Bauen für Kranke

Petra Bohnenberger | 03.28.2012
Architekten können wenig am Prozedere der Krankenhausverwaltungen ändern, auch nicht an der eventuell unzureichenden Behandlungsmoral einiger Ärzte oder der Überarbeitung von Kranken- und Pflegepersonal. Neue Untersuchungen erweitern das Wissen darum, wie wichtig die Umgebung für eine schnellere Genesung der Patienten ist.
Das Familienhaus in Tübingen, in direkter Nachbarschaft zur Kinderklinik. Die beiden Wohngeschosse kragen weit über das Erdgeschoss hinaus. (Bild: Petra Bohnenberger)

Irgendeine Geschichte über Krankenhausaufenthalte oder Arzttermine hat jeder zu erzählen. In der Regel kommen darin weder Lob noch ein gutes Gefühl vor. Zu lange Wartezeiten, verschobene Operationstermine, verunsicherte Patienten. Die Liste ließe sich fortführen und sie zeigt, dass es viel zu tun gibt, um Kranken zu helfen.
Ansetzen könnte man beispielsweise an der Verbindung zur Natur. Denn nicht erst seit ein paar, sondern schon seit 40 Jahren wird daran geforscht, inwiefern die Nähe zur Natur und die Genesung oder Heilung von Patienten im Zusammenhang stehen. Nachgewiesen wurde dabei, dass Patienten mit direktem Fensterplatz und Blick auf die Natur durchschnittlich früher entlassen werden können als Patienten mit Blick auf eine Wand oder monotone Fläche. Auch dass Farben beruhigend wirken oder die Nähe von Familienangehörigen zum Wohlbefinden der Patienten beitragen, ist nicht wirklich neu.

Neubau des Kreiskrankenhauses Schotten. Zum Fassadenkonzept: vom Wald inspiriert, im Wald gebaut, mit dem Wald im Dialog (Bild: woernerundpartner Planungsgesellschaft mbh)
Forschung
Krankenhausbau, oder wie man vielleicht auch sagen kann: Bauen für die Genesung, erfordert spezialisiertes Wissen, zum einen über die organisatorischen Strukturen eines solchen Gebäudes, zum anderen über die äußeren Faktoren, die den Heilungsprozess beschleunigen oder befördern.
An der Technischen Universität Berlin gibt es den Fachbereich Health Architecture, mit dem Forschungsprojekt Healing Architecture. Dabei geht es zum einen darum, Richtlinien für eine auf neurowissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Planung von Gesundheitsbauten zu entwickeln. Außerdem soll eine neutrale, deutschlandweite Plattform gegründet werden, auf der alle Forschungsergebnisse gesammelt und ausgewertet werden. Die Zauberformel ist Evidence Based Design (EBD), was so viel heißt, wie die messbaren Effekte von Gebäuden auf die Genesung der Patienten bei der Planung von Krankenhäusern zu berücksichtigen.
Die wesentlichen Aspekte lassen sich in wenigen Stichpunkten zusammenfassen: Licht, Farbe, Geräusch, Geruch und Orientierung. Wie Untersuchungen bestätigen, ist die Lage des Krankenhauses allein schon ein stark beeinflussender Faktor bei der Genesung der Patienten. So entstehen immer wieder und immer häufiger Kliniken in Wäldern oder am Stadtrand.
Ein weiterer Faktor ist die enorme Lärmbelastung im Krankenhaus. Der Lärmpegel steigt und beeinträchtigt das Wohlbefinden von Personal und Patienten. An dieser Stelle gibt es viel zu tun, um die Betriebsgeräusche eines Krankenhauses zu senken und die Aufenthaltsräume schalltechnisch sinnvoller zu konstruieren. Damit ließen sich hoher Blutdruck senken, ebenso die Schmerzempfindlichkeit und damit die Einnahme von Schmerzmitteln, die Rehospitalisierung von Herzinfarktpatienten verringerte sich.
600 Familien finden jedes Jahr im neuen Ronald McDonald Haus in Tübingen (BRT Architekten) eine Heimat auf Zeit. Kosten: 20 Euro pro Tag und Person. (Bild: McDonalds Kinderhilfe Stiftung)
Familienhäuser
In Tübingen wurde im letzten Jahr das erste Ronald-McDonald-Haus Baden-Württembergs eröffnet. Entworfen von Hadi Teherani, liegt es in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kinderklinik und bietet den Familien schwer kranker Kinder 30 Apartments für bis zu 4 Personen, damit sie in einer Wohlfühlumgebung die Genesung ihrer Kinder begleiten können. Das Tübinger Haus ist das 17. in Deutschland, das die McDonalds-Kinderhilfe erbaut hat. Seit 25 Jahren kümmert sich die Stiftung darum, dass kranke Kinder im Kreis ihrer Familien wieder gesund werden können. Das Haus in Tübingen besticht durch seine klare Form, die den Kliniken und der Straße zugewandte Seite ist komplett verglast, die Räume sind hochwertig, praktisch und modern eingerichtet. Den Familien wird ein Ort gegeben, der ihnen hilft, die schwere Zeit zu überstehen. Das Konzept dieser Häuser funktioniert und der Name McDonalds bringt eine öffentliche Präsenz, wie sie kaum einer anderen Institution in so kurzer Zeit gelingen kann.
Mit neuen Lichtsystemen lässt sich das Ambiente in den Patientenzimmern ganz individuell ändern, mal gemütlich beruhigend, mal ausreichend hell für die Visite oder ganz nüchtern für notwendige Untersuchungen. (Bild: Philips)
Ein paar Beispiele
An der TU Dresden, im Fachbereich Architekturpsychologie, wird über die gestalterischen Konzepte bei Patientenzimmern und ihre Einflüsse auf die Heilung geforscht.
Im BDA wurde schon vor 40 Jahren,ein Verein gegründet, Architekten für Krankenhausbau und Gesundheitswesen im BDA e.V., der sich mit notwendigen Standards in der Architektur für Kranke auseinandersetzt. Der Verein sieht seine Aufgabe im Ermitteln von Grundlagen für den Krankenhausbau durch einen ausgiebigen Dialog mit der Fachöffentlichkeit und die damit verbundene behördliche Regelung. Er veranstaltet regelmäßig Tagungen und Symposien und veröffentlicht in wiederkehrendem Turnus ein Handbuch, indem die Mitgliederbüros ihre geplanten oder gebauten Projekte im Gesundheitssektor vorstellen können.
Die Firma Philips hat eine Beleuchtung entwickelt, die Stress reduziert und die Krankenzimmer optimal beleuchtet. Dazu hat das Maastricht University Medical Center in einer Feldstudie belegt, dass Patienten mit dem Licht HealWell wesentlich besser einschlafen und länger durchschlafen können. Grundlage und Neuerung bei diesem Licht ist eine dynamisch wechselnde Lichtintensität, die sich angelehnt an das natürliche Tageslicht verändert und so den Biorhythmus der Patienten und Mitarbeiter positiv beeinflusst.
(Bild: Screenshot)
Was kommt?
Ich frage mich allerdings, ob das Konglomerat Krankenhaus bis ins Unermessliche wachsen sollte oder nicht doch kleinere Versorgungseinheiten sinnvoller wären. Ein Krankenhaus mit 20 Operationssälen oder mehr benötigt schon allein für die Raumbelegung und die Personalorganisation eine eigene Verwaltung. Da kann ein Patient nur noch als Nummer behandelt werden. Ähnlich sieht es in den Bettentrakten aus. Wenn eine "Genesungsstation" mit endlos langen Fluren Zimmer an Zimmer reiht, mit häufigen (und auch wünschenswerten) Patientenwechseln, kann das Personal nur noch von der Belegung des Zimmers sprechen und nicht mehr vom Patienten selbst. Und auch eine leichte Orientierung ist ein wichtiger Faktor für das Wohlbefinden im Krankenhaus. Für Kranke und Angehörige dürfen Wegeführung und Dimension des Gebäudes nicht einschüchternd und verwirrend wirken. Die Studien und Forschungsergebnisse machen Mut, dass sich das Gesundheitswesen in die richtige Richtung bewegt. pb
Mehr Informationen:
Eine Idee, nicht ganz neu, aber gut!?
Patientenhotels in Zeit online

Behandlungsräume: Die Einrichtung therapiert mit
www.aerzteblatt.de

Veranstaltungen des AKG

McDonald’s Kinderhilfe

Lärmminderung in Krankenhäusern
www.medizinfo.de

Aging in Place! Und was, wenn nicht?
emagazin 3|12