Von der Selbstverständlichkeit des Modernen

Der Kontrast zur Nachbarbebauung ist gewollt. Dennoch ging es den Architekten in erster Linie um unaufgeregte Gelassenheit. Dieser Anspruch wurde eingelöst.
Emmzett steht, dafür braucht es nicht viel Fantasie, für die Nachnamen der Personen, für die es gebaut wurde – für den Architekten Ulrich Müller, den Betreiber der architektur galerie in Berlin, sowie für seine Frau Kathrin Zänker. Das Haus ist ein wunderschönes Beispiel für die Selbstverständlichkeit, mit der das Vokabular der Moderne eingesetzt werden kann. Der weiße Kubus wurde in der Tiefe eines langen schmalen Grundstücks errichtet, dort, wo an der Stelle eines abgerissenen Vorgängerbaus Baurecht eingeräumt wurde.
Offenes Wohnen im Garten. Der lange schmale Freibereich wird durch das Gebäude geführt.
Das Bördedorf Alt Diesdorf, ein Teilort Magdeburgs, wird in seinem Ortskern von Vierseithöfen mit Scheunen aus ortstypischen Bruchsteinmauerwerk geprägt. Eine dieser Scheunen begrenzt das Grundstück und ist als Gegenüber auf eindrucksvolle Weise präsent. Das Haus liegt an der östlichen Grundstücksgrenze. Die Abstandsregeln erforderten es, dass im Abstand von drei Metern zu ihre keine Fenster gebaut wurde. Entsprechend wurden hierher Nebenräume gelegt.
Vornehm zurückhaltend und pragmatisch: Bei Bedarf können Küche, Diele und Wohnraum voneinander getrennt werden.
Die Grundrisse sind aber nicht nur darin die, wie es der Architekt nennt, „pragmatische Umsetzung des vorgegebenen Funktionsschemas“. Ein offener Wohnbereich im Erdgeschoss, in dem die Küche einbezogen wurde, bei Bedarf durch raumhohe Schiebetüren aus transluzenten Doppelstegplatten teilbar; im Obergeschoss liegen die Privaträume, also Kinder-, Schlaf- und Arbeitszimmer. Ein warmer Holzfußboden oben, ein heller Sichtestrich unten entsprechen den unterschiedlichen Nutzungen.
Lageplan
Große und spezifische Ausblicke werden mit Bildern gleichenden Fensterformaten eingefangen, sie erzeugen auf den Fassaden eigenwillige Kompositionen, akzentuiert durch dunkle Fensterrahmen. Ihr fassadenbündiger Einbau in der hellgrauen Putzfassade betont das Gesamtvolumen.
Grundrisse und Schnitt
So selbstverständlich das Haus dem erscheint, der sich regelmäßig mit Architektur auseinandersetzt, es ist dennoch ein Statement gegen die angeblich heimeligen und oftmals unpraktischen Einfamilienhauslösungen an den Rändern solcher Orte wie Alt Diesdorf – es ist eigentlich grotesk, dass für ein Haus wie dieses lange Auseinandersetzungen mit den Behörden geführt werden müssen, während die Einfamilienhausgebiete an den Rändern wachsen. Haus Emmzett ist also auch ein Hinweis auf das Potenzial der Dorfkerne, aber eben kein demonstratives Manifest – das Wohnen mit gleich großen Gartenteilen vor und hinter dem Haus ist zur Straße hin durch Mauer und Tor verborgen. Schließlich ist es ein Wohnhaus.
Christian Holl
Haus Emmzett
2010
Alt Diesdorf 10
39110 Magdeburg

Auftraggeber
privat

Architektur
Ulrich Müller Architekt
Berlin

Bruttogeschossfläche
190 m²

Fotografie
Stefan Müller
Berlin