Im Schatten des Herkules

Linkerhand des derzeit eingerüsteten Herkules-Monumentes liegt auf der anderen Straßenseite auf leicht abschüssigem Gelände das neue Besucherzentrum.
Die dezente Hanglage bleibt auch innen erlebbar. Durchs hohe Panoramafenster blickt man auf den Herkules.
Herkules, der Sohn des Zeus und der Alkmene, musste – so will es der Mythos – mindestens zwölf Heldentaten vollbringen, um dann doch auf dem Scheiterhaufen zu landen, danach zu den Göttern entrückt und dort immerhin mit Hebe, der Göttin der Jugend und Tochter von Zeus und Hera vermählt zu werden. Zwischen 1701 und 1717 entstand die 8,25 m hohe Herkules-Bronzestatue im Bergpark Wilhelmshöhe in der Wasserkaskadenachse des Kasseler Schlosses auf einem rund 62 m hohen Unterbau. Schön kann man das Monument kaum finden, doch es gehört nun mal zur Parkanlage, die vielen Menschen aus Nah' und Fern' schöne Spazierstunden beschert. Nun sollte am Herkules ein Besucherzentrum entstehen, in dem man verweilen, sich informieren und mit Eintrittskarten und Souvenirs versorgen kann. Wo alles im Umkreis des Herkules zwergenhaft scheint, versuchten die Architekten erst gar nicht, mit der Monumentalität zu konkurrieren.
Die überdachte Eingangszone auf der Parkplatzseite,
Mit einem langen, dem abschüssigen Gelände angepassten, schiefwinkligen Baukörper wird den Besuchern ein scheinbar unkompliziertes Kontrastprogramm zur finsteren Monumentalität des Herkules-Oktogons geboten. Schlendert man auf der Rückseite des Herkules hinauf, weckt der reliefierte Sichtbetonbau rechterhand Neugier: Große Fenster lassen schon grandiose Ausblicke vermuten, geben jedoch nicht preis, was sich im Innenraum abspielt. Auf der Eingangsseite wird aber auch zu Zeiten, wenn das Besucherzentrum geschlossen ist, mit einer großen Tafel über den Ort informiert.
Das Interieur: Informationstafeln, Vitrinen, Shop und Ticketverkauf.
Innen prägt die skulpturale Dachlandschaft über polygonalem Grundriss den eingeschossigen, höhenversetzten Raum. Glatter Sichtbeton und dunkle Holzflächen ergänzen sich bestens mit den Panoramafenstern, die den Blick teilweise wieder in die herrliche Umgebung lenken. Die Ausführung ist präzise und sorgfältig, und man kann in der zwanglosen Atmosphäre beinahe dankbar dafür sein, vorübergehend von der Furcht erregenden Rückseite des Herkules verschont zu bleiben.
Inszenierte Ausblicke.
Die Art und Weise, wie die Ausblicke inszeniert sind, bannt die Landschaft und das Denkmal quasi in Bildrahmen und entrückt sie zugleich in einer angenehmen, unaufdringlichen Weise. Bei einem solchen Bauwerk muss die Dachfläche wie eine fünfte Fassade gewertet werden, denn vom Denkmal aus blickt man aus etwa 60 Metern Höhe hinab auf das Besucherzentrum – und leider auch den Parkplatz. Wie eine gefaltete Fläche liegt es am Boden, und gern stellt man sich vor, dass eines Tages Patina, Moos oder sonstiges natürlich Gewächs darüber wuchern und ranken.
Ursula Baus
Grundriss
Besucherzentrum am Herkules
Schlosspark Wilhelmshöhe
2011

34131 Kassel

Bauherr
Land Hessen, vertreten durch
Hessisches Baumanagement HBM
Regionalniederlassung Nord
Kassel

Architekt
Staab Architekten
Berlin

Projektleiter
Per Pedersen
Jens Achtermann

Mitarbeiter
Antje Bittorf
Sonja Hehemann
Julia Löscher
Florian Nusser
Kiri Westphal

Bauleitung
Atelier 30 Architekten GmbH
Kassel

Tragwerksplaner
EFG Beratende Ingenieure GmbH
Fuldabrück

Haustechnik
Ingenieurgruppe HSK
Göttingen

Bruttogeschossfläche
750 m2

Baukosten
3,46 Mio Euro

Fotos
Jens Achtermann
Berlin