksplanung
Zill Klochinski Hütter Scharmann Partnerschaftsgesellschaft
Bremen

Bauphysik
Müller-BBM
Bremen

Brandschutz
Hagen
Ingenieursgesellschaft für Brandschutz
Kleve

Baugrund
Grundbaulabor
Ingenieurgesellschaft für Geotechnik
Bremen

Haustechnik
IGG – Ingenieurgesellschaft für haustechnische Gesamtplanung
Lilienthal

v+w ingenierplanung Voigt + Wittig
Bremen

Elektroplanung
Ingenieurbüro Pachaly
Riede

Lichtplanung
Thorsten Braun, die Lichtplaner
Limburg

Außenanlagen
planungsgruppe grün
Bremen

Bruttogeschossfläche
7410 qm (Altbau)
5560 qm (Neubau)

Baukosten
36 Mio Euro

Fotos
Stefan Müller
Berlin