Stuttgart reißt ab

Ursula Baus | 12.22.2010
Mailänder Platz, 1.Preis RKW. Bloß weil traditionelle Blockrandbebauung schräg eingekerbt wird, entstehen noch keine "leichten Baukörper" und neue Wohn-Typologien.
Das Haus Körner von Bächer und Lee von 1975 (Bild: Jörg Kurz, Stuttgart)
Weg ist es! (Bild: Ursula Baus)
Es ist ja nicht nur der Bonatz-Bahnhof, mit dem in Stuttgart Schindluder getrieben wird. Was sich die Stadt mit ihrem Investor Breuninger und dem Lande Baden-Württemberg beim so genannten Da-Vinci-Projekt leistet, spottet gleichfalls jeder Beschreibung: Das ehemalige Hotel Silber, eines der wenigen Häuser, die Stadtgeschichte als Kontinuum im Zusammenhang mit allen anderen historischen und kulturellen Phänomenen begreifen lassen, wurde flugs zum Abriss frei gegeben, damit die (ohnehin zu vielen) Quadratmeter im Neubauprojekt "Da Vinci" beieinander kommen. Die CDU hat sowieso nichts mit Erinnerung an die NS-Zeit im Sinn und verschandelt die Stadt Stuttgart bedenkenlos, die Grünen sind zerstritten, die SPD hilflos.
Das Neubau-Niveau in Stuttgart sinkt derweil im Steilflug. Für den Mailänder Platz (im Stuttgart-21-Gebiet) wurde jetzt ein Wettbewerb entschieden, in dem konventioneller Städtebau und mediokre Architektur auf Platz 1 gesetzt wurden (1. bis 3. Bild von oben, 1. Preis an Rhode Kellermann Wawrowsky). Stichworte aus der PR-Meldung der Stadt: "höchste städtebaulich-architektonische Qualität", "südliches, mediterranes Stadtleben..." – abgedroschene Phrasen wie diese täuschen nicht über die Durchschnittsware hinweg, die hier realisiert wird.
Bleibt noch der unbegreifliche Abriss eines Hauses in schöner Höhenlage in der Nachbarschaft des Staatsministeriums im Gebiet Gänsheide zu beklagen (Staatsministerium ehemals Villa Reitzenstein, fußläufig in der Nachbarschaft die Villa Bosch, das Haus Willi Baumeisters, das Haus Wilhelm Wagenfelds, das Haus von Thaddäus Troll, der Wohnung von Mario Gomez, das Haus des Verlegers Hatje, Bilder 4, 5). Max Bächer und Chen Kuen Lee hatten es 1975 gebaut, und es gehörte zum Besten, was in dieser Zeit in Stuttgart entstanden ist, genauso wie das bedrohte Haus Ketterer. Wieder einmal wurde hier ein Stück Architektur und Quartiersidentität ordinärem Renditedenken geopfert. Wieder einmal wurde die Chance vertan, Stadtgeschichte als kontinuierliche Veränderung zu begreifen, aus der sich Quartiers- und Stadtidentität entwickeln kann. Zwanzig Jahre bin ich an diesem Haus vorbeigelaufen, habe es mehr und mehr geschätzt – weg ist es.
Typisch für Stuttgart ist, dass Bücher wie "Die Gänsheide" von Jörg Kurz, in denen Stadt- und Quartiersgeschichte aufgearbeitet sind, von der Stadt nicht unterstützt, geschweige initiiert werden. Dabei wäre es Aufgabe der Stadt, zum Beispiel eine Broschürenreihe über einzelne Stadtviertel und bemerkenswerte Häuser erarbeiten zu lassen und solche Hefte dann den Bewohnern kostenlos in die Briefkästen zu werfen. Ein solches Projekt wurde vor kurzem in Erfurt als baukulturelles Highlight ausgezeichnet. In Stuttgart: Undenkbar.
Genug geschimpft für dieses Jahr. Es kann nur besser werden – und das hoffen wir für alle Stuttgarter und ihre Gäste! ub