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Der Kessel kocht

Ursula Baus, Christian Holl, Simone Hübener | 08.23.2010

In wenigen deutschen Städten war die Aufregung im Sommer so groß wie in Stuttgart. Regelmäßig gehen und gingen bis zu 20.000 Menschen zum Hauptbahnhof und auf die Straße, um gegen Stuttgart 21 zu protestieren – das hat viele überrascht. Die großen Tageszeitungen schickten eilig ihre Reporter in die Stadt, die ZDF-Sendung "frontal" erkannte die Brisanz des Themas, während sich Politiker und andere Verantwortliche im Urlaub befinden oder auf andere Weise rar machen. Am Projekt wird freilich noch festgehalten. Die Redaktion von german-architects.com beobachtet die Vorgänge seit Jahren aus der Nähe. Und kommt zum Schluss, dass die Proteste so überraschend dann doch nicht sind.

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(Photo: Architekten)

Verkehrstechnisch ist Stuttgart 21 "hochgradig ineffektiv" – in der aktuellen ZEIT (19.8.2010) wurde noch einmal daran erinnert, dass man 1995, als die Bahn noch hinreichend in die Pflege ihrer Gleise investierte, in 2 Stunden und 1 Minute von Stuttgart nach München kam. Die S21-Befürworter trommeln gegenwärtig mit dem Argument, statt wie heute 2 Stunden und 26 Minuten brauche man dank der milliardenteuren neuen Strecke "nur noch knapp zwei Stunden". Hält die Bahn die Bevölkerung für blöd?
Unabhängige Bahntechniker halten das Projekt Stuttgart 21 für falsch, weil es nutzlos ist. Der Bahnhof wird mit 8 Gleisen zu einem höchst anfälligen Nadelöhr – zur Erinnerung: Mannheim hat 10, Karlsruhe 14, Hamburg 12 und keine Engpässe in den Tunnelröhren, die Stuttgarts Bahnhof strangulieren. Es sind Tunnels, die aus Spargründen bereits mit dünneren Wänden, weniger Notausgängen und geringerem Gleisabstand gebaut werden – außerdem in heiklem, anhydrithaltigem Untergrund. Geplant war S21 in Zeiten, die nicht im geringsten mehr mit dem heutigen Stand von Stellwerk-, Signal- oder Triebwerktechnik verglichen werden können. Gerade Kopfbahnhöfe profitieren von diesem technischen Fortschritt – wie Frankfurt, Leipzig und München, die den Wechsel zum Durchgangsbahnhof nicht mitmachen.
Das Hauptproblem in verkehrstechnischer Sicht ist und bleibt für Deutschland der Güterverkehr, der in immer größeren Mengen zwischen den niederländischen sowie deutschen Häfen und Südeuropa und außerdem in Ost-West-Richtung verläuft. Die Schweiz hat das Problem erkannt und hochleistungsfähige Bahnstrecken vor über einem Jahrzehnt mit vielen Kilometern Tunnel in Angriff genommen – zum Beispiel am Gotthard. Güter werden mit der Bahn wesentlich umwelt- und menschenfreundlicher transportiert als mit Lkws; mehr als die Hälfte der Güter sollen deswegen in der Schweiz von der Straße auf die Schiene verlagert werden.

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(Photo: Architekten)
Am 23.8. stellte Christoph Ingenhoven seinen "optimierten" Entwurf für den Bahnhofsumbau vor. Die Änderungen sind samt und sonders unwesentlich. Die Glasschalen über den Eingängen werden etwas kleiner, die Bahnsteige werden 35 Zentimeter breiter.

Die Region Stuttgart ist sowohl in den Richtungen Nord-Süd als auch Ost-West vom steigenden Güterverkehr betroffen. Güterverkehrstechnisch (und für den Regionalverkehr sowieso) ist S21 mit der teilweise eingleisigen Verbindung nach München allerdings unsinnig; auch die Steigungen auf der neuen Trasse sind ein echtes Problem. Es fehlt mit der horrenden Kostensteigerung des Prestigeprojektes außerdem das Geld für wichtige, andere Güterstrecken – etwa Karlsruhe – Basel, Frankfurt – Mannheim, München – Mühldorf, den Rhein-Ruhr-Express. Angefangene Strecken werden nicht mehr pünktlich fertig, zum Beispiel Nürnberg – Erfurt, Erfurt – Halle.
Eilfertig schlägt Verkehrsminister Ramsauer allen Ernstes den 8-streifigen Ausbau der A8 vor. Ökologisch ist dies eine Horrorvorstellung – aber eine logische Konsequenz aus der Tatsache, dass dem Güterverkehr und dem Regionalverkehr auf der Schiene jegliche Chancen verbaut werden. Nein, die Zeit für ein Prestigeprojekt wie Stuttgart 21 ist abgelaufen – verkehrstechnisch braucht das Land viel, viel bessere Lösungen. ub

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(Photo: Christian Holl)
In Stuttgart gibt es zu viele Baustellen von Projekten, die nicht unbedingt im Sinne der Bürger sind. Woher aber soll man es auch wissen: Man fragt sie ja nicht nach ihrem "Erneuerungswillen".

Der aufgestaute Frust
“Über die umstrittene Großbaustelle für Stuttgart 21 gerät manchmal fast aus dem Blick, dass auch an anderen Orten in der Landeshauptstadt Neues entsteht”, so ist auf der Internetseite der Stuttgarter Zeitung zu lesen. Allerdings nährt ein Rückblick auf die Geschichte von maßgeblichen Projekten in der Stadt den Verdacht, dass vieles gerade nicht vergessen wurde — dass sich der Protest gegen Stuttgart 21 auch aus dem Frust speist, der sich innerhalb der letzten Jahre aufgestaut hat, weil im Zweifelsfall wirtschaftlichen Interessen Vorrang eingeräumt wurde. Nicht nur wurde die schon lange artikulierte Kritik an Stuttgart 21 nie ernst genommen, auch an anderer Stelle haben sich Stadt oder Land zu oft als wenig vertrauenswürdiger Anwalt der Bürger gezeigt.
Man braucht das kleinliche Gezänk in Rathaus und Landtag, die Verfilzungen und Befangenheiten gar nicht erst zu bemühen, um den Unmut zu verstehen. Allein schon ein Blick auf das Areal hinter dem Bahnhof zerstäubt die Illusionen, dass die städtebauliche Chance von Stuttgart 21 genutzt werden wird. Nur der Würfel von sprödem Charme, in den 2011 die Stadtbibliothek einziehen soll, ist hier bislang kein Bürogebäude. Neben der Bibliothek werden weitere Bürogebäude entstehen, auf Grundstücken, auf denen 2007 noch hauptsächlich Wohnungen entstehen sollten. 43.000 Quadratmeter Verkaufsfläche sollen in einem Shopping Center entstehen, 24.000 weitere schon bald in der Innenstadt im nun endgültig beschlossenen “Quartier S”  – für kleinere Läden wird es schwierig werden. Für dieses Quartier S hatte man sich lediglich zu einem Fassadenwettbewerb durchringen können – nicht unbedingt die Methode, um zu einer guten Lösung zu kommen. Porzellan hat man auch anderswo zertrümmert: Der Wettbewerb für die Konrad-Adenauer-Straße wurde so schlecht vorbereitet, der politische Wille, die Ergebnisse umzusetzen, war so klein, dass das Vorhaben schnell wieder beerdigt wurde – das war vorherzusehen gewesen.
An der alten Messe am Killesberg hat man in einem wirren Durcheinander von Gutachten, Wettbewerben und Investorenzusagen weitere Entwicklungschancen vertan – so steht jetzt eine “Seniorenresidenz” dort, wo früher einmal geplant war, jungen Familien Wohnraum anzubieten. Und so geht es gerade weiter: Im innerstädtischen Leonhardsviertel, keinem unproblematischen Quartier, soll ein Pachtvertrag für ein Parkhaus verlängert werden, der nächstes Jahr ausläuft – hier würde die Gelegenheit für eine behutsame Stadtsanierung, die durch einen sinnvollen Neubau gestützt werden könnte, leichtfertig vergeben. Ob das im “Quartier am Karlsplatz” liegende Hotel Silber, die ehemalige Gestapo-Zentrale, als Gedenkort erhalten bleibt, ist noch offen. Von Flughafenausbau, maroden Straßenbeläge, sanierungsbedürftigen Sporthallen oder fehlenden Kinderspielplätze noch zu schweigen – die Bürger haben guten Grund, den schönen Worten zu misstrauen, mit denen sie für Stuttgart 21 gewonnen werden sollen. ch

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(Photo: Simone Hübener)
Das Hin und Her um S21 nimmt groteske Formen an: Nun werden Menschen schon dafür bezahlt, dass sie die Aufkleber, die andere gegen das Projekt allüberall anbringen, in mühsamer Kleinarbeit wieder entfernen.

Tief durch alle Schichten –
werden sich nicht nur die Bagger für den Tiefbahnhof S21 graben müssen. In allen Bevölkerungsschichten sind mittlerweile auch die Gegner des Milliardenprojekts zu finden. Sogar alteingesessene CDU-Wähler haben bereits jetzt, 213 Tage davor, eine Entscheidung getroffen: Bei den Landtagswahlen im kommenden März werden sie ihr Kreuzchen nicht mehr bei ihrer Haus- und Hofpartei machen. Völlig falsch liegen also diejenigen, die von den Gegnern als den ewig Gestrigen, den Ökofuzzis oder denen, die einfach nur auf sich aufmerksam machen wollen, reden und schreiben. Denn Jung und Alt, Grüne, Schwarze, Gelbe und Rote sowie Bahnbegeisterte, die lieber oben als unten mit dem Zug durch die Stadt fahren, machen ihrem Ärger über die ignoranten Politiker von Stadt, Land und Bund nun fast täglich Luft. Soziologisch gesehen erreicht der Protest in Stuttgart eine neue Dimension, die für das Thema "Volksbefragungen" durchaus relevant werden könnte. Und prominente Unterstützung ist ihnen sicher. Denn neben Walter Sittler, Peter Conradi und Hagen von Ortloff finden sich auch Susanne Heydenreich, Renate Künast und sogar Frei Otto, der an den Planungen des Großprojekts beteiligt war, unter den bekennenden Gegnern.
Und die Proteste weiten sich aus. Neben den Tausenden in Stuttgart gehen mittlerweile erste, wenn auch noch kleine Gruppen in anderen baden-württembergischen Städten auf die Straße.
Ganz egal, wie Sie zum geplanten Durchgangsbahnhof stehen, welche Meinung Sie auch immer vertreten mögen, eines möchte ich Ihnen noch ans Herz legen: den Stuttgarter Appell. In den vergangenen Wochen hat sich die Situation hier in Stuttgart weiter zugespitzt, die Fronten verhärten sich immer mehr und bevor noch größerer, nicht wiedergutzumachender Schaden entsteht, sollten sich alle nochmals an einen Tisch setzen und die provokanten Abrissarbeiten solange gestoppt werden. Also, unterstützen Sie den Appell! sh

Stuttgarter Appell

Die Rubrik "Stuttgart 21" der Stuttgarter Zeitung

Kopfbahnhof 21

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