Kurze Blüte der Moderne

Christian Holl | 04.18.2012
Richard Pare, Schabolowka Funkturm, 1998; Fotografie, 154,8 x 121,9 cm. Architekt: Wladimir Schuchow, 1922. (Bild: Richard Pare und Kicken Berlin)
Gosplan Parkhaus, Gesamtansicht, etwa 1936. (unbekannter Fotograf). Architekten: Konstantin Melnikow und W. I. Kurotschkin, 1936. (Bild: Abteilung Fotografie des Staatlichen Wissenschaftlichen Forschungsmuseums für Architektur A. W. Schtschusew, Moskau)
"Produktiven Perioden scheint", so Adorno, "der Gedanke an Dauer fern gelegen zu haben." Dokumente einer solchen produktiven Periode sind in einer Ausstellung im Berliner Martin-Gropius Bau bis zum 9. Juli zu sehen: "Baumeister der Revolution" zeigt Kunst und Architektur aus der Zeit der jungen Sowjetrepublik. Teilweise längst legendäre Gebäude wie die Privathäuser (1931) und der Arbeiterklub (1927) Melnikows oder der Schabolowka Funkturm von Wladimir Schuchow (1922) werden ebenso wie Mendelssohns Textilfabrik in St. Petersburg oder der Kulturpalast der Wesnin-Brüder in Baku (1929) vorgestellt; außerdem weniger Bekanntes, darunter Gemeinschaftswohnanlagen, Industriegbeäude, Elektrizitätswerke. Archivfotos aus der Entstehungszeit stehen großformatige Bilder Richard Pares aus den 1990ern gegenüber. In diesen wird der oft bedenkliche Zustand der Gebäude sichtbar; welche von ihnen heute noch stehen, wird leider in der Ausstellung nicht mitgeteilt.
Wahrscheinlich wird der Gedanke an die Dauer, so noch einmal Adorno, "akut erst dort, wo Dauer problematisch ist und die Kunstwerke, im Gefühl ihres latent Unkräftigen, daran sich klammern." Die Ausstellung zeigt zum einen, dass diese kurze Periode der Moderne in der Sowjetunion auch nicht im Geringsten unter dem Gefühl des latent Unkräftigen litt – Experimentierfreude, Wagnis zu neuen Formen und dem Überbrücken der Grenzen zwischen Kunstgattungen brachte eine äußerst vitale Szene von Kunst und Architektur hervor –, zum anderen, dass uns heute das Schicksal dieser Gebäude in einer Weise bewegt, die den Protagonisten der damaligen Zeit fremd gewesen sein muss.
Was die Epoche auszeichnete, ist zudem in einer ganzen Reihe von Zeichnungen und Gemälden russischer Künstler, darunter Alexander Rodtschenko, El Lissitzky oder Iwan Kliun nachzuvollziehen, die jenes neue Raumverständnis artikulierten, das auch die Architektur zu neuen Formen führte. Kein Zufall also, dass den Besucher ein Modell des nie gebauten Turms empfängt, den Tatlin 1919 als Monument der Dritten Internationale entworfen hatte. Aufschlussreich zudem sind Fotografien Boris Pasternaks, geteilt in eine Bildstrecke bis und eine ab 1935, sie zeigen eine etwas alltäglichere Perspektive des Umbaus, der unter Lenin und dann, unter anderen Vorzeichen, unter Stalin stattgefunden hat.
Wie ein leiser Abgesang schließt, nach prägnant inszeniertem Lenin-Mausoleum von 1930 und wieder überraschenden Parallelen zwischen Architektur und Werken der Bildenden Kunst, die Ausstellung mit Bildern eines Sanatoriums mit Anbau in Kislowodsk, das 1937 begonnen wurde und den letztlich vergeblichen Versuch der Architekten (Leonidov und Ginsburg) sichtbar macht, an ihrem neu gewonnenen Architekturverständnis unter den neuen Direktiven festzuhalten.

Der Katalog ist im Mehring Verlag erschienen und kostet in der Ausstellung 25 Euro.