Erweiterung im Blockrand

Henning Larsen Architects haben kürzlich das neue Siemens Headquarters in München fertiggestellt. Werner Frosch, Managing Director des Münchner Büros von Henning Larsen beantwortet unsere Fragen.
Eingang des Siemens Headquarters vom Oskar-von-Miller-Ring mit Skulptur «Wings» von Daniel Libeskind 
Katinka Corts: Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Werner Frosch: Es geschieht nicht oft, dass man als Architekt die Möglichkeit hat, für einen so großen und weltweit agierenden Konzern wie Siemens das Headquarters planen zu dürfen. Darüber hinaus ist die Lage dieses großen Gebäudekomplexes im Herzen der Stadt München etwas Besonderes. 
Siemens Headquarters Wittelsbacherplatz
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
In der Auslobung hat Siemens ein zeitgemäßes Bürogebäude mit hoher Transparenz gefordert. Dies haben wir in eine Architektur umgesetzt, die sich dem Stadtbild anpasst. Gleichzeitig öffnet sich das Gebäude zur Stadt und lädt die Münchner ein, durch die Innenhöfe zu spazieren. Die neue Konzernzentrale verbindet mit einem öffentlichen Weg die historische Altstadt mit dem Museumsquartier im Nordwesten.
Foyer mit Skulptur «Schwesterngruppe» von Georg Baselitz
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Die beiden Bestandsgebäude zum Wittelsbacherplatz, eines davon ist das Ludwig-Ferdinand-Palais von Leo von Klenze aus dem Jahr 1825, wurden erhalten und grundlegend renoviert. Von großer Bedeutung ist, dass der Neubau die vorhandene Struktur der klassizistischen Stadterweiterung aufnimmt und sich das Gebäudevolumen mit der Aufnahme des Blockrandes und der Abfolge mehrerer Innenhöfe der Umgebung anpasst. Auch beim Nachhaltigkeitskonzept wurden die lokalen Gegebenheiten untersucht und so weit wie möglich genutzt, z.B. die Nutzung von Grundwasser zur Kühlung der Bodenplatte, oder die Ausbildung der Fassaden in Abhängigkeit von der Ausrichtung.g.
Siemens Headquarters Ecke Oskar-von-Miller-Ring/ Jägerstraße
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Wichtig für das Gelingen eines so großen und komplexen Projekts ist ein guter und offener Prozess. Da spielt die Kommunikation mit dem Bauherrn, den Nutzern, der Stadt, dem Denkmalschutz und den verschiedenen Fachdisziplinen eine entscheidende Rolle. Dadurch wird der Entwurf geschärft und weiterbearbeitet. Von Vorteil ist sicher, dass wir hier einen professionellen Bauherrn hatten, der durch das Wettbewerbsverfahren einen Entwurf gewählt hat und dieser Entscheidung auch treu geblieben ist. Darauf basierend sind durch den gesamten Planungs- und Abstimmungsprozess die grundlegenden Entwurfsgedanken und -parameter beibehalten und alle Entscheidungen auch immer wieder daraufhin abgefragt worden. Wichtig waren hier die Höfe, die schrägen Fassaden oder die abgerundeten Ecken. Das gebaute Resultat liegt deshalb sehr nah an den ersten Skizzen aus der Wettbewerbsphase und auf dieses Ergebnis sind wir sehr stolz.
Tageslichtdurchflutete Erschließungszonen
Schräge Fassaden zu den Innenhöfen verbessern den Tageslichteinfall in den Büros
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Das Projekt wurde von uns von Anfang an mit Hinblick auf einen hohen Grad an Energieeinsparung und einen integrativen nachhaltigen Ansatz geplant. So stellen die schräggestellten Fassaden der Höfe nicht nur einen Aspekt des architektonischen Konzepts dar, sondern verbessern auch die Belichtung der Arbeitsbereiche und reduzieren damit den Energieverbrauch. Diese ersten Konzepte wurden im Laufe der Planung verfeinert und ausgebaut, sodass das Gebäude die höchsten internationalen Standards (LEED Platinum, DGNB Platinum) erfüllt. So trägt die thermisch aktivierte Bodenplatte sowohl zur Heizung als auch zur Kühlung des Gebäudes bei, indem regenerative Energien, wie Außenluft und Grundwasserkühlung mit eingebunden werden und die Wärmepumpen auch als Kältemaschinen genutzt werden können. Ein Drittel des Gesamt-Strombedarfs wird über Photovoltaikelemente mit einer Leistung von rund 300 kW gedeckt, die über 1'300 m² der Dachfläche verteilt sind. Insgesamt verbraucht der Neubau 90% weniger Strom als sein Vorgängergebäude. Außerdem sorgt die Nutzung von Regenwasser für die Toilettenspülung und die Bewässerung der Außenanlagen für einen reduzierten Wasserverbrauch, der 50% unter dem für Neubauten vorgeschriebenen Richtwert liegt.
Innenhof mit Verbindungsbrücken zwischen Ludwig-Ferdinand Palais und flankierendem Altbestand
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Die Materialwahl bei diesem Projekt ist ganz bewusst reduziert und lokal. Rund ein Drittel der verwendeten Baustoffe kommen aus der Region. So dominiert der helle Naturstein aus dem Altmühltal die zur Stadt orientierten Fassaden. Im Inneren findet man den gleichen Naturstein als Bodenbelag in den Höfen und im Foyer. Ansonsten ist das Gebäude hell und einladend: weiße Wände und helle Eichenholzpaneele bestimmen den Eindruck. Die verwendeten Hölzer und Holzwerkstoffe sind allesamt zertifizierte Produkte aus nachhaltiger Forstwirtschaft, bei denen auf Holzschutzmittel verzichtet wurde.
Ludwig-Ferdinand-Palais, Empfangsbereich am Wittelsbacherplatz
Lageplan
Grundriss Erdgeschoss
Schnitt
Siemens Headquarters
2016

Wittelsbacherplatz 2
80333 München

Auftragsart
1. Preis aus einem internationalen Wettbewerb

Bauherrschaft
Siemens Real Estate

Architektur
Henning Larsen Architects in Arbeitsgemeinschaft mit CL-MAP GmbH

Fachplaner
Topotek1, Berlin
 Werner Sobek, Frankfurt/ Stuttgart
 Transsolar München
 a•g Licht, Bonn
PMI, München
Kuehn, Bauer und Partner, München

Kunst am Bau
«Wings», Daniel Libeskind, Eingang Oskar-von-Miller-Ring
«Schwesterngruppe» von Georg Baselitz

Ausführende Firmen
ca. 400 verschiedene Firmen (ohne Planer), davon rund die Hälfte aus Bayern

Energiestandard
LEED Platinum, DGNB Platinum

Bruttogeschossfläche
oberirdisch 45.000 m²

Gesamtkosten
k.A.

Auszeichnung
DGNB Platinum, LEED Platinum

Fotos
Hufton+Crow

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