Haus S.

Der Münchner Architekt Stephan Maria Lang strebt nach einem Gesamtkunstwerk. Am Ufer des Starnberger Sees hat er für ein Ehepaar eine bewohnbare Raumplastik entwickelt, die wie ein Massanzug passt. 

Überall im Atelier von Stephan Maria Lang stehen Modelle aus Karton, Holz oder Gips herum. Der Gründer von Design Associates entwickelt mit Miniaturmodellen die Modulation eines Baukörpers. Alles Willkürliche hat für Lang keinen Platz. Formal diszipliniert, aber niemals steif sind seine Entwürfe. Er benutzt den Computer, als wäre dieser ein hoch entwickelter Farbstift. Er zeichnet, druckt Zwischenstände aus, collagiert und übermalt sie wieder, scannt neue Skizzen ein und bearbeitet sie weiter. In den letzten Jahren entwarf das Büro mehr als 15 Einfamilienhäuser, die das Besondere eines Ortes aufspüren und mit den Wünschen und der Persönlichkeit einer Bauherrschaft verbinden. Stephan Maria Lang sieht sich nicht als Künstler, sondern als ein kreativer Dienstleiter. Frei nach Schinkel sieht er es als Pflicht der Architektur an, Nützliches, Praktisches und Zweckmässiges in etwas Schönes zu verwandeln. Gebäude müssen als Erstes funktionale Abläufe perfekt erfüllen und alle technischen und statischen Erfordernisse spielerisch integrieren.

Zum zweiten Mal – Diese ungebrochene Lust auf Architektur und die stetige Suche nach Schönheit im Unvollkommenen sind auch bei einem Haus am Starnbergersee zu spüren. Die Bauherrschaft, die aus Amerika wieder nach Bayern zurückkehrte, hatte bereits früher ein Eigenheim von Stephan Maria Lang entwerfen lassen. Nun wünschte sich das Ehepaar nach dem Gesellenstück eine kleinere Bleibe, ein Meisterstück eben. Ein Bebauungsplan, der ein Satteldach vorsah, eine parallel zum Grundstück verlaufende Erschliessungsstrasse, die das Baufenster enorm einengte, und eine nach Osten orientierte Hanglage machten die Aufgabe nicht einfacher. Auf dem verwilderten Grundstück verstellten zudem Bäume den gewünschten Seeblick.

Kalifornische Moderne – Der Architekt entwickelte einen zweigeschossigen, skulptural geformten Baukörper, der über dem Grundstück zu schweben scheint. Horizontale Schichten aus weiss verputztem Beton und Glas verleihen den Volumen etwas Schwereloses. Mächtige Steinelemente, die aus dem Gelände wachsen, verankern das Haus und brechen bewusst die horizontale Leichtigkeit. Herzstück der grosszügigen Terrasse ist der frei in die Landschaft auskragende Pool. Das längliche Wasserbecken setzt ein Gegengewicht zu den parallel zur Strasse ausgerichteten Kubaturen. Eine Glaswand hält das Wasser zurück, das sich sonst einem Wasserfall gleich über die Terrassenplatte ergiessen würde. Es überrascht nicht, dass Stephan Maria Lang von Vorbildern wie Wright, Schindler, Neutra und Lautner spricht. Die Villa knüpft mit ihren ausladenden Dächern und grossen Glasflächen an die Zeitlosigkeit der Martini-Moderne Kaliforniens an.

Schwellenlos und ohne Keller – Gelebt und gearbeitet wird im Eingangsgeschoss auf Strassenniveau. Darunter befinden sich die privaten Schlafräume mit direktem Zugang in den Garten und eine Hausmeister-Einliegerwohnung. Um später eine behindertengerechte Nutzung möglich zu machen, gaben die Bauherren ein ebenerdiges, schwellenloses Wohnen vor. Einen Keller gibt es nicht. Die beiden Etagen sind neben der einläufigen Treppe durch einen Lift miteinander verbunden. Der Weg zum Haus ist inszeniert und erfolgt über einen grosszügigen halböffentlichen Vorfahrtsbereich. Bereits im Entree ist das wohltuend schlichte Material- und Farbkonzept zu spüren. Weisse Wände für die Kunst, Böden sowie Küchenmöbel und fest eingebaute Staumöbel in Ahorn und die zurückhaltende Farbigkeit des Kehlheimer Natursteins einzelner Wandelemente atmen Behaglichkeit. Die perfekt ausgearbeiteten Details unterstützen die Atmosphäre zusätzlich. Vom funktional proportionierten Eingangsbereich gelangt man einerseits in den grössten Raum des Hauses, die offene Wohnküche, und in Bibliothek sowie Arbeitszimmer. Die feudal geschnit-tene Kochstelle mit offenem Essbereich bildet das gesellschaftliche Zentrum des Hauses.

15 Meter Fensterfront – Innen- und Aussenraum sind als durch Schiebetüren abtrennbares Raumgefüge gestaltet. Genau komponierte Blickachsen auf die Umgebung mit See und Bergen prägen den Grundriss. Die Fensterfront, die aus einem Schiebefenstersystem von Sky-Frame besteht, kann über 15 Meter frei geöffnet werden. Beinahe acht Meter schiebt sich die Dachplatte stützenlos auskragend über die Terrasse. Prägendes Element ist ein offener Kamin mit Sitzbank unter freiem Himmel. Energieeffizientes Bauen mit hoch gedämmter Fassade, Wärmepumpe und Solaranlage sind ebenso selbstverständlich wie computergesteuerte Haustechnik und modernste Kommunikationstechnik. Das Sonnenlicht modelliert die Räume am Tage, in der Nacht tut dies ein ausgeklügeltes Lichtkonzept mit LED-Technik. Zwischen Haus und Grundstücksgrenze fügte der Architekt zum Beispiel einen Innenhof in den Hang. Dieser geschützte Patio dient als intimer Rückzugsraum, als Ort der Einkehr, der Licht bis tief ins Gartengeschoss führt. Die Natursteinwand ist hinterleuchtet und verliert in der Nacht ihre Schwere, wirkt wie ein hinterleuchtetes Stück Stoff, das sich im kleinen Wasserbecken spiegelt.

Fliessende Übergänge – Das Spiel der fliessenden Übergänge von Innen und Aussen wird im Garten fortgesetzt. Die einzelnen Gebäudekörper verzahnen sich wie eine Skulptur mit dem Aussenraum und bilden differenzierte Ein- und Ausblicke. Um die Sicht auf den See wiederherzustellen, musste das verwilderte Grundstück erst stark ausgelichtet werden. Der Architekt, für den die Gestaltung von Aussenräumen in den letzten Jahren zu einer grossen Leidenschaft gewachsen ist, erfüllte der Bauherrschaft ihren Wunsch nach einem pflegeleichten Grün und entwickelte einen fein modellierten Präriegarten mit Gräsern und Natursteinfindlingen. Ein Meer aus Lampenputzergräsern und 6000 Exemplare des Weissen Riesenlauchs Allium «Mount Everest» ziehen sich den Hang hinauf und nehmen im Laufe der Jahreszeiten unzählige Schattierungen von Grün über Weiss bis Goldgelb an. An den Grundstücksgrenzen pflanzte Stephan Maria Lang Rhododendren und Lorbeer, welche die direkte Nachbarschaft ausblenden, den Blick auf die Umgebung aber nicht verstellen. Entstanden ist ein inszenierter Garten, der sich im Zwiegespräch mit dem Haus harmonisch in die Natur einfügt.
Ort
Starnberger See
2011
Kompetenz Sky-Frame
 Sky-Frame 3

Architekt
Stephan Maria Lang

Tags
Residential, Single Houses