Alte Qualitäten mit neuer Architektur

Die neuen Gebäude fügen sich mit ihren kleinen und größeren, steilen und flacheren Giebeln in die historische Altstadt ein.
Von Glück kann man sprechen, wenn Behörden und Ämter nicht darauf pochen, dass alle Vorschriften akribisch eingehalten werden, sondern wenn sie zugunsten eines besseren Ergebnisses auch mal gelockert werden. Ein wunderbares Beispiel dafür ist die neue Bebauung des Elsbethenareals in Memmingen. Die 41.000 Einwohner zählende Stadt, die 50 Kilometer südlich von Ulm an der bayerisch-baden-württembergischen Grenze liegt, ist geprägt von giebelständigen Häusern und engen Gassen. Letztere entstehen durch die heute einzuhaltenden Abstandsflächen nicht mehr. Es sei denn, man handelt getreu dem Motto: „Ausnahmen bestätigen die Regel“. Die Stadt legte also bereits zum Wettbewerb die Baulinien so fest, dass die Verbindungswege zwischen den Neubauten und den umliegenden Plätzen schmal werden konnten.
Das neue Theatercafé, das neue Reformhaus und bestehende Läden sorgen dafür, dass der Elsbethenhof zu einem belebten Stück Stadt wird – was er als Schulhof der Elsbethenschule über Jahrhunderte hinweg war.
trint + kreuder d.n.a griffen mit ihrem preisgekrönten Entwurf auch das zweite Charakteristikum auf: die Zweiteilung der kleinen Häuser, wobei die Traufe bis auf die halbe Gebäudehöhe herunterreicht. Die Neubauten passen sich somit bestens in die historische Altstadt ein, und die Architekten konnten glücklicherweise darauf verzichten, den Passanten mit einer Pseudo-Gliederung der Fassade eine im Innern nicht vorhandene Kleinteiligkeit vorzugaukeln.
Im Hinblick auf den Städtebau haben die „Neue Schranne“, das Wohn- und Ärztehaus mit der „Neuen Schmiede“ und die Erweiterung des Landestheaters Schwaben eine wichtige Funktion. Sie definieren fehlende Raumkanten und schaffen Plätze, die die Aufenthaltsqualität im Zentrum deutlich erhöhen. Durch die „Neue Schranne“ wird der Schrannenplatz als solcher wieder erlebbar. Denn mit dem Abriss der historischen Schranne Anfang der 1950er Jahre war der Platz zu groß, zu undefiniert geworden. Ein schmaler Durchgang im Erdgeschoss des Gebäudes dient heute als Verbindung zum Elsbethenhof, der in den letzten 15 Jahren immer mehr verlottert war. Nun lädt das Theatercafé zum Verweilen ein. Und auch den dritten Platz, den Theaterhof, haben die Architekten mittels einer schmalen Gasse direkt an den Elsbethenhof angeschlossen.
Der Innenraum des Ärztezentrums zeigt sich schlicht und modern. Dank des Atriums wird das tiefe Gebäude mit ausreichend Tageslicht versorgt wird.
Für die Fassaden wählten sie eingefärbten Edelkratzputz, schlämmverfugte Ziegelsteine, Sichtbeton und vor Teilen der großen Fensterflächen gestanzte Bleche, deren Muster an Blüten und Blätter erinnert. So strömt einerseits viel Licht in die Geschäfte, Arzt- und Therapiepraxen, andererseits wirken die Gebäude nicht wie Glaskästen, die im Zentrum Memmingens fehl am Platze wären. Alles bleibt dabei Ton in Ton, denn die Werbetafeln und Schriftzüge machen alles bunt genug.
Im Innern setzen sich die schlichten Materialien fort, hier und da mit hellem Holz, im Theater mit Räuchereiche ergänzt. Modern wirkende Materialien verbinden sich bei diesen Neubauten gekonnt mit historischen Formen, die in der Ausschreibung geforderten großen Nutzflächen wurden auf die Maßstäblichkeit der Altstadt reduziert, der Stadtraum aufgewertet.
Simone Hübener
Lageplan mit der „Neuen Schranne“ im Südwesten, dem Geschäfts- und Ärztehaus an der Lindentorstraße sowie der Erweiterung des Landestheaters Schwaben im Norden.
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 3. Obergeschoss
Schnitt Geschäftszentrum und Ärztehaus
Elsbethenhof – Theaterhof – Schrannenplatz
2011


lts01
Erweiterung Landestheater Schwaben
Theaterplatz 1
87700 Memmingen

els02
Geschäftshaus „Neue Schranne“
Schrannenplatz 6/8
87700 Memmingen

els03
Wohn- und Ärztehaus mit „Neue Schmiede“
Lindentorstraße 1-3
87700 Memmingen

Bauherr
lts01
Stadt Memmingen

els02 / 03 / Tiefgarage
Siebendächer Baugenossenschaft e.G.
Lindentorstraße 7
Memmingen

Architekten
trint + kreuder d.n.a
Köln

Projektteam
Moritz Scheible
Matthias Breithack
Nike Müller
Martha Chen Nunes

Objektüberwachung
Architekturbüro Helmut Schedel
Memmingen

Tragwerksplanung
Dr.-Ing. W. Naumann + Partner
Ingenieurgesellschaft mbH
Köln-Bayenthal

Landschaftsarchitekt
club L94 Landschaftsarchitekten
Köln

Bauphysik
knp.bauphysik Ingenieurgesellschaft
Köln

TGA- Haustechnik
Ingenieurbüro Mayer AG
Ottobeuren

Elektroplanung
ingenieurbüro ib-s gmbh
Kempten

Brandschutz
Heister + Ronkartz
Hückelhoven

Bruttogeschossfläche
Gesamt: 15.726 qm
lts01: 4406 qm
els02: 5945 qm
els03: 1335 qm
Tiefgarage: 4040 qm

Baukosten (300 + 400)
Gesamt: 26,94 Mio Euro

lts01: 10,0 Mio. Euro
els02: 10,34 Mio. Euro
els03: 2,5 Mio. Euro
Tiefgarage: 4,1 Mio. Euro

Fotos
Christian Richters