Alltagsaufgabe, Feiertagslösung

Vor die bestehenden Struktur wurde eine neue Schicht aus dunklem, wie Holz wirkendem Kunststoff und den "Flexboxen" gesetzt, die das Raumangebot erweitern.
Es müssen wohl die jungen Architekten sein, die den Beweis erbringen, dass eine unbequeme Standardaufgabe nicht so gelöst werden muss, dass sie den biederen Geruch von Schwarzbrot verbreitet. Das junge Team von blauraum Architekten hat ein viergeschossiges Büro- und Parkhaus aus den 70er Jahren umgebaut: Kein Gebäude, dem man eine Träne nachgeweint hätte, wäre es abgerissen worden, stand es doch bereits leer. Allerdings wird man es sich in Zukunft nicht leisten können, der Bequemlichkeit halber einfach abzureißen, was nicht mehr goutiert wird. Leider aber wird man bei derartigen Umbauten oft genug mit einer etwas hilflosen Anbiederung an Zeitgeschmack konfrontiert, mit der die Fassade »aufgefrischt« wird.
Die Fassade aus einer beschichteter Kunstoffaserplatte entfaltet ein eigenartigen Reiz zwischen Pop und Gediegenheit.
Nicht so in Hamburg: blauraum hat mit 15 Wohnungen und 23 Stellplätzen das Gebäude, das in Harvestehude, zwischen Rotherbaum und Elmsbüttel in Nachbarschaft zur Grindelallee durchaus attraktiv liegt, neu belebt und es verstanden, die Verbesserung des Raumangebots mit einer ganz neuen ästhetische Qualität zu verbinden.
Das Betonskelett des Bestands erlaubte eine flexible Raumaufteilung, die für Wohnungen des gehobenen Standards von 80 bis 110 Quadratmetern Größe genutzt wurde. Eine Folge ineinander übergehender Räume kennzeichnen die Wohnungen, von denen jede zu beiden Gebäudeseiten hin orientiert ist.
Mit großer Offenheit und großzügiger natürlicher Belichtung wurde das Manko der niedrigen Raumhöhe wettgemacht.
Das Gebäude erhält zwei neue, vorgesetzte Schichten, die den Wohnungen neue Raumqualitäten schenken und die niedrige Deckenhöhe von etwa 2,50 Meter kompensieren: eine durchgehende Balkonebene mit großzügiger Verglasung auf der Gartenseite im Südwesten und eine mit fast zwei Meter auskragenden Boxen zur Straße, die unterschiedlich genutzt wurden: Als Erweiterung von Küche, Schlafzimmer oder Bad nehmen sie Sauna, Badewanne oder Esstisch auf. Das neue Fassadenmaterial ist kein Holz, wie der erste Eindruck nahelegt, sondern eine beschichtete Kunststofffaserplatte, die auf die Dämmung geklebt wurde. Eine besondere Mischung aus durchdachtem Raum-Konzept und einem feinsinnigen Spiel mit der Täuschung.
Christian Holl
Grundriss
Umbau eines 70er Jahre
Büro- und Parkhauses
zum Wohnhaus
2005
Boggenallee 10-12
20144 Hamburg

Auftraggeber
COGITON Projekt
Harvestehude GmbH
Hamburg

Architektur
blauraum Architekten
Hamburg

Projektleitung
Carsten Venus

Bauleitung
Dirk Fischer-Appelt

Tragwerksplanung
Windels, Timm, Morgen
Hamburg

Haustechnik
PlanerWerft
Hamburg

Landschaftsplanung
Breimann & Bruun
Hamburg

Bruttogeschossfläche
2.973 m2

Fotografie
Giovanni Castell
Christian Schaulin