Tupfendecke

Vom Altbau aus wird die neue Ausstellungsfläche im Untergeschoss des Städel achsial erschlossen. Links Gustav Peichls Erweiterung von 1990.
Stuttgarter (pardon) denken bei der Decke des unterirdischen Städel-Erweiterungsbaus unwillkürlich an das, was ihnen für ihren Bahnhof versprochen wird. Vielleicht sollten Christoph Ingenhoven und Rüdiger Grube tatsächlich eine Stippvisite in Frankfurt machen, um sich die hier erlebbare, mit 195 Lichtaugen bestückte Fläche rund 50fach für Stuttgart vorzustellen. Bei der Erweiterung des Städel wählten die Architekten den Weg in den Untergrund vor allem, um das seit 1873 gewachsene Museumsensemble um rund 3.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche zu erweitern und dem dicht bebauten Quartier dennoch ein Stück Grünfläche zu gönnen. Außerdem ließ sich die achsiale Erschließung des Altbaus über den Gartenflügel elegant ins Tiefgeschoss fortführen, das im hellen Terrazzoboden mit dem Schriftzug "Hertie Gartenhallen" gekennzeichnet ist. Museumschef Max Hollein wird eine begnadete Fähigkeit nachgesagt, wenn es um die Finanzierungsakquise seiner Häuser und Ausstellungen geht.
Hausherr des Städel (benannt nach dem Sammlungsgründer Johann Friedrich Städel): Max Hollein auf der Haupttreppe.
Die Übergänge im ersten Treppenbereich, in dem die Geländerform des Altbaus wiederkehrt, und dann hinab ins Untergeschoss sind reibungslos und in der Orientierung absolut selbstverständlich gelungen. Heller Terrazzo auf der Treppe und im neuen Ausstellungsgeschoss lässt vergessen, dass man hier bis zu acht Meter unter Erdgeschossniveau weilt (weiße Wanne, zusätzlich abgedichtet). Die Oberlichter, die Tageslicht einlassen (nur eine Hightech-Kamera vermag es vom Kunstlicht zu unterscheiden) oder auch komplett verdunkelt werden können, fallen etwas unruhig auf. Und hätten nicht Kuehn Malvezzi mit geschickt platzierten Stellwänden den Raum passend strukturiert, Sichtachsen auch in diagonale Richtung inszeniert – dann könnte die Lichttupfendecke schon etwas nerven. Aber so ergibt sich eine angenehme, von Martin Engler kuratorisch bestens genutzte Abfolge von Schauräumen, die dem Besucher keine Richtung aufzwingt, ihn vielmehr auf gut Glück in eine Art "Hain" der Gegenwartskunst entlässt.
Wandscheiben im Bereich, wo sich die Decke zu "Kuppel" hoch schwingt.
Zur Orientierung hilft der Blick nach oben, wo sich die Decke in sanftem Schwung zur zentralen, so genannten "Kuppel" hebt. Von hier aus erschließen sich die Sektionen der Ausstellung, wobei das Zusammenspiel von Malerei und Fotografie ins Auge fällt; den Sammlungsgeschenken des Städels, der sich gern als "Bürgermuseum" charakterisiert, ist es zu danken. So finden zum Beispiel Anselm Kiefer, Joseph Beuys und Sebastiao Salgado zusammen. Die Proportionen zwischen kabinettähnlich angeordneten Stellwänden und großzügigen Zwischenräumen vermeiden, dass man sich beengt vorkommt.
Die Stellwände sind deutlich auf die Anordnung der Lichtaugen ausgerichtet.
Das gesamte Ensemble der inzwischen fünf Bauabschnitte des Museums Städel wird mit dieser jüngsten Erweiterung zu einer trefflichen Einheit geführt. Was so einfach aussieht, bedurfte einer klaren Entwurfsentscheidung und – so hört man's auch – eines engagierten, zügigen, disziplinierten Zusammenwirkens aller Beteiligten. Bleibt zu erwähnen, dass der Bau bei Gesamtkosten von etwa 52 Mio Euro zu 50 Prozent durch private Spenden unterschiedlicher Größenordnung finanziert ist. Honi soit qui mal y pense: Den  Kuratoren muss es gelingen, die Lücken zwischen den Sammlerinteressen kenntnisreich und öffentlich finanziert zu füllen.
Ursula Baus
Die Architekten Schneider und Schumacher in ihrem jüngsten Werk. Man sieht, wie niedrig die Räume bleiben mussten und der geschickten Position von Stellwänden bedurften.
Erdgeschoss
Schnitt
Untergeschoss
Städel Museum
2012

Schaumainkai 63
60596 Frankfurt am Main

Bauherr
Städelsches Kunstinstitut
Frankfurt am Main

Architekt
schneider+schumacher
Frankfurt am Main

Projektleiterin
Miriam Baake

Bauleitung
schneider+schumacher

Innenarchitektur
Kuehn Malvezzi
Berlin

Tragwerksplanung
Bollinger und Grohmann
Frankfurt am Main

Haustechnik
IPB GmbH

Rohbau
Ed. Züblin AG – Direktion Mitte
Darmstadt

Fassaden/Oberlichter
seele sedak GmbH & Co. KG
Gersthofen

Licht/LEDs
Zumtobel Lighting GmbH
Dornbirn

Boden/Terrazzo
Bayer Betonsteinwerk GmbH
Blaubeuren

Außenanlagen
August Fichter
Dreieich

Innenausbau
Baumgärtner Einrichtungen
Hassfurt/Main

Bruttogeschossfläche
4.151 m² (Erweiterung)
24.726 m² (Gesamt)

Baukosten
ca. 40.000.000 Euro (netto)

Fotografie
Barbara Staubach (Hollein, Schneider, Schumacher)
Norbert Miguletz