Hoffnungsträger aus dem Hinterland
Chinas Wachstumserwartung ruht auf regionalen Metropolen wie Chengdu. Doch die Hauptstadt der Provinz Sichuan setzt nicht allein auf globalen Wettbewerb. Politik und Planer haben sich daran gemacht, die Kluft zwischen Stadt und Land zu schließen. Das verschärft Konflikte in den Städten.
Mega-Urbanisierung, Turbo-Verstädterung, urbane Revolution: Nicht von ungefähr haben wir uns angewöhnt, Chinas Stadtentwicklung mit Superlativen zu belegen. Seit Maos greiser Nachfolger Deng Xiaoping Ende der 1970er Jahre die wirtschaftliche Öffnung des Landes einläutete, ist der Anteil der Städter an der Gesamtbevölkerung von mageren 18 auf 51,3 Prozent gestiegen. Mehr als 300 Millionen Chinesen sind seither vom Land in die Städte gezogen. Das entspricht der Einwohnerzahl der USA. Bis 2030 soll die Zahl der Millionen-Städte von derzeit 120 auf 220 anwachsen. Glaubt man den Prognosen von McKinsey, dann werden im gleichen Zeitraum 50.000 Wolkenkratzer neu gebaut.
Die neuen Zentren
Galten bislang Metropolen wie Shanghai, Peking, Shenzhen und Guangzhou in der östlichen Küstenregion als Schrittmacher des wirtschaftlichen Wachstums, so schicken sich inzwischen die bislang Zweitplatzierten im chinesischen Städte-Ranking an, ihnen die Spitzenposition streitig zu machen. Regionale Zentren wie Chengdu und Chongqing profitieren vom Modernisierungskurs, den die Zentralregierung den wirtschaftlich rückständigen westlichen Regionen des Riesenreichs Ende der 1990er Jahre verordnet hat. Seit 2007 genießen die beiden Städte den Status einer Sonderwirtschaftszone und gelten als Vorreiter der Go-West-Politik.
Das Wirtschaftsmagazin Forbes zählt Chengdu mittlerweile zu den am schnellsten wachsenden Städten des neuen Jahrzehnts. In den ersten neun Monaten des Jahres 2011 stieg das städtische Bruttoinlandsprodukt um 15 Prozent, während sich das Wachstum in Shanghai und Peking mit rund zehn Prozent deutlich verlangsamte. Die wirtschaftliche Rückständigkeit des Westens erweist sich längst als Standortvorteil. Wie das McKinsey Global Institute ermittelt hat, liegen die Lohnkosten im Schnitt um rund ein Viertel niedriger als in den Küstenstädten. Unternehmen wie der Computerchip-Hersteller Intel oder Apple-Zulieferer Foxconn investierten früh in Chengdu, andere Investoren sind ihrem Beispiel gefolgt. Inzwischen haben 200 der 500 weltweit führenden Unternehmen eine Filiale in der Stadt. Doch die Wachstumsraten haben ihren Preis. Ähnlich wie in anderen Boom-Städten des Landes gilt die historische Bausubstanz angesichts der hohen Bodenpreise wenig. Täglich erstickt die Stadt im Verkehrskollaps. Ein U-Bahnnetz soll Abhilfe schaffen. 2010 ging die erste von sieben geplanten Linien in Betrieb.
Ungebremst: Wachstum und Optimismus
In der Konkurrenz zu anderen Billigstandorten pumpt die Stadtregierung von Chengdu enorme Summen in die Entwicklung der Infrastruktur, gewährt großzügige Investitionsförderung und Steueranreize. Seit 2007 flossen jährlich knapp 24 Millionen Euro an Fördermitteln allein in die Ansiedlung von Unternehmen der Software-Branche und Informationstechnologie. 2,2 Quadratkilometer misst der neue Software-Park in der High-Tech-Zone im Süden der Stadt samt angeschlossener Forschungseinrichtungen, der binnen kurzer Zeit aus dem Boden gestampft wurde. 600.000 Menschen sollen einmal in der gesamten High-Tech-Zone Arbeit finden, verkünden die Verantwortlichen mit ungebremstem Optimismus. Noch immer wird in neue Bürogebäude investiert, obwohl in der Stadt schon jetzt ein Drittel aller Büroflächen leer steht.
Seit Anfang der 1990er Jahre ist das Stadtgebiet um 50 Prozent gewachsen, häufig an den Planungsvorgaben der lokalen Behörden vorbei. Statt nach Plan im Osten lief der Ausbau unkontrolliert an den westlichen Rändern ab. Wertvolles Ackerland ist dabei der Interessenkoalition von Investoren und lokalen KP-Kadern zum Opfer gefallen, die am Handel mit Bauland kräftig verdienten. Das Nachsehen hatten die betroffenen Bauern, die sich nicht immer freiwillig von ihrem Grund und Boden trennten und oft nur mit geringen Entschädigungen abgespeist wurden.
Der Spekulation mit Bauland versucht die Stadtregierung unter Bürgermeister Ge Honglin inzwischen einen Riegel vorzuschieben. "Wird binnen zwei Jahren auf den erworbenen Flächen nicht mit dem Bau begonnen, kann die Stadt das Land wieder einziehen", erläutert Ge. Seit 2003 steht der smarte Manager an der Spitze der Verwaltung. Seither verfolgen Ge und sein Planungsstab eine ambitionierte Doppelstrategie: Parallel zur Positionierung Chengdus als Produktionsstandort und Finanzplatz im globalen Wettbewerb treibt die Stadtregierung die Modernisierung der ländlichen Verwaltungsbezirke voran.
Die ländlichen Regionen integrieren
Ein integriertes Planungskonzept, das von der städtischen Ebene bis hinunter in die Kreise, Dörfer und einzelnen Wohnquartiere reicht, sieht vor, die Kluft zwischen Stadt und Land durch eine zügige Entwicklung der ländlichen Regionen zu schließen. Zweistellige Milliardenbeträge investiert die Stadt jedes Jahr dafür. Mit dem Geld wird nicht nur die Industrieansiedlung und der Ausbau von Straßen und öffentlichen Verkehrssystemen gefördert, es fließt auch in die Qualifizierung der Bauern, die Verbesserung der Sozialleistungen, den Bau von Kindergärten und Schulen und den Aufbau eines modernen Gesundheitssystems in den Dörfern und Kleinstädten.
Ob sich mit der Modernisierung der ländlichen Regionen der weitere Ansturm vom Land eindämmen lässt, dürfte sich bald schon zeigen. Denn mit Rückendeckung der Zentralregierung haben sich Ge Honglin und seine Berater daran gemacht, eine Grundfeste der chinesischen Gesellschaftsordnung zu schleifen, die bislang noch allen Reformversuchen trotzte: das staatliche Meldesystem (Hukou), ein Relikt aus der Mao-Ära, das die Ungleichheit zwischen Stadt und Land in China bis heute zementiert und immer wieder für Proteste sorgt. Noch immer ist es der Landbevölkerung untersagt, ohne behördliche Genehmigung in die Stadt zu ziehen, wo das Pro-Kopf-Einkommen mehr als dreimal so hoch ist. Die Mehrzahl der 200 Millionen Bauern, die ihre Dörfer verlassen haben, um sich in Chinas Städten als Wanderarbeiter zu verdingen, lebt dort folglich illegal und ist von der wohlfahrtsstaatlichen Grundversorgung für Städter ausgeschlossen.
Wenn es nach Bürgermeister Ge Honglin geht, dann soll es mit der Diskriminierung der Wanderarbeiter in Chengdu endgültig vorbei sein. Mit der Reform des Meldesystems sollen die rund 2,5 Millionen Zuwanderer, die zurzeit noch ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus in Chengdu leben, ermutigt werden, sich als Stadtbewohner mit allen ihnen zustehenden Rechten registrieren zu lassen. Gleichzeitig fallen für 4,8 Millionen Menschen, die in den ländlichen Verwaltungsbezirken von Chengdu wohnen, die Barrieren, die sie bislang an einer Übersiedlung in die Stadt hinderten.
"Die Reform wird zum Anstieg der Zuwanderung führen und die städtischen Sozialsysteme mächtig strapazieren", befürchtet Professor Chen Jiaze, Vizepräsident der Akademie für Sozialwissenschaften in Chengdu, die den Bürgermeister und seine Planer berät. Schon jetzt ist die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum groß. Denn innerhalb von nur zehn Jahren ist die Einwohnerzahl von 11 auf 14 Millionen gestiegen. Den größten Zustrom verzeichnet das eigentliche Stadtgebiet. Hier lebt rund die Hälfte der Bevölkerung. Die andere Hälfte verteilt sich auf die ländlichen Verwaltungsbezirke von Chengdu und die Satelliten-Städte. Und wie überall in China hat sich mit dem rasanten Wachstum die städtische Einkommensschere auch in Chengdu weiter geöffnet. Das oberste Fünftel auf der Einkommensskala verdient heute rund sechs mal so viel wie das unterste Fünftel. 1985 lag das Verhältnis noch bei zwei zu eins.
Engpässe in den Städten
Damit sich auch Durchschnittsverdiener in den boomenden Metropolen noch eine Wohnung leisten können, hat die Zentralregierung im vergangenen Jahr den Bau von 36 Millionen Sozialwohnungen während des laufenden Fünf-Jahres-Plans beschlossen. 200.000 davon entfallen auf Chengdu. Für 57.000 bezahlbare Wohnungen wurde allein 2011 der Grundstein gelegt. Am östlichen Stadtrand von Chengdu lassen sich die Ergebnisse bereits besichtigen. Ein Komplex mit 816 öffentlich geförderten Wohnungen ist dort gerade bezugsfertig geworden. Der günstigste Mietpreis liegt bei 100 Yuan (12 Euro) pro Monat, der subventionierte Kaufpreis bei 3.000 Yuan (370 Euro) pro Quadratmeter. Ein Schnäppchen im Vergleich zu den Preisen auf dem freien Markt: "Rund 10.000 Yuan (1230 Euro) müssen Käufer im Schnitt für den Quadratmeter hinblättern", erzählt Li Chunxiao, eine junge Journalistin, die seit ein paar Jahren die Veränderungen in ihrer Heimatstadt beobachtet.
"Die Privatisierung der ehemals staatlichen Wohnungsversorgung hat dazu geführt, dass sich die städtische Gesellschaft neu sortiert", erzählt Li. Die großen Investoren und Bauträger, die den Immobilienmarkt in China dominieren, stecken ihr Geld nicht in den Bau von Sozialwohnungen, die kaum Renditen bringen. Sie bedienen den westlich orientierten Lebensstil der neuen Mittel- und Oberschicht mit zentrumsnahen Großprojekten und abgeschotteten Luxuswohnanlagen. Für diejenigen, die vom chinesischen Wachstumsmodell nicht profitieren, bleiben nur die Sozialsiedlungen am Stadtrand. So entwickelt sich das urbane China auch räumlich zu einer tief gespaltenen Gesellschaft. Werner Girgert
Der Autor ist Journalist und Soziologe. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Bereich der Stadtforschung. Sein besonderes Interesse gilt den Folgen der Globalisierung und dem Thema Gentrifizierung.


